Kapitalismus – welcher Kapitalismus?

„Der Kapitalismus unterdrückt. Er muss überwunden werden. Die Menschen müssen durch die Überwindung befreit werden. Wahre Freiheit kann es nur jenseits des Kapitalismus geben. Lohnarbeit ist Fronarbeit im Kapitalismus, weil der Kapitalist den Lohnarbeiter immer unterdrückt.“ So eine weitere Reaktion auf meinen zugegeben im Titel provokativen Artikel Rechts, links, progressiv, konservativ, liberal, scheißegal – darüber zu diskutieren lohnt sich kaum noch, welcher sich eigentlich der mangelnden Wertschätzung in unserer Gesellschaft angenommen hatte. Dass das der Bäcker um die Ecke, die Frisörmeisterin in ihrem Geschäft, die vielen Beschäftigten im Handwerk anders erleben, scheint den Marxisten – denn meist sind es diese, die hier so reden – nicht zu interessieren. Nun, vielleicht kann ich es hier für sie interessanter machen. Wir werden es sehen.

Gibt es den einen Kapitalismus?

Nein, den gibt es nicht. Das, was Marx beschrieb – der sich übrigens selbst nie als Marxist gesehen hatte -, war der Manchester-Kapitalismus. Schon am Namen ist zu erkennen, dass das eine Form des Kapitalismus ist, was auf mehr als eine Form des Kapitalismus schließen lässt. Dieser Rückschluss ist auch richtig, denn natürlich ist Kapitalismus nicht gleich Kapitalismus, und – auch das gleich mitgesagt – nicht immer muss der Kapitalismus zur Unterdrückung der Massen führen, wie die Marxisten gern behaupten, die sich ein recht idealistisches Bild vom Kapitalismus zurechtgelegt haben und diesem Ideal folgend dann argumentieren. Aber auch nicht immer muss der Kapitalismus gute Ergebnisse erbringen, schon gar nicht ist er alternativlos, wie die neoliberalen Vertreter des Kapitalismus behaupten. Er ist, was er ist, eine Form der Organisation von Wirtschaft, und inwieweit wir ihn politisch, gesellschaftlich wirken lassen, das obliegt unserer Entscheidung, das ist Aufgabe der Politik.

Die zentrale These

Der Kapitalismus ist ein kulturabhängiges Wirtschaftssystem und funktioniert auch nur so lange, wie er sich innerhalb der Vorgaben der Kultur bewegt. Erhebt er sich über die Kultur oder gar die Kulturen, so scheitert entweder er oder der Mensch. Der Neoliberalismus zerstört diese eigentliche Symbiose gerade wieder einmal. Den Neoliberalismus mit dem Kapitalismus an sich gleichzusetzen ist deshalb auch falsch.

Der Irrglaube vieler Kapitalismuskritiker

Es ist und bleibt ein Irrglaube, dass der Kapitalismus erst mit der industriellen Revolution entstanden sei. Die vielen Formen des Handelskapitalismus dabei zu ignorieren, die es lange vor Smith und Marx gab, trug wohl zu diesem Irrglauben entscheidend bei. Es gab den Kapitalismus schon lange vor Marx, sogar schon lange vor dem europäischen Handelskapitalismus, in Europa und an anderen Orten der Welt.

Die Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital werden und wurden in jeder anderen Organisation des menschlichen Zusammenlebens gebraucht, in den historisch relevanten wie in den denkbaren wirtschaftlichen Organisationsformen innerhalb und jenseits des Kapitalismus. Es geht deshalb im Kapitalismus, wie in jedem anderen denkbaren Wirtschaftssystem, allein um die Macht über diese Produktionsfaktoren.

Wem will man diese Macht geben? Das ist deshalb doch hier die Kernfrage.

Wem vertraut man diese Macht an?

Muss man hier überhaupt eindeutig entscheiden oder kann man hier Mischformen finden?

Wie auch immer, die Grundregeln des ökonomischen Handelns kann man nicht außer Kraft setzen, denn die entstehen ausschließlich aus dem Zusammenspiel der Produktionsfaktoren und des Einflusses derer, die die Macht darüber ausüben können. Die zu treffende Entscheidung ist deshalb immer eine politische.

Fast nichts ist vielfältiger und wandlungsfähiger als der Kapitalismus

Der Kapitalismus kann viele Formen annehmen, nicht nur die des Manchester-Kapitalismus oder jetzt des Neoliberalismus, in denen die Macht des Kapitals über allem stand und nun wieder steht. Welche Formen man schafft, hängt allein von der Frage ab: Wie hoch ist die Macht, welche man dem Kapital und seinen Vertretern gesellschaftlich zuzubilligen bereit ist?

Schon in der Vergangenheit war es immer diese Frage, die es zu beantworten galt, und sie wird auch in Zukunft nie eine andere sein. Dass sie im Rheinischen Kapitalismus anders beantwortet worden ist als nach Kohls Wende und Schröders Vollendung dieser Wende, ist wohl jedem einigermaßen gebildeten Menschen klar.

Der Irrtum seit Platon, auch der der Aufklärer

Der Kapitalismus, wie jeder Ismus, unterliegt nicht nur der Gewalt der Sprache, wie ich in meiner ersten Erwiderung in „Die Sprache und ihre Gewalt“ schon deutlich machte, sondern auch dem Irrtum, dass man sich nur ein Ideal zu denken bräuchte, und dann würde sich alles andere, die Normen und die Werte, schon idealtypisch entwickeln. Irrtum, denn das Ideal, welches zu befreien vorgibt, befreit nur von dem zur Befreiung Erkannten, schafft aber nicht Freiheit per se, im Gegenteil, das Ideal schafft neue Unfreiheiten. Das Ideal ist deshalb auch der Freiheit Feind.

Die Lösung liegt im Kompromiss

Nur der Kompromiss kann die Lösung bringen. Der beständige Kampf um den Kompromiss, der sicher nach Idealen streben darf, aber nie selbst zum Ideal heraufstilisiert werden darf, der nie zum Erreichen irgendeines Ideal führen darf. Finden wir uns damit ab, dass das Ringen um den besten Weg immer und beständig unser Weg sein muss. Seien wir echte Demokraten, denn das ist der Kern der Demokratie. Das Ideal führt zur Diktatur, zwangsläufig.

Der Kompromiss braucht Wertschätzung, immer wieder Wertschätzung. Ohne gegenseitige Wertschätzung wird es keinen Kompromiss geben können.

Das heißt nicht, dass man sich alles gefallen lassen müsste, ganz im Gegenteil – auch ein Kritikpunkt, den ich hier klarzustellen habe. Demokratie braucht den Kompromiss, muss aber auch kompromisslos sein können. Dieses Paradox ist nur scheinbar. Denn wer sich der Demokratie entledigen möchte, dem kann man nicht mit dem Kompromiss begegnen, auch dann nicht, wenn er sich der Mittel der Demokratie bedient. Hier hat der Kompromiss ebenso eine Grenze wie die Toleranz. Denn unbegrenzte Toleranz gegenüber den Intoleranten kann sich keine Gesellschaft leisten, und wer so Voltaire versteht, hat Voltaire wohl auch nicht verstanden, überzieht seine Einsichten zur Toleranz und Meinungsfreiheit.

Eine kapitalistische Gesellschaft ist die des Kompromisses, wenn sie erfolgreich sein will

Der Kapitalismus als Organisationsform der Wirtschaft kann nur erfolgreich sein, wenn er den Kompromiss zwischen Effizienz des Wirtschaftens und der sozialen Gerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft findet. Findet er diesen Kompromiss nicht, verweigert er sich diesem Kompromiss, wie der zu Zeiten Marx‘, wie der Neoliberalismus unserer Tage, so ist er nicht erfolgreich, er scheint nur so.

Aber zu behaupten, weil er seine hässlichen Ausprägung hatte und hat, wäre er nicht fähig, diesen Kompromiss zu schließen, wären gar alle Kapitalisten nur darauf aus, die anderen Menschen zu unterdrücken, schießt über das Ziel hinaus. Wie schon eingangs geschrieben, ist der Kapitalismus, der sich verifiziert, nur Ausdruck der Politik, in welchem Maße sie den Kapitalismus wirken lässt.

Dies hat elementare Folgen für die weitere Betrachtung, der ich mich zukünftig stellen werde, denn die Politik eines Landes hängt auch von der Kultur und den Moralvorstellungen dieses Landes ab. Damit ist klar, dass der Kapitalismus auch eine kulturelle Seite hat, die Vielfalt noch verstärkend.

Fazit 

Beim Kapitalismus, wie bei jeder anderen denkbaren Wirtschaftsform, kommt es auf die Politik an, auf deren Antwort auf die Frage: Wie viel Macht und Einfluss steht sie dem Kapital zu und wie viel nicht, wo will sie diese Macht begrenzen?

Es ist und bleibt, auch bei der Wertung des Kapitalismus, wie Hamlet sagt: „An sich ist nichts weder gut noch böse, das Denken macht es erst dazu.“

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Heinz

Jahrgang 1958, am Leben interessiert, auch an dem anderer Menschen, von Rückschlägen geprägt. Nach diversen Tätigkeiten im Außendienst für mehrere Finanzdienstleister und zuletzt als Lehrkraft auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ökonomie und Gesellschaft, den Kapitalismus in all seinen Formen zu verstehen und seit Jahren zu erklären ist meine Motivation. Denn ich glaube, nur wer versteht, wird auch Mittel finden, die Welt zu einer besseren Welt zu machen. Leid und Elend haben ihre Ursache im Unverständnis.

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