Gemeinsam einsam

Jeder kennt das Bild mittlerweile: (zumeist) junge Menschen sitzen gemeinsam in einer Kneipe, einem Restaurant oder auch im Bus und schauen in ihre Smartphones, anstatt miteinander zu reden. Was vor nicht allzu langer Zeit noch als unhöflich galt, nämlich in Gesellschaft sein Telefon zu benutzen, ist mittlerweile verbreiteter Usus. Und auch bei Veranstaltungen, in denen eigentlich optische und akustische Reize zur Genüge geboten werden (Konzerte, Fußballspiele usw.) schauen immer mehr Menschen lieber in ihre Telefone, als sich dem Dargebotenen zu widmen.

Zu diesem Phänomen habe ich heute ein interessantes Filmchen (die Verkleinerungsform, weil das nur gute vier Minuten lang ist) gesehen, in dem (leider nur auf Englisch, aber die meisten dürften das trotzdem verstehen) dargestellt wird, wie der moderne Mensch versucht, sein Alleinsein durch permanente Präsenz in sozialen Medien zu bekämpfen und dadurch doch erst recht vereinsamt. Ich denke, jeder von uns kann sich da ein Stück weit drin wiedererkennen, oder?

Social Media hat ja auch eine enorme Verführungskraft: Man kann sich dort präsentieren in einer Art und Weise, die man selbst bestimmt. Wenn man mal irgendwas Blödes schreibt, besteht oft noch die Möglichkeit, dieses zu korrigieren, bevor es irgendjemand gesehen hat, was in einer spontanen Unterhaltung so von Mensch zu Mensch nicht so ohne Weiteres möglich ist. Zudem bestimmt man, welche Ausschnitte aus seinem Leben man dort präsentiert – vermutlich eher das Bild von der gut gestylten Abendunterhaltung als das von morgens direkt nach dem Aufstehen oder wenn man gerade mal einen Niesanfall hat.

Doch was passiert dadurch? Wir stellen nur noch ein Image von uns selbst dar, das seine Authentizität verliert, weil es kalkuliert und auf Präsentation ausgerichtet ist. Und das muss es auch sein, denn wir geben Informationen über uns mit einer Permanenz preis, die in einem Gespräch eben nicht gegeben ist, da hier nur die Reproduktion der Gesprächsteilnehmer als Gedächtnis fungiert und nicht das Internet, das ja bekanntlich nichts vergisst (oder eben auch andere Social-Media-User, die mal eben mit einem Screenshot oder per Copy & Paste das Originalzitat für die Ewigkeit festhalten). Wer mag sich also noch unbekümmert geben, wenn er weiß, dass alles, was er schreibt, auch gegen ihn verwendet werden kann?

Ein interessanter Artikel hierzu findet sich hier bei den Blättern für deutsche und internationale Politik. Und spätestens nach dessen Lektüre sollte einem klar werden, dass das alles nicht einfach nur ein Spaß ist, sondern durchaus elementare Einflüsse auf die eigene Sicht (und die von Dritten) der Persönlichkeit hat.

Andererseits nutzen wir mit unterströmt ja auch die sozialen Medien und präsentieren uns bei Facebook. Ich denke allerdings auch nicht, dass eine Verteufelung dieser Kommunikationsplattformen angebracht wäre, sondern es geht (wie eigentlich beim Nutzen von fast allem) um das Maßhalten, um den bewussten Umgang (und auch Nichtumgang) damit. Nutzen, aber nicht benutzt werden, selbst bestimmen, wann und wie man Zeit in sozialen Netzwerken verbringt – Medienkompetenz also, um es mal in einem Wort zusammenzufassen. Und diese sollte Kindern schon in jungen Jahren vermittelt werden (in den Lehrplänen findet sich so etwas meines Wissens leider noch nicht), denn das Einstiegsalter in die Droge Smartphone wird immer geringer.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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