Irrsinn und Gewalt im deutschen Fußball?

In der Huffington Post Deutschland findet sich ein Artikel, der von dem Irrsinn der deutschen Fußballfans handelt. Nanu? Eigentlich ist die Zahl der verletzten Unbeteiligten bei Ausschreitungen in deutschen Erst- und Zweitligastadien doch seit Jahren recht konstant auf niedrigem Niveau (in der Saison 2015/2016: 375), und die Zahl der eingeleiteten Strafverfahren ist ebenfalls rückläufig (s. zu den Zahlen hier). Da verwundert es nun schon, wie denn Sebastian Christ von der Focus-Zweigstelle für Nicht-AfD-Wähler zu seiner steilen These kommt und mein, der Fanszene, die nichts verstanden hat, erklären zu müssen, worum es im Fußball geht.

Anlass für den Artikel waren zwei Vorfälle in jüngster Zeit, die dort auch beschrieben werden: zum einen die Übergriffe von Anhängern von Borussia Dortmund auf Fans von RB Leipzig beim Bundesligaspiel vor knapp zwei Wochen, zum anderen ein selbst gemaltes Tapetentransparent einiger St.-Pauli-Fans im Zweitligaspiel gegen Dynamo Dresden. Und Christ spart auch nicht an Dramaturgie:

Der Virus hat den gesamten deutschen Fußball befallen. Und er droht, die deutsche Fußballkultur kaputt zu machen.

Und mehr noch: Die jüngsten Vorfälle beim BVB und bei St. Pauli zeigen, dass es ein gesamtgesellschaftliches Problem gibt.

Das klingt ja nun sehr besorgniserregend. Aber ist da tatsächlich was dran? Und wie schaut es denn überhaupt mit der Kompetenz beim Thema Fußball von Sebastian Christ aus? Da kommen nämlich gleich schon mal ein paar Zweifel auf …

So schreibt er, dass es ja bereits bei der Fußball-EM in Frankreich klar wurde, wie einige deutsche Fans ticken, die dort mit Krawallen und Posieren mit der Reichskriegsflagge auf sich aufmerksam machten. Wer nun allerdings erst bei diesen Vorfällen in Frankreich gemerkt hat, dass die deutsche Nationalmannschaft etliche Rechtsextreme in ihren Anhängerreihen hat, die das Team auch gern auswärts begleiten, der hat in den Jahren zuvor schon schön die Augen davor verschlossen. Derartiges Auftreten ist ja nun wahrlich nichts Neues und konnte beispielsweise 2012 schon in (vor allem auch unter historischen Aspekten) besonders abartiger Weise bei der EM in der Ukraine beobachtet werden.

Jetzt haben wir also die zwei Vorfälle Dortmund und St. Pauli in kurzer zeitlicher Abfolge, die nun wieder mal dazu dienen sollen, dem Fußball in Deutschland generell ein Gewaltproblem anzudichten.

Zunächst mal zu Dortmund: Natürlich geht es gar nicht, irgendwelche Anhänger des gegnerischen Clubs anzugreifen und mit Steinen zu beschmeißen, und auch einige Aussagen auf den während des Spiels gezeigten Transparenten waren unter aller Sau. Aber man sollte auch sehen, dass dies eine spezifische Aktion war und sich nicht bei jedem Spiel so wiederholen dürfte, da es eben gegen RB Leipzig ging, das Marketingprojekt der Firma Red Bull, das bei vielen Fans in Deutschland nicht gerade auf große Gegenliebe stößt. Entsprechende Aktionen von Fans anderer Clubs bei Spielen gegen die Leipziger gab es sowohl in dieser Saison als auch in den Jahren zuvor in der zweiten Liga. Natürlich hatten die Dortmunder Ausschreitungen schon eine andere Qualität und sind, wie gesagt, nicht schönzureden, nur sollte man eben auch die Kirche im Dorf lassen und hier vielleicht eher mal überlegen, wie es zu der Ablehnung von RB Leipzig von vielen Fußballfans kommt, als da nun ein allgemeines Gewaltproblem draus ableiten zu wollen.

Beim Spiel St. Pauli gegen Dresden war ich selbst im Stadion. In der Pause geschah dann das, was Christ wie folgt beschreibt:

Ausgerechnet im Fanblock der Hamburger tauchte am vergangenen Wochenende beim Auswärtsspiel gegen Dynamo Dresden ein geschmackloses Transparent auf: „Schon eure Groszeltern haben für Dresden gebrannt. Gegen den doitschen Opfermythos!“. Getragen wurde es von Dutzenden mitgereisten Fans.

Hier fällt nun zunächst mal auf, dass der Schreiber des Artikels es mit der Recherche wohl nicht so genau nimmt, denn es war keineswegs ein Auswärtsspiel von St. Pauli, sondern ein Heimspiel. Sollte man schon wissen, wenn man meint, Fußballfans erklären zu wollen, worum es in deren Fankultur so geht …

Aber sei’s drum: Geschmacklos waren die beiden Tapeten mit dem Spruch natürlich ohne jede Frage. Aber auch hier gilt es, die Kirche im Dorf zu lassen: Zum einen haben viele Stadionbesucher die Aktion überhaupt nicht mitbekommen, da sie eben in der Halbzeitpause war, in der viele mit anderen Dingen beschäftigt sind (Toilette, Bierstand, Wurst essen oder einfach nur ein bisschen quatschen mit anderen Leuten). Zum anderen wurde das zumindest in meinem Umfeld auf der Gegengerade eher mit „Ach, schau mal, die Ultras wieder mal mit Pimmelfechten …“ abgetan. Im Dynamo-Fanblock wurde zur gleichen Zeit auch ein niveauloses Transparent hochgehalten („Jeder meiner Freunde fickt jeden eurer Freunde“ oder so ähnlich), halt das übliche Verbaldgeplänkel von Ultras, nur eben diesmal mit den St. Paulianern als Gewinner im Niveaulimbo.

Ansonsten gab es nämlich, soweit ich das mitbekommen habe, im Stadion keinerlei Ausschreitungen, nicht mal Pyros und Böller vonseiten der Dersdner (haben wir diese Saison auch schon anders erlebt bei einigen Gegnern), und auch im Viertel blieb es danach recht ruhig. Also war es diesmal leider nichts mit einem Problemspiel der „rechten Dynamos“ gegen die „linken St. Paulianer“.

Die Tapete war natürlich dennoch vollkommen unangebracht, und eine offizielle Entschuldigung vom Verein folgte auch kurz danach. Also eigentlich alles gut, sollte man meinen. Aber für eine Journalisten wie Sebastian Christ ist damit diese Lappalie um das dämliche Über-die-Stränge-Schlagen einiger junger Hitzköpfe noch lange nicht erledigt, vielmehr scheint das für ihn nun ein gefundenes Fressen zu sein.

Denn es geht anscheinend mal wieder darum, Angst zu verbreiten, Dinge zu skandalisieren und so die eh schon angespannte Stimmung im Land weiter anzuheizen. Zwei Einzelfälle, die inhaltlich nichts miteinander zu tun haben, außer dass sie beim Fußball passierten, werden zu einem bedrohlichen Szenario und einer negativen Entwicklung aufgebauscht, die so gar nicht vorhanden ist. Indem man den Lesern solche Artikel präsentiert, wird ihr Fokus auf Nebenschauplätze gelenkt, sodass zwei Ziele erreicht werden: Ablenkung von Relevantem sowie Steigerung von Besorgnis und Unbehagen. Beides freut die Herrschenden …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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