Fußball als Vehikel für politischen Furor

Am letzten Wochenende habe ich mit ein paar guten Freunden zusammengesessen, und da kam das Gespräch dann auch irgendwann auf den Abstieg des HSV aus der Bundesliga und die pyrotechnischen Randale einiger der HSV-Anhänger (s. hier), die doch sehr unangenehm aufgefallen sind und auch von keinem in der Runde gutgeheißen wurden. Interessant war dann allerdings, welche Vorschläge unterbreitet wurden, um derartiges Fehlverhalten zukünftig unterbinden zu können.

Da kamen dann Dinge auf den Tisch wie Sippenhaft („Den ganzen Block räumen und alle wegsperren“), Totalüberwachung („Mit Kameras Bewegungsprofile erstellen und diese dann mit den in dem Block Stehenden abgleichen, wenn die sich wieder demaskiert haben“) oder Präventivbestrafung („Gleich alle einkassieren, sobald da so eine Fahne hochgezogen wird, unter der die sich vermummen wollen“) – und das von Menschen, die ich nun eigentlich nicht am politischen rechten Rand verorten würde.

Und derartige Reaktionen dürften nicht nur dort in dieser Runde vorhanden gewesen sein. Beim Fußball, da hört dann beim Deutschen eben der Spaß auf. Und auch das rechtsstaatliche Empfinden. Bitte nicht falsch verstehen: Ich habe für derartige Randalebrüder nicht das Geringste übrig, aber dennoch sollte man sich schon im Rahmen rechtsstaatlicher und nicht polizeistaatlicher Mittel bewegen, wenn man Konsequenzen und polizeiliches Vorgehen gegen solche Leute fordert. Aber so eine Denkweise ist bei vielen Fußballanhängern anscheinend dann nicht gerade en vogue.

Und nun steht die Fußball-WM in Russland an – was mag dann dort wohl passieren? Die russischen Hooligans sind ja nun bekannt für ihre Brutalität, sodass ich kaum glaube, dass diese sich nun ausgerechnet bei einem Turnier im eigenen Land zurückhalten werden. Ich schätze also, dass es zum Teil massive Ausschreitungen geben wird, die dann instrumentalisiert werden, um in der Bevölkerung Polizeistaatsmaßnahmen (so wie aktuell gerade das bayrisches PAG) schmackhaft zu machen. Fußball ist eben hochgradig emotional besetzt, damit bekommt man viele rum, dann Sachen ganz o. k. zu finden, die sie bei klarem Verstand sonst in Bausch und Bogen ablehnen würden.

Wie sehr Fußball dazu dient, Furor auszulösen, konnte man ja auch gerade an der Aufregung um die beiden deutschen Nationalspieler Özil und Gürndogan, die sich gemeinsam mit dem türkischen Despoten Erdogan haben ablichten lassen und ihm auch noch ein Trikot schenkten mit dem Kommentar „für meinen Präsidenten“ (s. hier). Klar, keine gute Sache, jemanden wie Erdogan so im Wahlkampf zu supporten, aber es ist schon interessant: Wenn zwei Fußballprofis das machen, dann wird da ein Riesenbohei deswegen vom Zaun gebrochen (wie beispielsweise auf der Facebook-Seite vom ZDF zu sehen), aber als vor einiger Zeit Bundeskanzlerin Merkel bei einem Besuch in der Türkei ganz offen Wahlwerbung für Erdogan machte, da war die Aufregung irgendwie deutliche kleiner. Mal davon abgesehen, dass unsere Bundesregierung nach wie vor schön Rüstungsgüter an das türkische Regime verkauft, mit denen die dann völkerrechtswidrig in Syrien einmarschieren, um Kurden zu massakrieren.

Oder um noch mal von einer anderen Seite da ranzugehen: Es gibt bestimmt auch AfD-Wähler unter den Fußballprofis und auch unter den Nationalspielern, und das finde ich mindestens ebenso bedenklich wie Erdogan-Support.

Ulkig wird es dann vor allem, wenn tatsächlich auf die „Werte des DFB“ abgestellt wird, die Nationalspieler repräsentieren sollten. Nun, der DFB ist ein reichlich korrupter Haufen, was man ja allein schon an den Bestechungsgeldern, die im Rahmen der WM-Vergabe von 2006 geflossen sind, sieht. Erdogan ist ja nun auch jemand, bei dem durchaus Vetternwirtschaft und Korruption schon das eine oder andere Mal Thema waren. Was passt da nun also nicht so richtig zusammen von den Werten her? ;o)

Zusammengefasst kann man das Thema entsprechend darstellen:

Merkel macht Wahlkampfhilfe für Erdogan, damit er den Türsteher für Europa macht? Pfft … ist den meisten egal.

Deutschland verkauft Waffen an die Türkei und steckt mit dem Despoten Erdogan in einem Militärbündnis fest? Pfft … ist den meisten egal.

Zwei Fußballspieler der Nationalmannschaft lassen sich mit Erdogan fotografieren? Furor par excellence!

Politik interessiert die meisten anscheinend nicht so, Fußball hingegen schon. Und so können über das Thema Fußball dann (womit wir wieder bei der eingangs erwähnten Diskussion mit meinen Kumpels wären) dann auch politische Maßnahmen, in diesem Fall solche des totalitären Polizei-/Überwachungsstaats, implementiert werden, da man auf diese Weise die unpolitischen Massen in Aufregung versetzen kann, um sich so eine Legitimation für Grundrechtseinschränkungen zu verschaffen.

Ich fürchte also, dass die kommende WM, so wie schon die letzte im Jahr 2014, deren patriotischer Taumel dann ja recht direkt über HoGeSa zu Pegida führte, uns wieder einiges bescheren könnte, was wenig mit Fußball und viel mit Unfreiheit und Rechtsruck zu tun hat.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak, hört den ganzen Tag Tonträger und treibt sich viel auf Konzerten rum. Außerdem geht er seit vielen Jahren zu den Spielen des FC St. Pauli.

One thought to “Fußball als Vehikel für politischen Furor”

  1. Na, das ist doch mal ein Nagel auf die unpolitischen Köpfe! Prima Beitrag, rückt die Dinge ins richtige Licht und zeigt auch, wie unpolitisch und unrechtsstaatlich die Gesellschaft mittlerweile geworden ist.

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