Geld verdirbt den Charakter

So sagt zumindest der Volksmund. Dass da einiges dran ist, zeigte mir dieses kurze Video, auf das ich gestern via Facebook aufmerksam geworden bin. Leider ist es auf Englisch, daher eine kurze Zusammenfassung für diejenigen, die damit eventuell Verständnisprobleme haben.

Es geht dabei um eine Untersuchung, die in den USA durchgeführt wurde und die das Sozialverhalten von wohlhabenden und weniger wohlhabenden Menschen untersucht. Dabei kam heraus, dass sich die besser Situierten generell asozialer, d. h. rücksichtsloser, egoistischer, gieriger, selbstgefälliger usw., verhalten, was in einigen Versuchsreihen getestet wurde, z. B. als es darum ging, ob sich Testanden an Bonbons, die eigentlich für Kinder bestimmt sind, bedienen oder nicht. Und es geht noch weiter: Es wurden anhand eines Monopoly-Spiels Bedingungen geschaffen, die dem einen Spieler deutliche und auch offensichtliche Vorteile gegenüber dem anderen gewährten, indem er beispielsweise bessere Bedingungen beim Würfeln (zweimal mit zwei Würfeln statt einmal mit einem) zugesprochen bekam und auch mehr Geld einziehen durfte beim Über-Los-Gehen. Interessanterweise hat die Schaffung eines solchen virtuellen Wohlstands nun schon zu Verhaltensmustern geführt, die den zuvor geschilderten der wirklich Wohlhabenden entsprechen. Es reicht also schon aus, das Gefühl einer materiellen Überlegenheit in einer Spielsituation zu simulieren, um soziale Verhaltensweisen zu reduzieren.

Ich wurde beim Schauen dieses Videos an eine Studie erinnert, von der ich vor gut zwei Jahren etwas las und die hier vorgestellt wird. Darin kamen die Untersuchenden zu dem Ergebnis, dass sich in einer Spielsituation professionelle Trader (Banken, Rohstoffhandel, Hedgefonds) rücksichtsloser, weniger kooperativ agierend und somit insgesamt sozialunverträglicher verhielten als diagnostizierte Psychopathen aus Hochsicherheitskliniken. Und auch Die Zeit hat vor zwei Jahren eine Typologie der psychopathischen Störungen in Führungsebenen (Psychopathen in der Chefetage) aufgestellt mit der Feststellung, dass es anscheinend für dissoziale Persönlichkeiten einfacher ist, auf der Karriereleiter nach oben zu kommen als für Menschen mit hoher Empathie und sozialeren Einstellungen.

Nun möchte ich noch diesen Text von Götz Eisenberg hinzuziehen, in dem recht differenziert aufgezeigt wird, wie psychische Störungen zur gesellschaftlichen Normalität werden aufgrund von wirtschaftlichen, technischen und politischen Entwicklungen. Narzisstische Verhaltensweisen werden beispielsweise schon so weit als normal akzeptiert, dass überlegt wurde, diese psychische Störung nicht mehr im Diagnosehandbuch DSM der Amarican Psychiatric Association aufzuführen. Und damit nicht genug:

Schon zeichnen sich am psycho-historischen Horizont neue Verschiebungen ab. Die hinter uns liegenden, von der Praxis des Neoliberalismus geprägten eisigen Jahre haben die Menschen selbst eisig werden lassen und ihre Innenwelt in eine Gletscherlandschaft eingefrorener Gefühle verwandelt. Sie können gar nicht anders, als diese Kälte weiterzugeben und auf ihre Umgebung abzustrahlen. Es macht einen nicht zu unterschätzenden Unterschied, ob man in einer Gesellschaft aufwächst und lebt, in der schwachen und nicht oder weniger leistungsfähigen Mitmenschen solidarisch beigesprungen und unter die Arme gegriffen wird, oder in einer, in der sie der Verelendung preisgegeben und als sogenannte Loser zu Objekten von Hohn und Spott werden.

Daraufhin gibt Eisenberg dann auch die entsprechende Typisierung der psychologischen Störung, die aus diesen gesellschaftlichen Entwicklungen resultiert und die immer mehr als Normalität akzeptiert wird:

Das Innenleben des allseits kompatiblen und fungiblen Menschen, den Markt, Wirtschaft und Pädagogik propagieren, weist eine große Ähnlichkeit mit dem eines Menschentypus auf, den wir heute noch als „Psychopathen“ stigmatisieren und den Gefängnissen und forensischen Psychiatrien überantworten. Wenn hier vom „Psychopath“ die Rede ist, ist nicht die umgangssprachliche Bedeutung gemeint, die darunter einen „durchgeknallten, unberechenbar-brutalen Typ“ versteht, sondern eine psychiatrische Diagnose, die in jüngerer Zeit von den amerikanisch-kanadischen Psychiatern Cleckley und Hare formuliert wurde. Die Diagnosemanuale beschreiben den „Psychopath“ als zur Einfühlung in andere unfähig, oberflächlich charmant, anpassungsfähig, zynisch-kalt, bindungs- und skrupellos und ausschließlich an privater Nutzenmaximierung interessiert. Das sind genau die Eigenschaften, die die Hasardeure und Gurus der New Economy und der Finanzwelt aufweisen, die uns an den Rand des Abgrunds manövriert haben und weiter manövrieren.

So ergibt sich ein recht erschreckendes Gesamtbild für unsere sogenannten Eliten: Aufgrund von hohem Wohlstand wird ihnen quasi asoziales Verhalten mit in die Wiege gelegt (gut zu sehen bei solchen Typen wie zu Guttenberg, dessen Unrechtsbewusstsein nun ja augenfällig ausgesprochen rudimentär entwickelt ist), um unter ihresgleichen erfolgreich zu sein, müssen sie dissoziale Verhaltensweisen ausprägen, die sie dann auch noch an den Rest der Gesellschaft weitergeben, beispielsweise über Medienmacht (s. hierzu auch den Artikel Verrohung als Prinzip hier auf unsterströmt) und die Definition gesellschaftlicher Wertmaßstäbe. Und das sind nun also diejenigen, von denen die meisten Menschen immer noch erwarten, dass sie tatsächlich im Sinne eines Gemeinwesens agieren werden. Ich kann diese Erwartung leider nicht so recht teilen …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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