Mein persönliches Zitat des Jahres 2020

Jeder kennt diesen Moment. Ein Mensch sagt etwas Unglaubliches, unglaublich Dummes oder einfach Unfassbares, und es folgt die Frage, ob man sich aufregen, Mitleid empfinden oder einfach nur lachen sollte. So oder so setzt das Fremdschämen ein. Von Jens Spahn habe ich neulich ein Zitat mitbekommen, welches in wenigen Sätzen (unfreiwillig) reichlich viel zusammenfasst. Nämlich das, was in Deutschland grundsätzlich schiefläuft. Mein „Zitat des Jahres“.

 

Nun mag man von Herrn Spahn nicht gerade mit zitatwürdigen Aussagen (im positiven Sinne) verwöhnt sein, aber das hier hat mich doch aufhorchen lassen.

 

Übrigens, wenn ich eine kleine Ankedote erzählen darf. Ich war in Abudja, in Nigeria, hab dort das CDC, also das nigerianische Robert-Koch-Institut, besucht und sah auf einmal dort in dem Lagerraum an der Wand so Geschehen … Infektionsgeschehen in Nigeria, Masernausbruch dort, anderer Ausbruch dort, und dann sagten die ganz stolz zu mir: „Das ist übrigens Software aus Deutschland vom Robert-Koch-Institut und SORMAS entwickelt.“ Dann dachte ich mir, das kann ja gar nicht sein, dass ihr mit digitalen Tools aus Deutschland in Nigeria mehr könnt, als wir selbst in Deutschland … konnten.

(Quelle: Sendung Panorama, Das Erste, 26. 11. 2020, aufgeschnappt über Sendung Extra 3 vom 3. 12. 2020)

(Den Videomitschnitt habe ich händisch mitgeschrieben, die Originalsendung findet sich in der ARD-Mediathek unter Link.)

 

Was finden wir hier nicht alles in solch kleinem Zitat, was sich durchaus verallgemeinern ließe.

 

Selbstüberschätzung: Deutschland ist total innovativ.

Fehlender Tellerrand: Was woanders passiert, besser gemacht wird, kann uns egal sein.

Stumpfer Rassismus: Es ist natürlich völlig überraschend, dass Menschen in Nigeria mit Technik umgehen können.

 

Mal ganz abgesehen davon, dass Jens Spahn so etwas völlig schamfrei raushaut, ohne jegliches Gespür für Kommunikation, und nicht mal bemerkt, dass er gerade über sein eigenes (auch fachliches) Versagen spricht. Well.

 

In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch :-)

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Tina

Jahrgang 1972, Linkshänderin, mal nett, mal launisch, mag Nudeln, Vodka und Hunde. Meine Texte sind abhängig von Tagesform (siehe Stichwort "launisch") und Tagesaktualität. Grundsätzlich treiben mich Themen wie "Gerechtigkeit" und "Gemeinschaft" um bzw. wie wir als Gesellschaft gut miteinander leben können, ohne Hackordnung, ohne Menschen zurückzulassen.

2 Gedanken zu „Mein persönliches Zitat des Jahres 2020“

  1. Habe ich auch gesehen und mich gefragt, ob der noch etwas merkt!? Ich verstehe die Anekdote und würde das vielleicht unter Scham im Kreis enger Bekannter ähnlich überheblich äußern, um mein eigenes Versagen deutlich zur Schau zu stellen und dann in Demut und selbstkritisch darüber den Austausch und Kritik zu erfahren. Aber vor der Kamera und völlig ohne Konzept auf diese Art, das ist wirklich kaum zu toppen.

  2. Jens Spahn scheint seine patriotische Ader mittlerweile öfter zu pflegen, den auch beim ABDA-Talk, einem Video-Podcast der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V., äußert er sich voll stolz, dass ja die ersten PCR-Tests aus Deutschland gekommen sind. Hurra, genau so geht man ein globales Problem an …

    Was da ab Minute 24 noch interessant ist an diesem Video: Spahn fordert da direkt dazu auf, dass Apotheker und Ärzte einseitig unkritische Empfehlungen pro Covid-19-Impfungen aussprechen sollen, wenn sie Patienten/Kunden mit diesbezüglichen Bedenken haben. Das ist also ein Aufruf dazu, notfalls auch gegen die eigene Überzeugung gute Stimmung für die Impfungen zu machen.

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