Journalist:innen haben auch eine Meinung

In Zeiten des Internets hat sich der Beruf des/der Journalist:in teilweise stark verändert: Der Zeitdruck hat in vielen Bereichen stark zugenommen (ausgenommen sind rechercheintensive Beiträge, die über Wochen laufen), kostenlose Portale und Suchmaschinen ersetzen den Arbeitgeber „Zeitung“, und die Konkurrenz durch selbst ernannte Journalist:innen ist groß. Viele dieser Begebenheiten könne für Leser:innen jedoch auch von Vorteil sein, um sich kostenfrei ein pluralistisches Meinungsbild zu schaffen. In den meisten Fällen informieren sich die Menschen aber nicht so vielfältig, sondern greifen auf wenige Quellen zurück und sind somit vielfach auch Meinungsmache ausgesetzt.

Es macht schon einen Unterschied, ob hinter einer Meldung eine einzelne Person steht oder eine ganze Redaktion in einem mehrstufigen Verfahren einen Beitrag erstellt und durch Faktenchecker überprüft veröffentlicht. Eine einseitige oder stark fehlerhafte Darstellung wird unter diesen Umständen erschwert, es sei denn, es handelt sich um propagandistische Medien wie das meistverkaufte Schmierblatt vom Axel-Springer-Verlag. Leider trifft das manchmal auch auf vermeintlich seriösen Journalismus zu, wie ich selbst schon erleben durfte. Im Rahmen von Panorama3 (NDR) wurde die Anfrage gestellt, während eines Beratungsgesprächs im Jobcenter zu filmen, was jedoch abgelehnt wurde. Der daraus resultierende Beitrag wurde entgegen der Absprache mit einer versteckten Kamera gefilmt, und in der geschnittenen Fassung wurden wesentliche Beratungsinhalte rausgeschnitten, um das gewünschte Bild zu erzeugen (Angebot von ungerechtfertigten oder unverhältnismäßigen Maßnahmen). Ich kenne die heimlich gefilmte Mitarbeiterin persönlich, und ihre Empörung über diese Art der Meinungsmache ist berechtigt. Aber auch die manipulative Wortwahl und das Framing in den Hauptnachrichten tagesschau oder heute hat mich schon häufig verärgert, wenn gewählte Staatsführer als „Machthaber“ betitelt werden (wobei man „Machthaberin Merkel“ eher selten dort hört) oder völkerrechtswidrige Angriffe als Verteidigungskrieg oder „Krieg gegen den Terror“ angepriesen werden.

Gerade in Sachen Corona-Pandemie und Querdenker sind die Medien in die Kritik geraten, teilweise auch hier absolut berechtigt. Die selektive Wahl von gezeigten Demonstrationsteilnehmer:innen soll ein Bild vermitteln, das nachmeiner Erfahrung kein repräsentativer Querschnitt ist, sondern lieber die „Paradisvögel“ zeigt (ganz im Stil von RTL und deren Exhibitionismus-Journalismus à la „Hartz aber herzlich“ oder „Bauer sucht Frau“). Immerhin zeigt das aber auch, dass auch Menschen mit Ängsten vor der „Lügenpresse“ sehr wohl Gehör geschenkt wird und deren „Meinung“ eher überrepräsentiert oft gezeigt wird (auch wenn diese Menschen oft Meinungsfreiheit damit verwechseln, dass ihre Freiheit darin bestehen sollte, dass niemand anderer Meinung sein darf). Eine ausgewogenere Berichterstattung ist aber gerade in den öffentlich-rechtlichen Medien möglich: Sie findet sich in längeren Sendungen wie ZAPP, Frontal21, Monitor oder Report Mainz, wenn man umfassender informiert werden möchte als in den Kurznachrichten.

Anders ist es bei den Pseudojournalist:innen, die weder über eine entsprechende Ausbildung verfügen, keine Redaktion hinter sich und vor allem kein Interesse an ausgewogener Berichterstattung haben. Wie bei Therapeut:innen sollte sich der/die Journalist:in auf das Stellen von Fragen und Rückfragen konzentrieren und die Antworten im besten Fall ergebnisoffen miteinander in Beziehung zueinander setzen. Einen Presseausweis bekommt man jedoch schon mit geringeren Qualitätsansprüchen, wie z. B. bei Frontal21 (ZDF) in einem 8-minütigen Beitrag zu sehen ist (obgleich ich die abschätzige Bemerkung am Ende des Beitrags als unnötig erachte). Mal ganz zu schweigen vom absolut untragbaren Umgang mit der Presse auf entsprechenden Demos, wie hier bei ZAPP (NDR) in einem 11-minütigen Beitrag dargestellt.

Ja, es gibt auch manipulative Nachrichten in den Öffentlich-Rechtlichen und der freien Presse. Ja, es gibt auch Informationen, die man auf den Öffentlich-Rechtlichen nur zu unmöglichen Sendezeiten erhalten kann oder im Rahmen von Kabarett, obgleich es sich um wichtige journalistische Arbeit handelt. Nein, die Öffentlich-Rechtlichen sind kein Staatsfunk, weshalb sie eben nicht aus Steuergeldern bezahlt werden, sondern über den Rundfunkbeitrag (sprachgebräuchlich noch „GEZ“ oder „Zwangsgebühren“). Es bleibt aber zu unterscheiden, ob es um eine Meinung geht oder um eine Verdrehung der Tatsachen. Es ist eine Tatsache, dass die russische Armee völkerrechtswidrig in die Ukraine einmarschiert ist (denn laut Völkerrecht ist das ein „Angriffskrieg“), aber es ist eine Meinung, ob ich das richtig oder falsch finde. Es ist eine Tatsache, dass die CO2-Konzentration in der Atmosphäre steigt und das einen Treibhauseffekt erzeugt, aber es ist eine Meinung, ob ich deshalb mein Verhalten ändern muss oder die nächsten Generationen das eben ausbaden müssen – Pech gehabt, zu spät gekommen …

Letzten Endes muss ich allerdings auch feststellen, dass der Mensch an sich gern schnell eine Meinung einnimmt und diese dann mit jeglichen Quellen untermalt, Hauptsache recht behalten. Und je weniger informiert man ist, desto einseitiger und radikaler fällt eine Meinung eben aus (Dunning-Kruger-Effekt). Dazu fällt mir Folgendes ein:

Don’t cling to a mistake just because you spent a lot of time making it.

— Aubrey de Grey

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Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

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