Zeitgeistphänomen Othering

In einem interessanten Artikel von Naomi Klein in den Blättern für deutsche und internationale Politik (leider nur gegen Bezahlung lesbar) stieß ich auf das mir bisher so nicht bekannte Phänomen des Othering. Na ja, bekannt waren mir dessen Ausprägungen so schon, aber eben nicht dieser Begriff, der wirklich sehr prägend für unsere heutige Zeit und vor allem für unser Selbstverständnis als Bewohner eines westlichen Industrielandes, womit wir nach wie vor zu den globalen Gewinnern gehören, ist.

Was wird unter Othering verstanden? Es geht dabei darum, dass man bestimmte Menschen als „andere“ definiert, sodass man zu diesen eine gewisse Distanz aufbauen kann und sie nicht als vollwertige Menschen ansieht. Klingt erst mal hart und nach üblem Rassismus (was auch eine extreme Ausprägung des Othering ist), wird aber von uns alle tagtäglich praktiziert.

Das ist nun auch nichts ganz Neues oder nur für unsere Zeit spezifisches, denn schon die archaischen Urmenschen haben im Endeffekt Othering praktiziert: Da kommt eine fremde Horde daher, die könnten uns das Essen streitig machen – also hin und auf die Fresse! Das ist nun zwar etwas vereinfachend dargestellt, aber ich denke, es ist klar, worum es geht. Und auch der Wikipedia-Artikel zu Othering zeigt auf, dass dieses Konzept beispielsweise in Philosophie und Sozialwissenschaften schon länger thematisiert wird.

Feindbilder

Das ist die eine Dimension des Othering: Es dient dazu, Feindbilder zu erschaffen. Schon die antiken Römer kannten das Prinzip „Teile und herrsche“, das sich auch des Othering bedient, indem einer Gruppe von Menschen suggeriert wird, dass eine andere Gruppe ihnen schaden will. Heute dient in Deutschland vor allem der Patriotismus dazu, ein „Wir“ zu schaffen, was sich dann gegen andere abgrenzen kann – nicht nur gegen Nicht-Deutsche, sondern auch gegen Nicht-Patrioten.

Jede kriegerische Handlung basiert zudem auch auf Othering, indem der Gegner ein Stück weit entmenschlicht wird, sodass es schon irgendwie legitim ist, diesen zu töten. Schließlich läuft es ja dem menschlichen Wesen (bei gesunder psychischer Verfassung) entgegen, einfach so Menschen zu attackieren und sogar umzubringen, die man nicht mal ansatzweise persönlich kennt.

Insofern also schon ein Stück weit ein alter Hut, denn auch heute geht es immer wieder um „wir“ und „die anderen“, nur werden in einer globalisierten Welt zunehmend krude Differenzierungsmerkmale herangezogen wie „die Moslems“ (oder auch „der Islam“), bei dem dann alle 1,6 Milliarden Mitglieder einer Weltreligion in einen Topf geschmissen werde, oder „die Afrikaner“, was dann alle Menschen eines Kontinents umfasst, der so viel größer ist als „unser“ Europa, dass wir ja immerhin doch noch halbwegs differenziert zu betrachten in der Lage sind.

So wird tendiert das durch Othering erzeugte Feindbild mittlerweile immer öfter dazu, direkt in rassistisches Denken überzugehen, da es eben nicht mehr um eine konkrete und fassbare Gruppe mit einigermaßen homogenen Merkmalen geht, die ausgegrenzt werden soll, sondern um nicht unerhebliche Teile der Weltbevölkerung.

Das führt dann auch zu einer weiteren Dimension von Othering:

Ignoranz

Dass unser Lebensstil ausgesprochen destruktiv ist und nur zulasten von Menschen vor allem im globalem Süden überhaupt aufrechterhalten werden kann, hab ich ja bereits öfter schon mal hier auf unterströmt thematisiert (zum Beispiel hier und hier). Dies funktioniert so allerdings nur, weil auch hier Othering-Mechanismen greifen: Wir sehen uns selbst als relevant an, die Menschen allerdings, denen wir das Leben zur Hölle machen durch unseren Konsum, blenden wir aus, was nur funktioniert, da wir sie als „andere“ sehen. Klingt absurd? Kann man sich aber recht einfach verdeutlichen:

Wenn beispielsweise irgendwo eine Naturkatastrophe geschieht und uns erschreckende Bilder davon über die Medien erreichen, dann zeigen viele Menschen Empathie und die Bereitschaft, etwas zu spenden. Wir sehen in dem Moment diese Menschen dort real mit unseren Augen (wenn auch in der Regel nur über Bildschirme), sodass sie aus ihre Entmenschlichung heraustreten.

Die Menschen allerdings, die für unseren täglichen Konsum unter erbärmlichsten Bedingungen (teilweise als Sklaven) schuften müssen und deren Länder durch den Klimawandel zerstört werden, den vor allem unser Lebensstil mit seinem hohen Ressourcenverbrauch vorantreibt, blenden wir aus – das sind dann nur irgendwelche „anderen“. Und das hat wenig mit Nichtwissen zu tun, denn auch über diese Zuständen kann man sich informieren. Allerdings tangiert dieses Wissen unsere eigene Komfortzone, sodass uns das Othering hier ganz gelegen kommt. Wer möchte schon auf sein Smartphone, seine schönen Billigklamotten, seine Schokolade, seine Flugreisen, sein Auto oder sein Plantagengemüse verzichten?

Würden wir die Menschen, die unter unserem Lebensstil zu leiden haben (s. dazu hier), deren Länder wir ausbeuten (s. dazu hier) oder die unseren großen Anteil am Klimawandel ausbaden müssen (s. dazu hier), als uns gleichwertig ansehen würden, dann wäre die kognitive Dissonanz, die daraus resultiert, wohl kaum auszuhalten. Um diese also irgendwie zu überbrücken nutzen wir das Othering – und können so schön die destruktiven Konsequenzen unseres eigenen Tuns ausblenden, wenn diese nur weit genug weg von uns auftreten.

Auswirkungen

Dies bleibt natürlich nicht ganz folgenlos, und den Übergang vom Othering zum Rassismus habe ich ja oben schon dargestellt. Darüber hinaus führt es allerdings auch zu einer allgemein gesteigerten Empathielosigkeit und Verrohung: Je umfassender man sich des Othering bedient, desto weniger Mitgefühl entwickelt man für andere Menschen, da irgendwann reflexhaft alles außerhalb der eigenen Privatsphäre als „anders“ klassifiziert wird. Und genau dies können wir ja zurzeit tagtäglich in immer größerem Maße erleben …

Othering führt nämlich m. E. auch zu einer Gewöhnung an Unrecht und Leid, solange dieses nicht einem selbst, sondern nur anderen passiert. Wer regt sich noch über die in Städten allgegenwärtigen Flaschensammler auf, die uns ja nun wirklich andauernd leibhaftig vor Augen sind? Wer echauffiert sich über immer mehr Menschen, die ihre Nahrung über die Tafeln beziehen? Wer interessiert sich für die zunehmende Zahl von Obdachlosen? Alles „andere“, und wir sind froh, nicht dazuzugehören.

Dass ich dies nun gerade kurz vor Weihnachten schreibe, ist eigentlich nur Zufall (da der Auslöser, wie geschrieben, ein Artikel war, den ich vor Kurzem las), allerdings passt das ja auch wiederum ganz gut dazu: Schließlich gilt Weihnachten ja immer noch als Fest der Nächstenliebe (auch wenn das unter dem ganzen Kommerzrummel mehr und mehr verschwindet), und vielleicht hat der eine oder andere von Euch über die Feiertage mal die Muße, sich zu überlegen, in welcher Form er selbst dem Othering frönt. Sich dessen bewusst zu werden ist nämlich der erste Schritt, um diesem destruktiven Phänomen entgegentreten zu können.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

One thought to “Zeitgeistphänomen Othering”

  1. Hierzu erreichte uns ein Leserbrief von Heinz Peglau, der interessante weiterführende Frage stellt:

    Der Beitrag hat mir, kurz gesagt, gefallen, auch weil in der Kürze die Würze liegt, wobei ich mir aber die Links noch nicht zu Gemüte geführt habe.

    Allerdings einen Hinweis möchte ich schon geben. Ist Othering nicht auch notwendiger Selbstschutz? Können wir überhaupt unser Leben leben, wenn wir nicht ausblenden, ausgrenzen? Ist vielleicht Othering gerade heute eine Antwort auf einen, wie ich finde, übertriebenen Liberalismus, nicht nur Wirtschaftsliberalismus, sondern auch rein in Form des Individualismus, der doch längst im Satz bei uns wieder mündet „Jeder ist seines Glückes Schmied“? Ist Othering nicht, wie auch Nationalismus und andere eigentlich abstoßende Verhaltensweisen, eigentlich eher Folge als Ursprung im menschlichen Verhalten. M. a. W. sind es vielleicht auch bei den Steinzeitmenschen nicht die schlechten Erfahrungen mit den anderen Horden gewesen, die Othering erst zum Verhalten werden ließen, oder aber die Ressourcenknappheit, wenn sich die „Jagdgründe“ als zu unergiebig für eine weitere Horde herausstellte?

    Nochmals Dank für den guten Beitrag, der mir diese Fragen erst ermöglicht hat.

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