Buchtipp: Die große Heuchelei

Im Prinzip darf man sich nicht mit der internationalen Politik beschäftigen, wenn man nicht wütend oder depressiv werden möchte. Egomane Präsidenten wie Trump, Putin, Bolsonaro, Erdogan oder Orban beschneiden Bürgerrechte und brechen geltendes Recht, und selbst die NATO lässt sich in illegale Angriffskriege hineinziehen. Auch in Deutschland werden Gesetze zugunsten Superreicher und für Konzerne erlassen, und Politiker leisten Meineid, löschen ermittlungsrelevante Mobiltelefondaten oder betrügen bei der Vergabe von Aufträgen und kosten den Steuerzahler zusätzliche Milliarden, oft auch noch zu deren Ungunsten. Und als wenn das nicht schon schlimm genug wäre, so lassen es sich die Medien nicht nehmen, auch noch ihren Teil zum Unmut der Bevölkerung beizutragen, indem der manipulative Sprachgebrauch der Politik übernommen wird oder Loblieder auf den freien Markt mitgeträllert werden. Da schlägt das Buch von Jürgen Todenhöfer genau in diese Kerbe: „Die große Heuchelei“.

Wenn ich von diesem Buch erzählt habe, dann kam immer wieder die gleiche (auch in diesem Buch thematisierte) Fotografie von Jürgen Todenhöfer in einem zerbombten Haus im Gazastreifen zur Sprache, die den Autor „suspekt“ erscheinen ließ. Es zeigt den Autor inmitten eines zerbombten Hauses, nur noch Trümmer, aber neben ihm steht ein Kinderwagen aufrecht. Diesen Kinderwagen hat er laut seinem Buch auch wirklich aufgehoben, aber daraus wird dann eine komplett gestellte Szene gemacht. Wenn ich mal von der Unschuldsvermutung absehe, so frage ich mich, wer hat mehr von diesem Foto und seiner negativen Bewertung: Der Autor hat dieses Foto gestellt und Spielzeug in der Szene verteilt, um die Leser inhaltlich zu manipulieren, oder ist es den mächtigen Kriegstreibern und Propagandisten eher zuzutrauen, dass sie dieses Foto dermaßen aufgebauscht haben, um die inhaltlich alle korrekt dargestellten Vorwürfe zu diskreditieren? Gerade die israelische Außenpolitik lebt von solcher Propaganda, denn rechtens ist der Umgang mit dem Gazastreifen sicherlich nicht (was das Abfeuern von Raketen aus dem Gaza gegen Israel aber auch nicht ein Stückchen rechtfertigt)! Auf jeden Fall spannend, dass reflexartig auf dieses Foto verwiesen wird, wenn ich den Namen Jürgen Todenhöfer fallen ließ, und wie einfach sich Menschen von berechtigter Kritik abbringen lassen, indem die sich äußernde Person diskreditiert wird. Vor allem auch, weil ich die (teilweise sicher auch berechtigte) Kritik an ihm oft auf nationalistischen Seiten à la PEGIDA im Internet fand (die ich hier nicht verlinken möchte) und bei pro-israelischen Websites, die jede Berichterstattung aus dem Gazastreifen als Beleidigung und Lüge empfinden.

Ich habe das Buch gelesen und dessen Inhalt wirkt auf mich größtenteils authentisch und gut recherchiert, denn der Autor war an vielen Orten dieser Welt, an denen die Gräueltaten des Krieges sichtbar und spürbar sind. Die Augenzeugenberichte decken sich mit denen Einheimischer, und das US-Imperium nimmt weder Rücksicht auf die UNO-Charta noch auf sonstiges internationales Recht (sie nehmen sich sogar per Gesetz heraus, angeklagte US-Bürger mit militärischen Mitteln aus dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu befreien). An der „Schönrederei“ der Politik und Medien ist wenig zu rütteln: Unsere Freiheit wird nicht am Hindukusch verteidigt, wir lassen dort unsere Kampfjets Luftbilder machen, damit die USA ihre ökonomischen Interessen bei einem Angriffskrieg „verteidigen“ können. Demokratisch gewählte Präsidenten in Ländern des Nahen Osten sind genauso viel oder wenig „Machthaber“, wie es Merkel, Macron oder Trump sind. Und ja, sowohl Europa als auch die USA haben eine blutige Vergangenheit, und viel Macht auf dieser Erde wurde durch Gewalt und Unterdrückung erst möglich.

Abschließend habe ich bei Weitem nicht so viel über den Nahen Osten gelernt, wie in Michael Lüders Buch, das ich uneingeschränkt empfohlen habe. Trotzdem würde ich dieses Buch gerade den Leser*innen empfehlen, die sich mit der dunklen Vergangenheit Europas nicht beschäftigen möchten oder die in Sachen Krieg im Nahen Osten (z. B. Israel und der Gazastreifen) eine eindeutige und einseitige Meinung haben. Natürlich werden in diesem Buch auch einseitige Vorwürfe gemacht, aber die meisten Kritiken an Staaten und Politikern sind fundiert und belegt, berechtigt, und manchmal eröffnet sich so auch eine neue Sichtweise auf Dinge, die man bisher dank der Medien ganz anders wahrgenommen hat.

„Die große Heuchelei – Wie Politik und Medien unsere Werte verraten“ von Jürgen Todenhöfer
Im Propyläen Verlag 2019 erschienen, 327 Seiten
ISBN 978-3-549-10003-5

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Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

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