Bill Gates und der Klimawandel

Gestern las ich einen Artikel auf Spiegel Wirtschaft, in dem es darum ging, dass Microsoft-Chef und Mulitmilliardär Bill Gates Milliarden in den Klimaschutz investiert und als Mahner auftritt, dass die Politik mehr in dieser Richtung machen müsste. Was dann folgt, ist allerdings ein wahrer Reigen an Unsinn, der eine etwas genauere Betrachtung verdient, zeigen dies nämlich nicht nur, dass Gates ein reichlich bigotter Spießgeselle ist, sondern auch, wie Journalismus heute oft funktioniert (oder besser: nicht funktioniert).

Gehen wir den Artikel doch mal Stück für Stück durch. Los geht’s mit folgender Ankündigung:

Bill Gates will zwei Milliarden US-Dollar in den kommenden fünf Jahren in Start-ups und andere Projekte gegen Klimawandel investieren. Es gelte, mit Innovation eine »Klimakatastrophe« zu verhindern, sagte der Microsoft-Gründer dem »Handelsblatt«. Dies sei »nicht unmöglich, aber es ist sehr schwierig«. Der 65-Jährige forderte in dem Interview eine Verfünffachung der globalen staatlichen Forschungsinvestitionen in saubere Energien und andere Klimainnovation innerhalb des nächsten Jahrzehnts. Dies wären jährlich mindestens 110 Milliarden US-Dollar (rund 90 Milliarden Euro). „Irgendwann werden wir kein Getreide mehr anbauen können“, warnte Gates zudem in einem Interview mit dem „Harvard Business Manager“ vor den Folgen der Erderwärmung.

Dagegen ist ja nun generell auch erst mal nicht viel einzuwenden, wenn diese Forderung nach höheren staatlichen Forschungsinvestitionen nicht gerade von jemandem käme, dessen obszön großes Vermögen unter anderem auch darauf basiert, dass sich sein Unternehmen nur allzu gern und oft etlicher „Steuersparmodelle“ bedient – und damit eben den Staaten genau jene Gelder vorenthält, die diese für die von ihm geforderten Investitionen benötigen würden.

Und dann kommt noch hinzu, dass die Bill & Melinda Gates Stiftung schon erhebliche Beträge in die Förderung der industriellen Landwirtschaft gesteckt hat, was dann mit dem Label „Grüne Revolution“ versehen wurde, aber vor allem in Ländern des globalen Südens verheerende Auswirkungen hatte. Zu dem Thema kann ich nur wärmstens den Film „Good Food, Bad Food“ empfehlen, denn dort wird gezeigt, welche unschönen Auswirkungen Gates „Philanthropie“ dort hat: Landraub, Monokulturen inklusive Verarmung der Böden, Pestizideinsatz, Abhängigkeiten von Saatgutherstellern – also alles Sachen, die dazu führen, dass wir irgendwann „kein Getreide mehr anbauen können“. Vielleicht sollte Gates seine eigenen wohlfeil formulierten Warnungen als Erstes mal selbst ernst nehmen …

Weiter im Text:

In seinem neuen Buch »Wie wir die Klimakatastrophe verhindern« verlangt Gates das Absinken der CO₂-Emissionen bis 2050 auf null, um riesige Umwelt- und Wirtschaftsschäden zu vermeiden. Hierzu müsse man »die physikalische Wirtschaft in einem Tempo verändern, wie noch nie in der Geschichte zuvor.« CO₂-Steuern, ein Handel mit Verschmutzungsrechten sowie alternative Energien wie Solar und Wind seien dafür unverzichtbar.

»Deutschland hat mit der Subvention von Solarmodulen der Welt einen großen Gefallen getan«, sagte der IT-Pionier dem »Handelsblatt«. Allerdings reichten Solar und Wind aufgrund ihrer Unzuverlässigkeit bei der Stromerzeugung bei Weitem nicht aus. Gates meint daher: Kernkraft sei unerlässlich.

Auch hier wird zunächst einiges Richtiges gesagt, um dann auf einen vollkommenen Mumpitz zu kommen: Kernenergie als Brückentechnologie. Das funktioniert nämlich leider nicht, da Atomkraftwerke nicht bei Bedarf mal eben schnell ein- und ausgeschaltet werden können, sondern eine lange Anlaufphase vor dem Betrieb haben. Ist eigentlich auch schon länger bekannt.

Was Gates hingegen nicht bekannt zu sein scheint, ist eine aktuelle Metastudie (über die beispielsweise ein Artikel auf heise online berichtet), in welcher der Atomkraft eindeutig bescheinigt wird, aus etlichen Gründen nicht für mehr Klimaschutz tauglich zu sein: Uran ist nicht nur ein endlicher Rohstoff, sondern dessen Abbau ist auch in vielerlei Hinsicht extrem schmutzig, zudem binde die Kernkraft finanzielle Mittel, die beim Ausbau von erneuerbaren Energien fehlen. Na ja, und reichlich giftiger Müll, von dem wir nach wie vor nicht wissen, was wir damit anfangen sollen, wird auch noch produziert.

Interessant auch der Hinweis auf die notwendige Veränderung der „physikalischen Wirtschaft“. Könnte da bei einem Digitalmilliardär vielleicht auch ein kleines bisschen Eigeninteresse mit im Spiel sein? Ist ja nicht so, dass das immer größer werdende Internet nicht auch massive Ressourcen benötigt. Und dann hätte vielleicht auch noch erwähnt werden können, dass gerade in Deutschland das Subventionieren von Solar- und Windenergie in den letzten Jahren massiv von der Politik torpediert wird. Das ist ja m. E. zumindest ein nicht ganz irrelevanter Aspekt, wenn man sich die praktische Umsetzbarkeit von Maßnahmen gegen den Klimawandel vor Augen führt.

Macht bei mir also nicht gerade sonderlich viel Appetit auf das Buch, in dem es dann wohl auch um Wasserstoff als Energieträger geht:

Eine weitere Schlüsseltechnologie ist für den Microsoft-Gründer der Wasserstoff. Mit grünem – also mittels erneuerbarer Energietechnologien gewonnenen – Wasserstoff könne man die riesigen CO₂-Emissionen bei der Zement- oder Stahlproduktion vermeiden.

Gar keine so schlechte Idee, bei der es zurzeit aber auch mächtig an der Umsetzung hapert, wie in einem Artikel von LobbyControl geschildert wird, in dem es um den Einfluss der Gaslobby geht, die Wasserstoff gerade als grünen Energieträger verkaufen möchte, auch wenn dieser mithilfe von Erdgas gewonnen wurde. Aber immerhin mal kein totaler Quatsch – das ist doch schon mal was!

E-Autos findet ein Technikfreak wie Gates dann natürlich auch total klasse:

Unzufrieden zeigt sich Gates über die Entwicklung bei den Elektroautos. Deren Verbreitung würde mit Ausnahme von Ländern wie Norwegen zu langsam voranschreiten: »Selbst in der einfachsten Kategorie von allen kommen wir nur ein paar Prozente weiter.«

Der Microsoft-Gründer zollte hohen Respekt vor der »Ingenieurskunst in Deutschland, das wahrscheinlich mehr als jedes andere Land für die Autobranche getan hat«. Allerdings warnte er die Hersteller: »Wenn Deutschland sich nicht bei elektrischen Autos durchsetzen kann, wäre das eine riesige Tragödie.«

Klar, erst mal den Deutschen ein bisschen Honig ums Maul schmieren, damit die auch sein dösiges Buch kaufen. Dass die E-Mobilität eine ziemliche Sackgasse ist, wenn sie weiter auf motorisierten Individualverkehr setzt, hab ich vor einigen Monaten ja schon mal in einem Artikel ausgeführt. Dass vor allem Deutschland in diesem Bereich nicht nur hinterherhinkt, sondern gerade überdimensionierte hochmotorisierte Luxuskisten als E-Autos produziert, zeigt, dass Gates hier entweder nicht weiß, wovon er redet, oder tatsächlich meint, dass E-SUVs irgendwas zum Klimaschutz beitragen würden. Au weia!

Auf die Idee, dass es vor allem wichtig wäre, die öffentlichen Verkehrsmittel auszubauen, damit nicht einzelne Personen bei ihrer Beförderung noch zwei Tonnen Metall und andere Materialien mitbewegen, kommt ein Erzkapitalist wie Gates natürlich nicht. ÖPNV – ob so was in seiner Weltsicht nicht vielleicht sogar schon Kommunismus ist?

Dann wird noch mal gezeigt, was für ein großer Menschenfreund Bill Gates doch ist:

Die Bill and Melinda Gates Foundation, die Gates zusammen mit seiner Ehefrau führt, ist bei Weitem die mächtigste private Wohltätigkeitsstiftung. Sie hat seit ihrer Gründung vor 20 Jahren mehr als 20 Milliarden Dollar in die Entwicklung und Verbreitung lebensrettender Impfstoffe investiert, darunter neuerdings auch etliche Initiativen gegen Covid-19.

Ist ja echt super! Erst sorgt er mit seiner „Grünen Revolution“ (s. o.) dafür, dass die Artenvielfalt verringert und Regenwald zerstört wird, und dann haut er generöserweise noch ordentlich Kohle dafür raus, die Folgen seines Tuns zu lindern. Wie nämlich die Virologin Sandra Junglen in einem Interview mit Zeit Online feststellt, ist die Corona-Pandemie nicht einfach so aus dem Nichts über uns gekommen, sondern ein ziemlich direktes Resultat von Regenwaldabholzung und Reduzierung der Biodiversität.

Wie man sieht, hätte es hier etliche Punkte gegeben, wo man mal kritisch etwas hätte anmerken können zu Gates Vorstellungen von Klimaschutz. Wurde aber nicht gemacht. Warum, darüber gibt eventuell der letzte Absatz dieses Artikel Aufschluss:

Neben der Impfstoffforschung unterstützt die Gates-Stiftung auch Medienunternehmen in den USA und Europa, darunter auch das Projekt »Globale Gesellschaft« beim SPIEGEL mit rund 2,3 Millionen Euro über drei Jahre.

Ach so … na denn … Wes Brot ich ess, des Lied ich sing, oder wie?

Na ja, wenigstens haben sie dann ja noch drauf hingewiesen. Das macht dieses journalistische Armutszeugnis allerdings nicht besser, sondern nur ein Stück weit ehrlicher. Und zeigt – neben einem Einblick, wie ein Milliardär (und ich schätze mal, nicht nur dieser) so tickt, also wie wenig er sein eigenes Handeln reflektiert oder in Zusammenhang mit Missständen bringt, die er ja durchaus wahrnimmt -, wie schlecht es um die Berichterstattung im Leitmedium Spiegel zumindest teilweise mittlerweile bestellt ist.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

2 Gedanken zu „Bill Gates und der Klimawandel“

  1. Auch Claudia Kemfert und Christian von Hirschhausen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) kommen in einem Gastkommentar im Handelsblatt nicht umhin, Bill Gates hier gleich fünf Irrtümer bei seiner Befürwortung der Atomkraft nachzuweisen. Da hätte man ja beim Spiegel vielleicht auch auf das eine oder andre kommen können, oder?

  2. In ihrer Kolumne in der taz beschäftigt sich Susanne Schwarz auch mit Gates‘ absurder Forderung, mit Atomkraft das Klima zu retten, und sie zeigt den Kollegen vom Spiegel, wie man so was kritisch beurteilen sollte.

    Was dabei noch erwähnt wird: Gates selbst hat ein Unternehmen gegründet, das einen neue Reaktortechnologie entwickelt. Was den ganzen Vorgang noch schäbiger macht: Ein sehr reicher Typ will gefährliche Technologie verkaufen, schreibt dazu ein Buch, was dann in pseudojournalistischen Artikeln in Magazinen, die er auch bezahlt, unkritisch beworben wird.

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