Die Wiedereinführung der Wehrpflicht wird ja gerade ziemlich breit diskutiert in der Öffentlichkeit. Insofern möchte ich auch mal ein paar Punkte dazu loswerden, die m. E. bisher nur sehr wenig in dieser Diskussion angesprochen wurden.
Kurz was Persönliches vorweg: Ich hab damals nach dem Abitur 1989 den Wehrdienst verweigert und Zivildienst gemacht. Zum einen habe ich nämlich schon damals überhaupt keine Lust auf militärische Gewalt gehabt, zum anderen fand ich die Möglichkeit, in der Behindertenbetreuung dann etwas gesellschaftlich sehr Sinnvolles zu machen, deutlich attraktiver als die Vorstellung, ein gutes Jahr lang stupide Übungen zu machen für nichts und wieder nichts.
Insofern kann ich natürlich sehr gut nachvollziehen, dass es heute auch eine Menge junger Menschen gibt, die überhaupt keine Lust darauf haben, zur Bundeswehr zu gehen. Zu meiner Zeit war das zudem ja selbstverständlich, dass man Wehr- oder Ersatzdienst leistet, aber mittlerweile ist das ja schon seit einiger Zeit abgeschafft, und da haben nun die davon potenziell Betroffenen eben das Gefühl, dass ihnen ein Stück Lebenszeit weggenommen werden sollte.
Hätte man sich also vielleicht damals überlegen sollen, als 2011 die Wehrpflicht ausgesetzt wurde. Klar, „ausgesetzt“ heißt nicht „abgeschafft“, aber es fühlt sich nun mal genau so an – und je länger diese Aussetzung dauert, desto mehr ist das der Fall. Und 15 Jahre sind da schon eine ganz schön lange Zeit. Diejenigen, die heute gezogen werden sollten, haben damals gerade erst mit dem Sprechen angefangen.
Gut, aber nun haben wir nun mal den Salat. Was ich dabei ganz interessant finde, ist, was Sven Altenburger zur Historie der Wehrpflicht in Deutschland in einem Artikel in den Blättern für deutsche und internationale Politik (leider nur als Bezahlartikel lesbar) schreibt:
Weniges wird dieser Tage kontroverser diskutiert als die Wehrpflicht. Dabei treten Konservative meist als Befürworter, Linke und Liberale hingegen häufig als Gegner der Institution auf.
Historisch war dies keineswegs immer so. Der Blick in ältere Auseinandersetzungen um die Wehrpflicht fördert Bemerkenswertes zutage: Einerseits bestand unter konservativ Gesinnten im Deutschland des 19. Jahrhunderts mitunter die Sorge, eine allgemeine Wehrpflicht – das »einfache Volk in Waffen« – könne die monarchische Ordnung gefährden. Andererseits lassen sich, was für unsere Gegenwart bedeutsamer ist, zwei demokratische Denktraditionen zur Wehrpflicht ausmachen: eine egalitäre, die auf der gleichen Verteilung militärischer Lasten besteht, und eine republikanische, die auf die bürgerschaftliche Kontrolle des Militärs zielt.
Dass es einer Armee deutlich schwerer fällt, eine Art „Staat im Staate“ auszubilden, wenn ein erheblicher Teil des Personals nicht aus Überzeugung dort ist, sondern weil sie dazu verpflichtet wurden, ist, denke ich, nachvollziehbar. Zumal ja auch die Realität beredtes Zeugnis darüber abgibt, wenn man sich mal anschaut, wie in den Jahren seit der Abschaffung der Wehrpflicht immer häufiger rechtsextreme Exzesse bei der Bundeswehr bekannt wurden.
Hier wirkten m. E. Wehrpflichtige schon als Hemmschuh, die rechtsradikale Gesinnung bei der Bundeswehr offen auszuleben. Heute dürfte der Korpsgeist, der oft genug verhindert, dass derartige Vorfälle angezeigt oder zumindest öffentlich gemacht werden, deutlich höher sein als noch vor mehr als 15 Jahren. Klar, wenn ich meine berufliche Zukunft für viele Jahre an die Bundeswehr und damit an die Kameraden gekoppelt habe, dann will ich in jedem Fall nicht als „Kameradenschwein“ gelten und halte lieber einmal mehr die Klappe. Bei einem Wehrpflichtigen, der weiß, dass er den Laden in ein paar Monaten für immer verlassen wird, sieht das schon mal anders aus.
Zumal eben auch, wie oben bereits angedeutet, durch die Wehrpflicht sehr unterschiedliche Personen zum Militär gelangen und nicht nur solche, die auch wirklich Lust auf Hierarchie, Uniformen, Waffen usw. haben. So sind beispielsweise aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis junge Männer zum Bund gegangen, weil der Zivildienst ein paar Monate länger war und sie dadurch dann den Beginn ihrer Ausbildung oder ihres Studiums verpasst hätten und um ein Jahr (oder ein halbes Jahr) hätten verschieben müssen. Die hatten mit Militär nichts am Hut, sondern haben da einfach nur zugesehen, ihre Zeit möglichst schnell abzusitzen.
Vielfalt ist nun mal etwas, was geschlossenem Rechtsradikalismus sehr entgegensteht, und insofern sehe ich die Wehrdienstleistenden als ausgesprochen deeskalierendes Moment, um einer Macho-, Rassismus- und Rechtsaußenmentalität in der Truppe entgegenzuwirken.
Allerdings stellt sich da dann mittlerweile auch eine Frage, die diesen Aspekt aus der genau anderen Richtung beleuchtet: Ist die Bundeswehr, so wie sie sich in den letzten Jahren als Hort des zunehmenden Rechtsradikalismus entwickelt hat, wirklich ein guter Ort für junge Menschen? Diese sind ja oft noch nicht sonderlich gefestigt in ihren Weltbildern und Anschauungen, und wenn die dann andauernd rechte Parolen um die Ohren gehauen bekommen, kombiniert mit Schikanen bei Widerrede, dann könnte das m. E. durchaus dazu führen, dass die dann selbst auch nach rechts abgleiten.
Ist also alles nicht so ganz einfach …
Erschwerend kommt natürlich hinzu, dass oft Stimmung gemacht wird mit Falschaussagen, so wie es heute ja bei nahezu jedem politisch oder gesellschaftlich relevanten Thema der Fall ist. So wird ja beispielsweise immer wieder das Szenario an die Wand gemalt, dass Wehrpflichtige dann in der Ukraine gegen russische Soldaten kämpfen müssten. Soweit ich weiß, sind nur eben Wehrpflichtige grundsätzlich von Auslandseinsätzen ausgenommen.
Eine sachliche Debatte wird so natürlich erschwert …
Wobei die Debatte auch deswegen ein wenig fehlgeleitet ist, weil die schlechteste Bundesregierung aller Zeiten auch bei diesem Thema mal wieder einen ausgesprochen miesen Job macht. Als in den 1950er-Jahren die Wehrpflicht eingeführt werden sollte, gab es viele Diskussionen zwischen Politik und den betroffenen jungen Menschen bzw. deren Verbänden (s. hier – leider auch nur als Bezahlartikel lesbar). Und heute? Fehlanzeige! Da wird eben einfach über die Köpfe derjenigen, die das am meisten etwas angeht, hinweg debattiert.
Dass man auf diese Weise wenig positive Resonanz erhält, finde ich jetzt auch nicht gerade verwunderlich. Das Gefühl, von oben herab etwas aufs Auge gedrückt zu bekommen, bei dem man nicht mal mitreden kann, mag wohl schließlich kaum jemand besonders gern. Und mit dem immer noch häufig bemühten Leitbild des verantwortungsbewussten „Staatsbürgers in Uniform“ ist so ein Gebaren vonseiten der Politik irgendwie auch nur schwer in Einklang zu bringen.
Wie viel sinnvoller wäre es, da einfach komplett anders an die Sache ranzugehen und zuerst mal die jungen Menschen zu fragen, ob und wie sie sich vorstellen könnten, sich in die Gesellschaft einzubringen. Da würden dann vermutlich wesentlich differenziertere und vielschichtigere Ergebnisse rauskommen als „Wir brauchen unbedingt mehr Soldaten, also her mit der Wehrpflicht“ – nur leider scheint unser politisches Personal ja zu mehr als so einer fantasielosen Forderung nicht in der Lage zu sein.
Wenn ich da nun beispielsweise nur mal ein bisschen rumspinne, dann kommen mir schon einige Ideen. Man könnte zum Beispiel eine breite Palette an Möglichkeiten, sich als junger Mensch nach Ende der Schule oder Ausbildung gesellschaftlich zu engagieren für eine bestimmte Zeit, anbieten – und eine davon wäre dann eben auch der Militärdienst. Den dann aber bitte auch mit einer vernünftigen Einbettung in Bildungsangebote und mit wachem Auge auf die rechtsextremen Tendenzen der Bundeswehr.
Das könnte man dann noch kombinieren mit der Idee eines Grunderbes, sodass diejenigen, die so einen Dienst an der Allgemeinheit geleistet haben, dann danach auch eine nennenswerte Entlohnung zur Vereinfachung des Starts ins Erwachsenenleben bekämen. Ich könnte mir vorstellen, dass das dann schon für einige junge Menschen sehr interessant sein könnte. Und unsere Gesellschaft würde auch davon profitieren, wenn viele Tätigkeiten, beispielsweise in der Pflege, in der Erziehung oder auch in der Landschaftspflege, für die zurzeit oft nicht genug Geld da ist, dann von solchen jungen Menschen übernommen würden.
So könnte aus einem Mangel (zu wenig Soldaten) dann eine insgesamt sehr produktive Sache werden, von der alle in diesem Land etwas hätten.
Na gut, man wird ja noch mal träumen dürfen – ein Blick auf unsere derzeitige Bundesregierung zeigt mir dann nämlich, dass so etwas viel zu konstruktiv und dem Allgemeinwohl zuträglich wäre, als dass die Merz-CDU und ihr ehedem sozialdemokratisches Anhängsel da was in der Richtung auf die Reihe kriegen würden …

