Ich will nicht mehr!

Nein, ich will nicht mehr.

Ich will nicht mehr in Supermärkte gehen müssen, in denen es mehr Plastikverpackungen als Waren gibt, in denen sich Fleisch aus Massentierhaltung mit unendlichem Tierleid und Umweltzerstörung türmt, in denen Leute von Nahrungskonzernen überteuerte und überzuckerte Fertiggerichte aus umweltzerstörerischer Landwirtschaft kaufen, Supermärkte, in denen Ost und Gemüse mit Pestiziden gespritzt sind und zumindest die exotischen Früchte obendrein noch aus Ausbeutung stammen. Supermärkte, in denen abgelaufene Ware in den Müll geworfen wird, obwohl sie noch gut ist, Supermärkte, die sich untereinander Preiskämpfe liefern, damit alles noch billiger und unter noch schlechter Umständen produziert wird.

Ich will auch keine Gebrauchsgegenstände, die in Diktaturen wie China unter menschenunwürdigen Umständen hergestellt werden oder in Ländern, in denen die Umwelt noch viel mehr mit Füßen getreten wird als bei uns, ich will keine Kleidung aus Produktionsstätten in Asien, in denen sklavenähnliche Zustände herrschen. Ich will auch nicht, dass Kinder für mein Smartphone oder anderen technischen Schnickschnack in enge Löcher kriechen müssen, um unter unwürdigen Umständen die Rohstoffe für mich zu fördern.

Ich will auch keine Dinge, die keiner braucht oder die sofort kaputtgehen, kein Auto, mit dem ich die Umwelt belasten muss, weil kein Bus fährt.

Ich will nicht mehr mit ansehen, wie die Reichen sich auf Kosten aller anderen immer weiter bereichern, wie sie beispielsweise den Mietern immer mehr Geld aus den Taschen ziehen, in ihrer grenzenlosen Gier nicht davor haltmachen, auch alte Leute aus ihren Wohnungen zu vertreiben. Ich will auch nicht mehr, dass aus denselben Gründen in Pflegeheimen die Menschen am Ende ihres Lebens entwürdigt werden, das Personal unter der Last erstickt, während sich andere die Taschen mit den Gewinnen aus diesem pervertierten System vollstopfen.

Ich will auch nicht, dass eine durch und durch morallose Finanzbranche auf Lebensmittel und andere lebenswichtige Dinge spekuliert und so die Ärmsten zum Hungern verurteilen oder dass Aktiengewinne mit Ausbeutung, Umweltzerstörung und Ressourcenverschwendung gemacht werden.

Und ich will auch nicht, dass diese Reichen weiter die Welt unter sich aufteilen, dass einzelne Menschen durch ihren Reichtum die Welt nach ihren eigenen oft völlig falschen Vorstellungen formen können, ich will nicht, dass sie von Massen an Begriffsstutzigen auch noch dafür gefeiert werden, dass sie die Grundwerte der Demokratie mit Füßen treten und in die Rolle feudalistischer Herrscher treten, die anstelle von Parlamenten entscheiden, was gut für die Menschen sein soll.

Ich will einfach nicht mehr, dass wir die Welt weiter den Egoisten, den Empathielosen, den Gierigen und Machthungrigen überlassen

Vor allem will ich aber nicht mehr, dass die Leute sich das alles tatenlos mit ansehen oder gar gutheißen, dass sie weiter ihre Lebenslüge leben, ihren Wohlstand, der auf dem Leiden so vieler anderer aufgebaut ist, damit rechtfertigen, dass das alles weit weg ist und sie es nicht ändern können – oder schlimmer – es sie nichts anginge, und auch nicht, dass sie die Politik, die all das ermöglicht hat, weiter wählen.

Ich will auch nicht mehr schreiben, denn es fallen mir noch so viele schlimme Dinge ein, die ich auch nicht will, die aber von unserer Gesellschaft hingenommen werden, denn höre ich jetzt nicht auf, werde ich zornig.

Und ich will nicht zornig werden, denn Wut hat noch zu nie zu einer positiven Lösung geführt.

Aber eines will ich am allerwenigsten: dass ich und vielleicht noch ein paar andere Menschen die Einzigen bleiben, die das nicht mehr wollen, denn je mehr Menschen wirklich mit aller Konsequenz nicht mehr wollen, umso weniger wird es dann geben, was wir nicht mehr wollen.

Ich will nicht, dass das nur ein frommer Wunsch bleibt.

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Markus

Jahrgang 1967, Informatiker, pflegt und entwickelt 3-D-CAD-Software in einem kleinen Unternehmen. Träumt von einer progressiven, sozial gerechten und ökologischen Gesellschaft und verzweifelt manchmal an der Frage, warum die meisten Menschen das nicht auch wollen.

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