Revolutionäre, Rebellen und Rassisten

Im Prinzip ist m. E. der Begriff unzutreffend, und vor allem klingt er nach Vereinfachung und Pauschalisierung, aber letztlich kann ich solch Menschenaufläufe kaum anders betiteln: Querfront. So treffen sich derzeit viele Menschen auf Plätzen, um gegen die Kontaktverbote/-beschränkungen zu demonstrieren, gegen mögliche Zwangsimpfungen und einer Überwachungs-App auf den Smartphones. Dazu gesellen sich weitere Gruppen, die offen gegen die demokratisch gewählte Regierung demonstrieren (was ihr gutes Recht ist): Rassisten, Reichsbürger, AfD-Anhänger und Menschen, die gegen aktuelle Vorhaben der Regierung sind. Sie alle vereint eines: Sie sind gegen die herrschenden Zustände und haben oft sogar Angst vor dem, was ist oder nach ihrer Meinung kommen wird. Und als Sahnehäubchen mischen sich dann auch noch die Bauernfänger und Scharlatane unter die verunsicherte Menge und streuen weitere Desinformationen. Aber was hat das mit dem Titel dieses Beitrags zu tun?

Eine Zeit lang war ich bei den Montagsdemos in Hamburg, um mir das mal aus der Nähe anzuschauen. Auch diese wurden von Rechten gekapert und instrumentalisiert und kamen so recht schnell in Verruf. Was mir aber schon bei diesen Ansammlungen auffiel und sich nun wie ein roter Faden durch Gespräche mit Corona-Leugnern und AfD-Anhängern zieht: die trotzige Körpersprache der selbst ernannten „Rebellen für die wirkliche und wahrhaftige Wahrheit“. Provokativ wie ein trotziges Kind, dass meint, ein besonders pfiffiges Argument zu haben, recken mir Gesprächspartner das Kinn entgegen und präsentieren Stolz ihre Erkenntnisse aus dem Internet: nichts weniger als die Wahrheit! Und wenn man anderer Meinung ist, dann hagelt es Hohn (weil man ja so uninformiert ist), Aggressivität (weil man zu denen gehört) oder Verachtung (weil man keine Gegenargumente hören möchte). Sie halten sich für Rebellen oder Revolutionäre, sind stolz auf ihr vermeintliches Herrschaftswissen (aus dem Geheimversteck Namens „Internet“) und stören sich auch nicht an den Bauernfängern und strammen Nazis in ihren Reihen. Tut mir leid, dass ich hier etwas ironisch werde, wobei ich das Thema schon sehr ernst nehme.

Das ist auch nur allzu menschlich! Die Angst vor dem unkalkulierbaren Virus, die Ablehnung von Beschränkungen der eigenen Freiheit, das Festhalten an vermeintlichen Erkenntnissen (da wir unsere Meinung oft als Teil unseres Selbst wahrnehmen) oder die Filterblasen-Falle (wofür YouTube und (un)soziale Medien geradezu prädestiniert sind, weil sie immer ähnliche Meinungen empfehlen). Gerade wenn ich meine Angst und mein schwaches Selbstwertgefühl überspielen möchte, ist eine sture (deshalb vermeintlich stark wirkende) Haltung ein probates Mittel. Und wenn dann von außen an dieser Position/Meinung gerüttelt wird, dann sehen sie damit ihr vermeintlich starkes Selbstbild in Gefahr (weshalb diese Personen oft so aggressiv reagieren: Sie fühlen die Kritik an ihrem Selbstbildargument als direkten Angriff und reagieren entsprechend). Einen kurzen Beitrag in die Richtung des Verhaltens von Personen mit narzisstischen Zügen gab es gerade in einem 6-minütigen Bericht bei nano (3sat) zu sehen. Ich kann nicht alle Demonstranten über einen Kamm scheren und ihnen vorwerfen, dass sie sich undifferenziert und einseitig informieren, wenn ich selbst mein Bild von ihnen nicht differenziere. Trotzdem werde ich meinen Senf zu dieser vermeintlichen Querfront abgeben, denn ich sehe bei vielen dieser Akteure, dass Angst der treibende Motor ist, und diese ist irrational und wird dann mit scheinbar rationalen Gründen erklärt. Nehme ich mir mal das rechte Gedankengut, dann „nehmen uns die Ausländer die Arbeit weg“ und kommen aber auf der anderen Seite her, um sich „in der sozialen Hängematte auszuruhen“. Völlig widersprüchliche Aussagen, aber so kann man jeden Ausländer seinem Gefühl nach diffamieren, denn entweder arbeitet dieser oder eben nicht, und schon passt eines der Argumente.

Seriösen Quellenangaben sind nicht einfach zu bestimmen. Vor allem dann nicht, wenn es praktisch noch keine Gewissheiten gibt, so wie es gerade bei Prognosen zur Ausbreitung und zu den Dauerschäden von Corona ist. Stellt sich jemand hin und meint, etwas genau zu wissen, dann würde ich doch gern einen überprüfbaren Nachweis dafür haben. Wenn also weltweit der überwiegende Großteil aller Ärzte und Wissenschaftler meint, die Folgen der Erkrankung noch nicht abschätzen zu können, dann frage ich mich doch, woher der YouTube-Kanal Betreiber (Ex-Sportler, B-Promi oder verprellter Journalist) so gesicherte Erkenntnisse haben kann. Natürlich irren sich auch Wissenschaftler, aber da geht es um einzelne Fehlleistungen/-einschätzungen, nicht um kollektives Versagen der Wissenschaften. Gleiches gilt beim Journalismus im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (der weit mehr zu bieten hat als die „Tagesschau“, wenn man sich Sendungen wie „ZAPP“, „ttt“ oder „quer“ anschaut). Dass sich seriöse Politiker (okay, da muss ich selbst etwas schmunzeln) und seriöse Journalisten auf nachweisbare Fakten stützen, ist keine Meinung, das ist eine Tatsache (überprüfbar mit Quellenangaben). 99,9 % dieser Wissenschaftler sind unbekannt und streben auch nicht nach Prominenz, sondern es ist ihr Job, Dinge zu erforschen und kritisch zu hinterfragen. Dass ein Influencer von Aufmerksamkeit lebt, sowohl ökonomisch als auch sein Selbstbild betreffend, hat wenig mit seiner oder ihrer medizinischen oder wissenschaftlichen Fachkompetenz zu tun, aber mit deren Ambition sehr wohl. Im Umkehrschluss wird auch klar: Wenn die Illuminaten oder sonstige dunkle Mächte alles steuern, wieso kann ich dann so viele vermeintliche „Wahrheiten“ über deren geheime Herrschaft im Internet und auf YouTube finden? Da kommen wir mit Logik nicht weiter, nur mit Ängsten, die sich nach Argumenten sehnen, um eine Bestätigung und Daseinsberechtigung zu haben.

Wenn ich dazu aufgerufen werde, Informationsquellen zu meiden, dann sollten alle Alarmglocken läuten! Wer kann ein Interesse daran haben, dass ich gegenläufige Meinungen nicht höre? Doch nur jemand, der seine eigene Position nicht hinterfragt wissen möchte. Jemand, der sein Weltbild auf Behauptungen anstatt auf Fakten stützt, der meine Angst instrumentalisiert und meine Unwissenheit ausnutzen möchte. Deshalb ist das Wort „Lügenpresse“ eine pauschale Bankrotterklärung an die Komplexität und Vielschichtigkeit einer eigenen Meinung. Die Wahrheit ist, dass es keine einzige Wahrheit gibt, wo die subjektive Wahrnehmung herrscht anstatt des kollektiven und breit gestreuten Wissens. Und selbst dort bedeutet eine Tatsache noch lange keine Wahrheit (mein jüngster Sohn ist gerade in der vierten Klasse und lernt dort zwischen „Meinung“ und „Tatsache“ zu unterscheiden, und ich merke, wie schnell die Grenzen auch da schon verwischen können). Was „Nichtwissen und Wissenschaft“ von der Meinung trennt, kann man sich in einem 19-minütigen Beitrag von Gerd Scobel auf seinem YouTube-Kanal anschauen, ich rate sogar dringend dazu.

Es ist für mich wenig „revolutionär“, störrisch auf seine eigenen Interessen und Ängste zu schauen und damit andere in Gefahr zu bringen. Es ist wenig „rebellisch“, meinen Egoismus auf Kosten der Gesundheit anderer auszuleben. Wer sehen möchte, was es bedeutet, gegen tatsächliche Unterdrückung und Staatsgewalt zu rebellieren, der sollte seinen Blick derzeit nach Hongkong, Belarus oder Mali richten, anstatt sich trotzig hinter seiner Angstfassade zu verstecken und jeden anzufeinden, der versucht, die Dinge für ein besseres Miteinander zu hinterfragen. Und wie so häufig habe ich am Ende eines Beitrags die Erkenntnis, dass langfristig nur umfassende Bildung und Nächstenliebe und das daraus resultierende Selbstwertgefühl eine Gesellschaft schaffen können, die sich nicht auf vermeintlich starke Führer und radikale Meinungen beruft. Und hier ist die Politik gefragt, aber auch die Gesellschaft und unsere Zivilcourage, diese Umstände an unseren Schulen, in der Kinderbetreuung und in den Familien und der Nachbarschaft zu schaffen und daran mitzuwirken, aktiv! Denn Menschen haben nicht absichtlich diese Ängste, und sie sind auch nicht absichtlich einseitig informiert, sondern sie wurden von der Gesellschaft so sozialisiert, und daran kann man nur mit Geduld und Nächstenliebe etwas ändern … oder sie eben so ängstlich und verunsichert sein lassen, wenn man selbst diese Kraft nicht aufbringen möchte oder kann.

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Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

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