Die Klimakatastrophe ist unübersehbar da – und wird dennoch bestritten

Nicht nur die Flutkatastrophe in Westdeutschland führt uns vor Augen, dass der Klimawandel mittlerweile zu dem übergeht, was als Klimakatastrophe schon länger prognostiziert wurde. Nun ist das also auch bei uns in Deutschland angekommen und nicht mehr nur etwas Abstraktes, was irgendwann mal in der Zukunft und am besten noch irgendwo anders (wo die Auswirkungen der Klimakatastrophe übrigens öfter schon seit einiger Zeit zu beobachten sind) stattfindet. Und auch der Blick auf das, was sich da gerade global tut, ist nicht gerade ein hoffnungsvoller, wenn man sich einige Entwicklungen und Ereignisse betrachtet, die gerade auftreten.

Nach den verheerenden Waldbränden in den USA und Kanada wird nun auch gerade Südeuropa von Feuersbrünsten heimgesucht, und auch weitere Meldungen zeigen auf, dass der Klimawandel nicht mehr zu übersehen ist. So konnte man in letzter Zeit Folgendes lesen: „Golfstrom-System nähert sich womöglich kritischer Schwelle und Zusammenbruch“, „Klimakrise: Einige Folgen bereits ‚unumkehrbar‘“, „Grönländischer Eisschild schmilzt massiv ab“, „Der Amazonas stößt nun mehr Treibhausgase aus, als er absorbiert“, „Waldbrandkatastrophe in Russland weitet sich aus“, „Klimabericht sagt drastische Klimawandel-Folgen voraus“ und „Klimawandel stoppt AMOC: Das erste Klima-Kippelement könnte fallen“.

Ist so in der geballten Form schon recht beunruhigend, oder?

Was man vor allem auch aus all diesen Berichten herausliest: Die Realität überholt oftmals die Prognosen, viele Eintrittszeitpunkte für einschneidende Veränderungen und das Eintreten globaler Erwärmungswerte müssen vorverlegt werden.

Da sollte man doch glatt meinen, dass nun endlich mal im großen Stil den Menschen ein Licht aufgeht, dass wir nicht einfach so weitermachen können wie bisher, sondern das es nun aber wirklich ums Ganze – sprich: das Überleben der Menschen in einer einigermaßen intakten Biosphäre – geht.

Tja, wäre zu schön … Wenn ich mir da allerdings die Kommentare in sozialen Medien zu dem Thema anschaue, dann wird klar, dass viel zu viele die Problematik der Klimakatastrophe einfach nur bestreiten, von sich weisen, ignorieren und/oder kleinreden.

Beispiele gefällig?

Unter dem oben schon mal verlinkten Artikel der Badischen Neusten Nachrichten zum alarmierenden Bericht des Weltklimarates fanden sich dann als Erstes gleich mal folgende zwei Kommentare:

Und mit solchen Aussagen erntet man dann sogar noch Zustimmung …

Dass eine weggeworfene Kippe oder ein unbeaufsichtigtes Lagerfeuer in einem aufgrund der klimatischen Veränderungen ausgetrockneten Wald viel eher zu einem Waldbrand führen, als wenn da eine normale Feuchtigkeit herrscht, ist offensichtlich schon eine Nummer zu kompliziert für diese Kommentatoren.

Und der ebenfalls oben schon erwähnte Artikel von Spiegel Wissenschaft zum Abtauen der grönländischen Eisschildes bekam etliche ähnlich unqualifizierte Kommentare, als er auf einer Facebook-Seite geteilt wurde. Hier mal eine kleine Auswahl:

Der Grundtenor: Das ist alles ganz normal, das ist alles nicht so schlimm, das ist was ganz Natürliches.

Das ist es zwar nachweislich nicht, und da ist sich die Wissenschaft mittlerweile auch schon ein bisschen länger komplett einig (s. hier), aber dennoch werden solche Aussagen mit großem Selbstbewusstsein getätigt. Und wenn man dann belegt, dass es beispielsweise Quatsch ist, dass Grönland früher eine grüne Insel gewesen ist, und einen entsprechend fundierten Artikel dazu postet, dann wird man im besten Fall ignoriert, im schlechtesten Fall bepöbelt und beschimpft.

Denn mit der Rationalität und stringenter Argumentation haben es solche Leute eben nicht so. Das wurde auch deutlich, als so eine Person einen Link zu einem Interview mit dem Ozeanografen Nils-Axel Mörner postete, der aussagt, dass diejenigen Wissenschaftler, die vor den Folgen des Klimawandels warnen, eine politische Agenda verfolgen würden. Da muss man noch nicht mal viel suchen, sondern ein Blick in den Wikipedia-Artikel zu Mörner reicht aus, um zu sehen, dass der Typ alles Mögliche ist, aber kein seriöser Wissenschaftler. Ich zitiere mal:

2017 trat er als Gastredner bei einer von den beiden Klimaleugnerorganisationen Europäisches Institut für Klima & Energie (EIKE) und Committee for a Constructive Tomorrow (CFACT) veranstalteten „Klimakonferenz“ in Düsseldorf auf.

2018 wurde bekannt, dass Mörner mehrere vermeintlich peer-reviewte Paper in sogenannten Raubjournalen publizierte, die ein Peer-Review häufig nur vortäuschen. Die Arbeiten wurden von der CO2-Coalition finanziert, einer Klimaleugnerorganisation, die mit der Regierung Trump in Verbindung steht. 2017 hatte er zusammen mit OMICS International, einem indischen Raubjournalverlag, der wegen betrügerischer Geschäftspraktiken verklagt wird, eine vermeintliche Klimakonferenz veranstaltet, die vor allem mit Klimaleugnern besetzt war.

Wow, toller Typ, tritt bei EIKE auf, von denen ja schon seit Langem bekannt ist, dass sie von ExxonMobil finanziert werden (s. hier, hier und hier). Mörner ist somit vielmehr ein Paradebeispiel für einen Wissenschaftler, der sich zu PR-Zwecken von der Industrie hat kaufen lassen – und der entsprechend eben auch PR verbreitet. Was aber die „Spezialisten“ in sozialen Medien nicht davon abhält, das alles für bare Münze zu nehmen.

Ironischerweise sind solche Typen dann immer schnell dabei, Quellen, die als Belege für etwas angegeben werden, was ihnen nicht in den Kram passt, massiv anzuzweifeln. Und selbst kriegen sie es nicht auf die Kette, PR von Journalismus zu unterscheiden. Und das, obwohl diese Vorgehensweise schon seit vielen Jahren bekannt ist und von den Protagonisten mitunter auch ganz freimütig so zugegeben wird, wie beispielsweise von Anti-Klimaschutz-Lobbyist Marc Morano in einem Artikel auf Zeit Online von 2012. Au weia!

Was bei diesen Leuten noch auffällt, die gern mit Halbwissen, was vor allem von rechten Hetzseiten und PR der fossilen Energieindustrie gespeist wird, hausieren gehen: Bei vielen von denen findet man dann, wenig überraschend, AfD-Likes – was wieder einmal zeigt, wie die AfD systemstabilisierend funktioniert, indem sie den Protest der Unzufriedenen entrationalisiert (s. hier), statt konstruktiver Kritik destruktive Ignoranz befördert und Wissenschaftsfeindlichkeit verbreitet.

Und Letztere wurde natürlich auch noch befeuert durch die Corona-Politik der Bundesregierung, die permanent Wissenschaft zu instrumentalisieren versucht hat (s. hier) und sich nur von Wissenschaftlern hat beraten lassen, die auf Regierungslinie liegen (s. hier). Aber klar: Auch die CDU, die ja nun maßgeblich an der Bundesregierung beteiligt ist, hat durchaus ein Interesse daran, Wissenschaft zu diskreditieren, da sie ja selbst auch nicht eben ein Vorreiter bei einer wissenschaftlich fundierten Klimaschutzpolitik ist.

So werden also qualifizierte Aussagen von Wissenschaftlern von vielen Menschen zunehmend infrage gestellt, wird wissenschaftlicher Konsens negiert, indem man offensichtliche PR – um nicht zu sagen Fake News – in sozialen Medien und Kommentarspalten dagegenstellt. Aber das ist ja auch nicht verwunderlich, denn der Grundtenor dessen, was die Konzerne und Industrien, die mit dem Verbrennen fossiler Energieträger und dem Befeuern des Klimawandels fette Profite einfahren (die industrialle Landwirtschaft gehört beispielsweise auch dazu), und deren Lobbyorganisation verbreiten, ist ja auch angenehmer für die meisten als das, was diejenigen, die einen effektiven Klimaschutz einfordern, zu bieten haben: Wir können ruhig so weitermachen wie bisher, wir müssen auf nichts verzichten, wir müssen nichts ändern.

Das zieht bei vielen natürlich, die eben nicht sich selbst einschränken wollen in ihrem Konsum, die ihren bequemen Lebensstil auf Kosten anderer Menschen, vieler Tiere sowie der Umwelt und des Klimas nicht hinterfragen wollen.

Sag den Leuten, was sie hören wollen, und sie werden dir folgen. So einfach funktioniert das leider allzu oft. Und das trotz der bestmöglichen Informationsmöglichkeiten, die Menschen jemals zur Verfügung hatten. Aber da hat dann eben die umfassende neoliberale Indoktrination der letzten Jahrzehnte auch ganze Arbeit geleistet (s. dazu exemplarisch hier, hier, hier, hier, hier und hier).

Und aufgrund dieser unseligen Allianz von viel zu vielen klimaschutzunwilligen Politikern (die vor allem in CDU/CSU, FDP und AfD zu finden sind), massiver Lobbyarbeit und Desinformation vonseiten der Verursacher und (Noch-)Profiteuere vom Klimawandel sowie allzu vielen Menschen, die hinreichend indoktriniert (um nicht zu sagen: verblödet) sind, diesen Mumpitz dann auch noch zu glauben, zu verteidigen und weiterzuverbreiten, sehe ich dann doch reichlich schwarz damit, die Auswirkungen der Klimakatastrophe auch nur noch ein wenig abmildern zu können …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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