Zypern lehnt CETA ab – und die neoliberale Manipulationsmaschinerie läuft an

Das zypriotische Parlament hat letzte Woche das umstrittene Freihandelsabkommen CETA zwischen der EU und Kanada abgelehnt. Das ist eine gute Nachricht – und zugleich noch eine kleine Lehrstunde, wie neoliberale Indoktrination funktioniert.

Was bei der medialen Reaktion auf dieses Ereignis nämlich vor allem interessant und bezeichnend ist: Die neoliberale Journaille (FAZ, WiWo, Spiegel …) versucht diese Entscheidung zu trivialisieren, indem sie in den Titeln zu dieser Abstimmung „wegen Halloumi-Käse“ hervorhebt – und so den Eindruck erwecken möchte, dass das ja im Grunde nur eine Kleinigkeit oder so was wie eine regionale Posse sei. Dass die Zivilgesellschaft in Zypern CETA generell sehr skeptisch gegenübersteht, wird natürlich nicht erwähnt, wie es beispielsweise aus dem Newsletter vom Umweltinstitut München hervorgeht:

Nun könnte CETA – der Vertrag zwischen der EU und Kanada – vor dem Aus stehen, denn das zypriotische Parlament hat das Abkommen vor wenigen Tagen mit 37 zu 18 Stimmen abgelehnt.

Zwar wird CETA trotz aller Proteste nun schon seit drei Jahren vorläufig angewandt. Aber damit es vollständig in Kraft treten kann, fehlte bisher noch die Zustimmung einiger EU-Mitgliedstaaten. Lehnt nur ein Parlament das Abkommen ab, scheitert es und die vorläufige Anwendung wird gestoppt. Und genau das ist jetzt geschehen: Mit dem „Οχι!“ aus Zypern ist CETA eigentlich gestorben!

Doch der zypriotische Präsident will nachverhandeln. Die EU-Kommission könnte in Absprache mit Kanada gezielt den Schutz zypriotischer Produkte, wie dem Halloumi-Käse, verbessern. Zypern könnte dann erneut abstimmen und das Abkommen retten. Doch in der Debatte im Parlament ging es nicht nur um Halloumi, sondern auch gegen den einseitigen Nutzen für große Konzerne, gegen Investitionsschutz und gegen Gentechnik. Das Nein im Parlament passt zur Stimmung auf der Insel, wo die gesamte Zivilgesellschaft das Abkommen ablehnt.

Wenigstens die taz berichtet seriös darüber, aber die erreicht eben auch nur einen vergleichsweise kleinen Teil der Gesellschaft.

Journalisten wissen ganz genau, dass viele Menschen nur die Überschriften von Artikeln lesen, vielleicht noch mal den ersten Anrisstext. Und dieses Verhalten hat sich in Zeiten von Social Media und Smartphone-Nutzung noch mal deutlich verschärft. Ich selbst kann das auch jeden Tag erleben, dass Leute sich zu Artikeln äußern, die sie überhaupt nicht gelesen haben – was natürlich dann in der Regel zu wenig qualifizierten Kommentaren und einer unfruchtbaren Diskussion führt.

Daran sieht man nun, dass Indoktrination nicht zwingend damit verbunden ist, die Menschen anzulügen, sondern man lässt eben einfach bestimmte Aspekte eines Geschehens weg und überbetont andere. Und schon wird eben eine entsprechende Stimmung erzeugt beim Leser, in diesem Fall wohl: „Die doofen hinterwäldlerischen Zyprioten mit ihrem albernen Käse – und deswegen soll nun ein tolles Freihandelsabkommen scheitern!“

Das ist natürlich schon wesentlich subtiler, als wenn man einfach irgendwelche Appelle direkt dem Leser vor den Kopf knallt, die ihn zu einem Handeln auffordern, so wie das in Autokratien ja häufig der Fall ist. So wird nun durch vermeintlich sachliche Berichterstattung dem Leser ein eigene Schlussfolgerung aus dem Gelesenen nahegelegt, die dieser allerdings erst noch selbst leisten muss, sodass er sich eben nicht manipuliert fühlt, sondern meint, sich seine Meinung ja selbst zu bilden.

Ganz schön raffiniert, oder?

Und für diejenigen, denen so was dann doch ein bisschen zu viel kognitive Eigenleistung ist, fehlt dann jetzt eigentlich nur noch die BILD, die zum Boykott von zypriotischem Halloumi aufruft …

print

Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

Schreibe einen Kommentar