Es hätte so einfach sein können …

… mit so einer Krise wie jetzt der Corona-Pandemie umzugehen, wenn die Bevölkerung aus mündigen Bürgern und nicht zu einem großen Teil entweder aus Egoisten und Konsumäffchen oder aus obrigkeitshörigen Untertanen bestünde. Dann, so möchte ich behaupten, hätte es nur einer einzigen Anweisung bedurft:

Schränkt euch ein, wahrt größtmöglichen Abstand zu euren Mitmenschen und verhaltet euch vor allem extrem rücksichtsvoll.

Mehr wäre wohl nicht notwendig gewesen, um dieser Pandemie einigermaßen gut Herr zu werden.

Doch leider sind die Menschen nach jahrzehntelanger neoliberaler Indoktrinierung dazu nicht mehr in der Lage. Rücksicht bedeutet ja, den anderen nicht in erster Linie als Konkurrenten zu sehen, sondern als jemanden, für den gelten sollte: Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.

Wenn allerdings ein Zeitgeist der Rücksichtslosigkeit herrscht – und vor allem gefördert wird durch Medien, Konzerne und auch Politik – sowie ein generelles Misstrauen seinen Mitmenschen gegenüber verbreitet ist, dann wird es schwierig, sich auf solche im Grunde einfachen Verhaltensweisen einigen und verlassen zu können.

Dann reisen die Leute noch durch die Gegend, obwohl schon klar ist, dass der Coronavirus sich über China hinaus verbreitet.

Dann wird bis auf den letzten Drücker noch seinem Spaßvergnügen in großen Menschenmengen gefrönt, bis es eben dann verboten wird, weil Einsicht nicht vorhanden ist.

Dann wird in Massen in die Geschäfte gestürmt, sobald dies wieder erlaubt ist, und auch dabei jede Vernunft fahren gelassen – schließlich ist es ja nicht mehr verboten, der Untertan kennt da nur schwarz und weiß, zumal wenn er auch noch zum Konsumjunkie gedrillt wurde.

Dieses Verhalten ist vollkommen vorhersehbar, da es auf dem Verhalten fußt, was Menschen schon seit Jahren in unserer Gesellschaft an den Tag legen – und was ihnen als gut und sinnvoll beigebracht wurde. Schon Margaret Thatcher verkündete „There is no such thing as society“, was dann durch beliebte neoliberale Slogans wie „Jeder ist seines Glückes Schmied“ oder „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht“ noch für den Einzelnen greifbarer gemacht wurde.

Wenn nun also Politiker sich überrascht geben, dass die Bürger sich so verhalten, wie sie es in dieser Krise immer wieder unvernünftigerweise machen, dann kann man davon ausgehen, dass diese Überraschung geheuchelt und verlogen ist. Denn gerade diejenigen, die zu den Gestaltern und Verteidigern der neoliberalen Gesellschaftsordnung gehören, dürften sich der Auswirkungen ihres Tuns ja durchaus sehr genau bewusst sein.

Bleibt die Frage, wie man aus dem Dilemma rauskommt. Die ganzen entmündigten Bürger bräuchten im Grunde eine feste Hand, die sie führt und ihnen sagt, was sie machen sollen, was aber natürlich dann gleich wieder von denen ausgenutzt würde (und auch schon ausgenutzt wird), die Demokratie und Rechtsstaat nichts Gutes wollen. Und wenn man den Leuten die Freiheit zugesteht, sich einfach rational, rücksichtsvoll und zurückhaltend zu verhalten, dann haut das leider hinten und vorn nicht hin, wie man ja gerade sieht.

Da ist das Kind eben leider in den Brunnen gefallen, und die jahrzehntelange neoliberale Indoktrination zeigt ihre Wirkung.

Wie ich ja vor einigen Wochen schon mal feststellte: Ein Virus zeigt die Untauglichkeit des neoliberalen Systems auf. Zumindest Untauglichkeit in dem Sinne, als dass es für die meisten Menschen Nachteile bringt und gefährlich wird. Ein paar Nutznießer gibt es natürlich auch bei dieser Pandemie wieder, so wie in jeder Krise oder bei jeder Katastrophe.

Das Fazit bleibt leider nach wie vor dasselbe: Der Neoliberalismus frisst seine Kinder …

print

Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

Ein Gedanke zu „Es hätte so einfach sein können …“

  1. Die Wahl-Schwedin Maike van den Boom berichtet in einem Beitrag auf Xing darüber, wie Schweden mit der Corona-Pandemie umgeht, und das entspricht schon in ziemlichem Maße dem, wie ich es oben geschildert habe. Das ist also keine bloße Utopie, sondern eine Konsequenz, wenn man Gesellschaft anders denkt. In Schweden stehen die Erziehung von Kindern zu mündigen Bürgern und die Solidarität der Menschen untereinander seit Längerem schon stärker im Fokus als in vielen anderen, deutlich neoliberaleren Gesellschaften. Das führt nicht nur dazu, dass die Schweden in Listen der glücklichsten Nationen immer ziemlich weit vorn rangieren, sondern trägt auch in krisenhaften Zeiten Fürchte, wie man gerade sieht.

Schreibe einen Kommentar