Auschwitz

Bei dem gestrigen Gedenken an Auschwitz, welches ich umso wichtiger finde, je mehr die Geschichte in Vergessenheit zu geraten und die deutsche Geschichte von der AfD relativiert (Vogelschiss) zu werden droht und damit Antisemitismus und Fremdenhass geschürt wird, kommt mir dennoch ein Aspekt viel zu kurz in der öffentlichen Wahrnehmung. Ich meine den industriellen Aspekt dieses Holocaust damit, der m. M. n. viel zu wenig erinnert und, wenn doch, dann als Nebensache behandelt wird. Für mich war und ist er keine Nebensache.

Für mich ist er das Erschrecken schlechthin, und zwar auf zweierlei Art und Weise.

Erstens, weil die Regeln der Massenproduktion ohne viel Aufwand und Umdenken auf die Massentötung von Menschen angewandt werden konnten. Und zweitens, weil die Industrie, das Großkapital ohne Zögern (mir ist jedenfalls keines bekannt) die notwendigen Verfahren und Mittel dazu bereitgestellt hatten, keinerlei moralische Hürden darin sahen, hier Gewinne machen zu können, Gewinne mit dem Tod und dem Leid von Millionen Menschen.

Eine Lehre, die ich daraus schon in jungen Jahren zog, war, dass das Kapital und die, die es besitzen, das große Geld, die großen Vermögen, kein Bollwerk sind, um eine Gesellschaft vor sich selbst zu beschützen.

Eine weitere Lehre war, ein wenig später, dass sie im Gegenteil durchaus Teil der Verrohung sein können, vorausgesetzt, sie können Profite daraus ziehen.

Eine dritte Lehre – es dauerte eine Weile, bis ich sie zog – war, dass das große Kapital nicht nur Teil der Verrohung war, sondern erheblich zur Verrohung beigetragen hatte und – was mich sehr beunruhigt – wieder beiträgt. Gerade derzeit meine ich diese Lehre ganz deutlich ziehen zu können, wo wieder einmal große Vermögen und Konzerne sich damit hervortun, Menschen auszubeuten, als Waren anzusehen, als Objekt, nicht als Mensch, sie wieder knechten (subtiler zwar als in der Vergangenheit), sie hungern und dursten lassen, ihnen die Lebensgrundlagen stehlen, und das weltweit.

Wird es nicht langsam einmal Zeit, dass wir wirkliche Lehren ziehen aus den dunkelsten Zeiten deutscher Geschichte, die ja einen Teil der Weltgeschichte darstellt?

Ich meine, ja, es wird höchste Zeit.

Es wird höchste Zeit zu erkennen, dass der Holocaust nicht vom Himmel fiel, dass er Ursachen hatte, die über den Antisemitismus und den Rassismus hinausgingen, diese auch als Mittel ansahen, um eigentliche Zwecke erfüllen zu können, die weit über das sozialdarwinistische Denken dieser Zeit hinausgingen.

Es wird Zeit zu sehen, dass der Holocaust Profiteure hatte, die sich nicht scheuten, vom Holocaust zu profitieren, und die es nicht nur damals gab, die es immer geben wird.

Es wird Zeit zu sehen, dass die Ursachen sich zu wiederholen scheinen, die Profiteure längst wieder profitieren, mit Verfahren und Mitteln bereitstehen, um auch profitieren zu können.

Es wird vor allem Zeit auch zu erkennen, dass man Lager, wie damals, dazu heute nicht mehr braucht, ganze Regionen und Länder zu Lagern gemacht werden können.

Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie kann sich sehr ähneln, vor allem in den Ursachen und dann in ihren Wirkungen auf die Menschheit.

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Heinz

Jahrgang 1958, am Leben interessiert, auch an dem anderer Menschen, von Rückschlägen geprägt. Nach diversen Tätigkeiten im Außendienst für mehrere Finanzdienstleister und zuletzt als Lehrkraft auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ökonomie und Gesellschaft, den Kapitalismus in all seinen Formen zu verstehen und seit Jahren zu erklären ist meine Motivation. Denn ich glaube, nur wer versteht, wird auch Mittel finden, die Welt zu einer besseren Welt zu machen. Leid und Elend haben ihre Ursache im Unverständnis.

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