„Ich lass mir nichts sagen!“

Diese Aussage höre ich in letzter Zeit öfter. Sie meint in diesem Fall, dass man sich „vom Staat“ nichts sagen lässt, und kommt in meinem Fall immer wieder von Leuten, die aber genau das mit anderen tun: anderen sagen wollen, was sie zu tun haben. Sie wollen sich das Tragen von Masken nicht vorschreiben lassen und diffamieren dann Menschen, die Masken tragen (wollen ihnen also vorschreiben, keine Masken zu tragen).  Sie haben Angst vor Unterdrückung und versuchen dann selbst, die Pressefreiheit und freie Berichterstattung zu unterdrücken. Ja, warum wohl nur?

Das erinnert mich an die Aussagen einiger Republikaner in den USA, die ich vor einigen Wochen in einer Dokumentation zu den US-Wahlen sah: „Die Demokraten wollen uns die Waffen wegnehmen, um uns dann mit Waffengewalt zu unterdrücken.“ So ist das: Was ich selbst im Hinterkopf habe, das erwarte ich von meinem Gegenüber. Ich habe nun die dritte Person aus meinem Umfeld, die mit der jetzigen Gesellschaftsform nicht mehr zurechtkommt und sich erst in buddhistische Zentren und Veranstaltungen zurückzieht, um mir dann irgendwann Videos von Querdenkern zu schicken. Zufall? Ich sehe die Parallelen, dass alle drei sich zunehmend von ihrem Leben überfordert fühlen und dann von Leuten eingefangen werden, die ihnen „einfache Lösungen“ bieten. Der Volksmund nennt diese Leute „Bauernfänger“, die Querdenker nennen diese Leute „Idole“ (erinnert mich an die „Hohlen Idole“).

Corona spaltet die Gesellschaft, und das Demokratieverständnis einiger ist dabei gefährlich! Wer mit dem politischen System nicht zufrieden ist (und das kann man aus meiner Sicht auch sehr wohl sein!), der hat alle demokratischen Mittel, daran etwas zu ändern: wählen gehen, einer Partei beitreten, eine Partei gründen, einer NGO beitreten oder sich auf einen Marktplatz stellen und laut protestieren (auch wenn die Querdenker immer wieder meinen, ihre Meinung wird nicht gezeigt, so dominiert deren Geschrei LEIDER auch die Medienwelt, obgleich ihr Anteil an der Bevölkerung gering ist). Das sind die demokratischen Mittel, die jeder im gleichen Maße ausüben darf und die dazu führen, dass letzten Endes die Mehrheit entscheidet, wo es grob langgeht … theoretisch. ;)

Und wem das nicht passt, der kann Folgendes machen, um es mit den Worten des (von ebendiesen Querdenkern) ermordeten Walter Lübcke zu sagen: „Wer diese Werte nicht vertritt, der kann dieses Land jederzeit verlassen, wenn er will.“ Was jedoch NICHT geht, ist, einen Bundestag zu stürmen, Pressevertreter persönlich zu attackieren oder sonstige Maßnahmen, die gegen geltendes Recht verstoßen. Deshalb noch einmal für all jene, die sich „nichts vorschreiben lassen wollen“: Gesetze schreiben auch vor, dass jemand Euch nicht ermorden oder vergewaltigen darf (oft genug kommen gerade aus der Ecke ja entsprechende Hass- und Gewaltkommentare, siehe hier), die Polizei Euch genauso vor Verbrechen (und Eure rechtmäßig angemeldeten und durchgeführten Demos) schützt wie die Feuerwehr Eure Häuser löscht und der Arzt verpflichtet ist, Euer Leben zu retten (auch wenn Ihr nach einer Corona-Party wegen des verharmlosten Virus auf der Intensivstation liegt und um Euer Leben ringt). Dazu sind Gesetze und Vorschriften da, und deshalb lässt „man“ sich auch was sagen. Deine Meinung ist frei, Dein Handeln aber nicht, und das ist gut so!

Ich sehe einen Zusammenhang zwischen persönlicher Überforderung und systemischer Ablehnung bei diesen Querdenkern, die ich persönlich kenne. Leider passt das auch in mein selbst zusammengewünschtes Bild, dass die (un)sozialen Medien zu dieser Überforderung maßgeblich beitragen und dann genug Filterblasen-Material bieten, um sich so richtig da reinzusteigern (ja, sie füttern sich sozusagen selbst). Mein demokratisches Grundverständnis erlaubt diesen Austausch von (teilweise unglaublich verwirrten, desinformierten und verängstigten) Meinungen über (un)soziale Medien, da unterscheide ich mich von denen, die sich nichts sagen lassen wollen. Und trotzdem (oder gerade auch deswegen) glaube auch ich, dass unsere Politik sich Gedanken über deren industriefreundliche und unsoziale Maßnahmen machen sollte (Steuergerechtigkeit und -flucht, Geschenke an Auto- und Energieindustrie, Sparmaßnahmen zulasten der Bildung etc.). Aber eben auf demokratischem Weg und nicht mit Gewalt.

print

Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

Ein Gedanke zu „„Ich lass mir nichts sagen!““

  1. Zu meiner Kritik an den (un)sozialen Medien empfehle ich auch die beiden Beiträge von Gerd Scobel auf seinem YouTube Kanal (haha, das bei YouTube zu veröffentlichen) mit den Titeln „Google & Co.: Im Netz des Überwachungskapitalismus“ und „The Social Dilemma: wie Google & Co. uns verkaufen“ von jeweils ca. 20 Minuten. Wer mehr denken als querdenken möchte, der sollte sich da mal umschauen und vor allem den Beitrag „Philosoph reagiert auf Klimaleugner“ in voller Länge sehen und versuchen zu verstehen.

Schreibe einen Kommentar