Menschliche Wahrnehmung

Fast jeden Tag lese ich neue Meldungen zum Klimawandel und zur Umweltzerstörung: Der Golfstrom wird schwächer, die schlimmsten Berechnungen der Klimaforscher scheinen einzutreffen, zwei theoretische Physiker geben unserer Zivilisation gerade noch maximal vier Jahrzehnte – wegen der anhaltenden Entwaldung.

Wir merken auch am eigenen Leib, dass sich das Klima tatsächlich ändert, die Jahreszeiten verwässern immer mehr, Winter werden wärmer. An meinem Wohnort gab es früher jeden Winter immer wenigstens etwas Schnee, seit Jahren keine Anzeichen mehr davon. Es regnet im Sommer zu wenig, Wetterextreme häufen sich.

Wir sehen auch, wie wir die Natur zerstören, immer mehr Insekten verschwinden, immer weniger Vögel nisten, wir versiegeln mehr und mehr Fläche, bauen immer weiter, immer höher.

Welche selbstzerstörerische Ignoranz treibt uns bloß dazu, das alles einfach hinzunehmen, was veranlasst uns dazu, trotzdem weiter so zu leben, als wenn gar nichts wäre und nichts Schlimmes auf uns zukommen würde? Unterliegen denn fast alle einer geradezu unheimlichen kollektiven kognitiven Dissonanz und reden sich ihr Fehlverhalten wieder und wieder schön?

„Kreuzfahrt ist ja eine Umweltsauerei, aber das Schiff fährt auch ohne mich“, „Fliegen sollte man ja nicht mehr, aber da hängen ja auch Arbeitsplätze dran“, „Ich sollte lieber mit dem Fahrrad einkaufen fahren, aber ich fühle mich gerade nicht so“ …

Und in welcher unverantwortlichen, ja eigentlich schon vorsätzlich strafbaren Art und Weise werden wir von Unternehmen, besonders Konzernen, über Werbelügen dahin gehend manipuliert, bloß mehr zu konsumieren? Mit welcher tödlichen Kraft reden Wirtschaft und Politik von der Notwendigkeit eines immer weiter steigenden Wirtschaftswachstums?

Haben wir denn alle völlig den Verstand verloren – oder haben wir nie einen besessen?

Nein, ganz so dumm können wir nicht sein, denn Corona hat gezeigt, dass zumindest ein Großteil der Menschen auf sich und andere achtgeben kann, und man stellt überrascht fest, dass selbst eine ansonsten oft zutiefst ignorante Politik plötzlich der unabhängigen (!) Wissenschaft glaubt.

Aber wie es scheint, klappt das wirklich nur dann, wenn die Gefahr direkt und unmittelbar droht, aber dann auch, selbst wenn sie nicht so groß ist, dass sie unmittelbar die Zivilisation bedrohen könnte.

Aber alles, was in der Zukunft an einem unbestimmten Zeitpunkt X eintreten wird oder sich gar langsam mit immer mehr Symptomen anschleicht, scheint sich der Wahrnehmung der überwiegenden Mehrheit völlig zu entziehen, auch wenn es im Enddeffekt den Tod aller herbeiführen könnte, und was das Fatale ist: selbst auch dann, wenn man dies durch das Ändern seines Verhaltens verhindern könnte. Sogar meine Kinder, 17 und 18, um deren Zukunft es schließlich geht, finden das zwar alles auch unverantwortlich, wollen aber eigentlich nichts davon hören und erzählen mir dann schließlich jedes Mal wieder, sicher auch weil sie jung sind und einfach leben wollen, ich wäre immer viel zu negativ.

Ich wünsche mir wirklich nichts mehr, als dass sie damit recht haben.

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Markus

Jahrgang 1967, Informatiker, pflegt und entwickelt 3-D-CAD-Software in einem kleinen Unternehmen. Träumt von einer progressiven, sozial gerechten und ökologischen Gesellschaft und verzweifelt manchmal an der Frage, warum die meisten Menschen das nicht auch wollen.

Ein Gedanke zu „Menschliche Wahrnehmung“

  1. Ich bin da bei Dir, aber scheinbar sind die Dinge oft erst offenSichtlich, wenn sie in Sichtweite sind. Eine einfache Erklärung gibt es wohl nicht und auf andere Zeigen ist ja so viel einfacher, als selbst Abstriche zu machen. Ich weiß wovon ich spreche, sitze ich hier doch in einer („immerhin“ Biocotton) Jeans von C&A und war („immerhin“ mit dem Zug) gerade mit der Familie 2 Wochen in Frankreich unterwegs. Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein.
    Mich beruhigt aber der Gedanke, dass die Menschen sich auch an die schreckliche Lebenslage gewöhnen, denn die kommt ja auch Stück für Stück und vielleicht fühlt es sich dann auch gar nicht so unnormal an, dass man wieder Menschen an Grenzen erschießt, Kriege um Wasser führt und man sich Säugetiere nur noch in Büchern ansehen kann, wie heute schon die DInosaurier ;)

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