Unsere chauvinistische Ignoranz

Das Thema schlechthin der letzten Wochen sind die vielen Flüchtlinge, die in Europa und Deutschland zurzeit eintreffen. Dieses Thema verdrängt nahezu alles andere aus dem medialen Fokus, und dieser Umstand sowie auch die häufig dabei anzutreffende Bezeichnung „Flüchtlingskrise“ offenbaren leider ein recht schäbiges Bild von unserer Gesellschaft, und damit meine ich nicht einmal nur die Pegidioten und ähnliche nun aus ihrer Deckung hervorkommenden Rechtsausleger aus dem sogenannten „bürgerlichen Lager“ und natürlich schon gar nicht die freiwilligen Helfer, die mit enormem Einsatz Aufgaben übernehmen, die eigentlich hoheitlich von der öffentlichen Verwaltung erledigt werden sollten, sondern eine unglaubliche chauvinistische Ignoranz, die nun offensichtlich zutage tritt.

Eins vorweg: Wenn ich hier nun von „wir“ und „uns“ rede, so meine ich damit zwar in erster Linie die Deutschen bzw. die von ihne gewählten Regierungen, allerdings auch die Menschen in den anderen EU-Staaten oder in Nordamerika – also eben alle, die zur sogenannten „westlichen Wertegemeinschaft“ gezählt werden.

Jahrelang war es uns vollkommen egal, dass wir massiv auf Kosten anderer Menschen leben: Wir und unsere Verbündeten führen Kriege in allen Ecken der Welt, verkaufen Waffen an nahezu jeden, der zahlt, schließen Handelsabkommen mit ärmeren Ländern zu unseren Vorteilen, unterstützen Konzerne mit unserem Konsum, die in anderen Ländern Landraub betreiben, Umweltverwüstungen anrichten und Fabrikhöllen mit unmenschlichen Arbeitsbedingungen betreiben, vergrößern bedenkenlos unseren ökologischen Fußabdruck (was dann vor allem Menschen in anderen Ländern auszubaden haben) und kümmern uns auch nicht wirklich darum, wo denn der ganze Müll bleibt, den wir so tagtäglich produzieren. Den meisten Menschen in unserem Land ist es schlichtweg wurscht, was die Folgen und Konsequenzen ihres eigenen alltäglichen Lebens sind – Hauptsache der neue SUV sieht chic aus, jedes Jahr gibt’s ein neues Smartphone, und wer sich das alles nicht leisten kann, der freut sich wenigstens, dass er mehr Klamotten aus dem Modediscounter im Schrank hat, als er anziehen kann, und jeden Tag Billigfleisch auf dem Teller landet.

Es ist ja auch so schön einfach, denn die Produkte, die wir erwerben, sind ja auch weitgehend entkoppelt von ihrer Herstellung, wir sehen nur eine schöne Verpackung, der Rest kann recht bequem ausgeblendet werden. Da hat die Erziehung durch massenweise Werbung in den letzten Jahrzehnten schon gute Arbeit geleistet. Hauptsache billig und Hauptsache viel (und damit Hauptsache ich) ist das Motto der meisten Konsumenten in Deutschland. Tja, blöderweise ist etwas, dessen Folgen ich nicht sofort und unmittelbar sehe, deswegen noch lange nicht folgenlos, und nun klopfen diejenigen, die vor ebenjenen Folgen unseres Lebensstils fliehen (s. hierzu den unterströmt-Artikel über Fluchtursachen), bei uns an – und auf einmal werden diese Menschen zum Problem. Und das nur, weil wir uns nun mit den Konsequenzen unseres eigenen Tuns befassen müssen und diese nicht einfach mehr ignorant beiseite schieben können.

Zur Erinnerung: Im Mittelmeer ertrinken schon seit Längerem Tausende von Menschen, und niemand kam bei uns auf die Idee, deswegen von einer „Flüchtlingskrise“ zu sprechen. Waren ja auch nur irgendwelche anderen von weit weg, die da elendig verreckt sind – was schert mich das als braver deutscher Konsument? Einmal Betroffenheit geheuchelt, und dann fleißig so weitergemacht wie bisher, das dürfte zumindest für die meisten von uns so gelten. Nur muss dann auch die Frage erlaubt sein: Warum wird es als „Krise“ bezeichnet, wenn Menschen in Not in einem Land, das insgesamt gesehen eigentlich mehr als genug hat, um etwas abgeben zu können, ankommen und man sich dann um deren Versorgung kümmern muss – aber es ist keine Krise, wenn zuvor immer wieder diese Menschen auf dem Weg hierher gestorben sind? Die Antwort ist leider sehr einfach und entlarvend: Wer unsere eigene Ruhe und Bequemlichkeit stört ist schlimmer als der, der einfach nur stirbt, denn es ist dann ja unser Wohlbefinden und nicht das des anderen, das gestört wird. Empathielos, ignorant und chauvinistisch, anders kann man diese Denkweise, die nicht nur weit verbreitet ist bei uns, sondern auch nahezu den kompletten öffentlichen Diskurs dominiert, leider nicht bezeichnen.

Und daran sieht man nun mit größter Deutlichkeit: Der Neoliberalismus mit seinem marktradikalisierten Wertesystem bringt vor allem die schlechten Eigenschaften der Individuen hervor. Die eigenen Komfortzone wird mit Klauen und Zähnen verteidigt, und dabei geht man nicht nur sprichwörtlich über Leichen. Die Probleme, die sich hier im Land zurzeit ergeben aufgrund der Flüchtlinge also nur an diesen selbst oder an irgendwelchen rechten Krakeelern und Terroristen festzumachen, greift demzufolge deutlich zu kurz: Wir alle sind Teil des Problems, und zwar in nicht unerheblichem Maße. Wir alle in unserem alltäglichen Leben Teil eines Systems, das genau dieses Elend, was nun bei uns anklopft, bewusst und gezielt produziert. Wir zünden also im übertragenen Sinne die Häuser der Menschen, die am Ende unserer Straße wohnen, an und beschweren uns dann darüber, dass die Feuerwehrsirenen unsere Ruhe stören. Aber wir sind halt auch so gut dressiert, dass wir Derartiges einfach ausblenden können, solange es den meisten von uns noch in manierlichem Maße gut geht. Wie sonst, wenn nicht als chauvinistische Ignoranz sollte man dieses Verhalten bezeichnen?

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

One thought to “Unsere chauvinistische Ignoranz”

  1. Eine weitere Ausprägung dieses Phänomens beschreibt Jens Berger treffend in einem Artikel auf den NachDenkSeiten: Mitgefühl mit durch Terroranschläge Getöteten haben wir nur, wenn es sich dabei um Menschen aus unserem Kulturkreis handelt. Hingemordete Afrikaner und Asiaten schaffen es hingegen oftmals nicht einmal, zumindest in einer Randnotiz der Nachrichten erwähnt zu werden.

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