Gedanken zur real existierenden Demokratie

Wenn in Demokratie Unmenschlichkeit eine Mehrheit findet, das kommt leider ständig in vielen Bereichen immer wieder vor, ist dann Unmenschlichkeit ein demokratischer Wert, den es zu verteidigen gilt? Wenn Intoleranz mehrheitsfähig ist, ist Intoleranz dann auch ein demokratischer Wert, den man nicht aufgeben darf? Das frage ich mich immer wieder.

Demokratie braucht wohl doch anscheinend viel mehr als das, was unsere Demokratie uns gerade bietet, Wahlrecht und Meinungsfreiheit allein scheinen die Menschen nicht menschlicher und sozialer zu machen. Da gehört noch vieles an Voraussetzungen dazu, die in unserer Gesellschaft fehlen, zum Beispiel die Erziehung zu kritischem und sozialem Denken und vielleicht auch, den Menschen beizubringen, immer wieder alles von Neuem zu hinterfragen.

Lügen wir uns also nicht eine Demokratie vor, die es eigentlich gar nicht gibt, weil unsere Meinung immer wieder von Interessenvertretern einer kleinen Minderheit gebildet wird, die aber eben ihre finanziellen Möglichkeiten nutzt, dies gezielt und gerichtet zu tun, daher eben nicht demokratisch durch objektives Abwägen der Vor- und Nachteile für das Wohl aller Menschen?

Das frage ich mich immer wieder, gerade wenn ich sehe, wie man Leute ertrinken lässt, in Flüchtlingslager einpfercht, mit Diktatoren Verträge gegen sie abschließt, wie Menschen in der sogenannten Dritten Welt für unseren Wohlstand ausgebeutet werden, Tiere für unser billiges Essen gequält werden, die Arten sterben, die Umwelt zerstört und unsere Zukunft aufs Spiel gesetzt wird. All das bekommt bei jeder Wahl immer wieder eine demokratische Mehrheit.

Und wenn dann doch langsam endlich mal Fragen aufkommen, reicht es schon aus, bei einer Krisensituation nicht alle Menschen vorsätzlich einer Todesgefahr auszusetzen, und alle Zweifel werden erneut über Bord geworfen.

Ich finde das langsam zum Verzweifeln.

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Markus

Jahrgang 1967, Informatiker, pflegt und entwickelt 3-D-CAD-Software in einem kleinen Unternehmen. Träumt von einer progressiven, sozial gerechten und ökologischen Gesellschaft und verzweifelt manchmal an der Frage, warum die meisten Menschen das nicht auch wollen.

2 Gedanken zu „Gedanken zur real existierenden Demokratie“

  1. Deine Fragen machen deutlich, dass Demokratie eben nicht, wie viele glauben, ein moralisches System wäre. Viel zu oft ist das den Menschen Glauben gemacht worden die letzten Jahre. Demokratie ist eine Art die politische Willensbildung zu organisieren, nicht mehr und nicht weniger, und dabei geht es um Interessen und nicht um Moral.

    Wer sich das klar macht, der kann sich dann auch gleich weiter klar machen, dass es um Moral nur in der Gesellschaft gehen kann, aber nicht einmal dort gehen muss, in der Politik es um Interessen allein zu gehen hat, in Krisen, wenn es für die Meisten um das nackte Überleben geht, letztendlich fast gar nicht mehr um Moral gehen kann, sondern einfach nur um die nackte Existenz, wie auch immer sie gefährdet erscheint. Dann wird auch klar, warum in Krisen sich die Menschen nicht mehr mit moralischen Ansprüchen beschäftigen, auch warum sie ihre Freiheit auf Zeit aufzugeben bereit sind. Denn, das ist das Schöne in der Demokratie, alles gilt auf Zeit, wenig hat Ewigkeitscharakter.

    Wird das alles klar, so ist auch kein Grund zum Verzweifeln, sondern nur zum Innehalten und Abwarten bis die Krise vorbei ist und die Moral und auch andere Interessen als die nackten Existenz-Interessen wieder an Bedeutung gewinnen.

    Ich bin und bleibe deshalb gelassen und ruhig und spare meine Kräfte für später und rate auch hier dazu, auch wenn es schwer fällt. Denn es kommt die Zeit, da werden die Demokraten gebraucht werden, um auch das eine oder andere moralische Anliegen als Interesse mehrheitsfähig zu machen und dann demokratisch auch durchsetzen zu können.

  2. Leider habe ich auch lange gedacht, dass Demokratie einem ethischen Grundsatz folgen müsste. Ich dachte auch, dass Intelligenz zur Folge haben würde, dass Menschen Dinge mehr hinterfragen und dadurch menschlicher und sozialer werden würden.
    Mittlerweile muss ich mir eingestehen: Das ist Wunschdenken und eine romantische Phantasie. Das Recht des Stärkeren ist nach wie vor intakt (siehe hier) und jeder sucht sich die Nische, in der er oder sie am ehesten sein Begehren ausleben kann (ob es nun Egoismus, Egozentrik oder Selbstopferung ist). Habe ich die große Keule, dann schwinge ich die meistens auch (ob körperlich, kapitalistisch oder ethisch). Selbst die Tränendrüse kann ein mächtiges Schwert sein.
    Ja, Demokratie ist nur ein Mittel zur Willensfindung einer Gesellschaft und aus meiner Sicht manchmal eben auch nicht das für mich am besten geeignete. Man wähle mich zum Kaiser und alle Probleme sind gelöst, zumindest meine ;)

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