Wer den Wind sät

Der Untertitel „Was westliche Politik im Orient anrichtet“ trifft den Inhalt dieses Buches schon sehr genau. Der Autor Michael Lüders, seinerzeit Nahostkorrespondent bei DIE ZEIT, schrieb bereits einige Bücher über den Orient (zuletzt in zweiter Auflage 2012 „Iran – der falsche Krieg“).

Nach einer kurzen Einleitung beginnt das Buch mit dem ersten Putsch des Westens im Nahen Osten („Der Sündenfall“): dem Putsch in Teheran (Iran) gegen Ministerpräsident Mohammed Mossadegh, um diesen in einer „Kampagne zur Installierung einer pro-westlichen Regierung“ aus dem Amt zu verjagen. Von da an ziehen sich die westlichen Interventionen (allen voran der amerikanischen und britischen Regierung) wie ein roter Faden durch die Geschichte des Nahem Ostens. Der Autor zeigt nicht nur die Maßnahmen der westlichen Regierungen auf, sondern erklärt auch schlüssig die daraus zustande kommenden „terroristischen Vereinigungen“.

Das Buch ist chronologisch gegliedert und in kurze Abschnitte unterteilt, was das Verständnis (und das Nachschlagen) der diversen religiösen Ausrichtungen stark erleichtert. Es werden Fragen gestellt, die einfach sind und trotzdem ihre Wirkung im eigenen westlichen Gedankengut entfalten (z. B. über das ungleiche Recht für Staaten und den Besitz von Atomwaffen, wie es Israel erlaubt ist, aber beim Iran sanktioniert wird). So sind die knapp 170 Seiten des Taschenbuchs schnell und verständlich gelesen, und es bleibt zwischendurch trotzdem Zeit, darüber zu sinnieren.

Das Ende des Buches wirft Fragen nach dem westlichen Umgang mit Israel auf, deren Beantwortung sicherlich spaltet. Gerade in den westlichen Industrienationen (allen voran Deutschland) ist die Kritik an Israel sehr zurückhaltend (was sicherlich bei den älteren Generationen einfacher zu erklären ist als bei den jungen Menschen). Da verkauft die Bundesregierung im Oktober 2015 Waffen im Wert von 1 Milliarde Euro an Israel (wobei ich Waffenhandel generell kritisch sehe) aufgrund der „historischen Verantwortung“ mit einem 300 Millionen Euro Rabatt (den wir aus unseren Steuerkassen zahlen!). Das bedeutet, dass wir alle diesen Waffenhandel finanziell unterstützen … seit Beginn der 2000er-Jahre kommen so ca. 2 Milliarden Steuergeschenke zusammen (siehe hier im Spiegel oder hier in der taz)!

Was für mich auf jeden Fall ein absoluter Gewinn aus dieser Lektüre ist: Ich verstehe viele Begriffe nun differenzierter und verstehe deren Zusammenhänge besser. Gerade bei Themen, wo so häufig polarisierende Beschreibungen ganzer Bevölkerungsgruppen unsachgemäße Anwendung finden, ist ein differenziertes Bild von den verschiedenen Strömungen des islamischen Glaubens ein faktischer Zugewinn.

„Wer den Wind sät – Was westliche Politik im Orient anrichtet“ von Michael Lüders
Im C.H.Beck Verlag 2015 erschienen, 175 Seiten
ISBN 978-3-406-67749-6

Druckansicht

Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

Schreibe einen Kommentar