„Wir müssen auf die Wissenschaft hören!“ Ach ja?

Ein Credo, was immer wieder während der Corona-Pandemie verlautbart wird, ist ja, dass sich die Politik an den Aussagen der Wissenschaft orientiert in ihrem Handeln. Und auch die prominenten Stellung von Wissenschaftlern wie dem Charité-Chefvirologen Christian Drosten oder RKI-Chef Lothar-Wieler in der Berichterstattung deutet darauf hin, dass die Wissenschaft doch ein gewichtiges Wort mitzureden hätte bei den politischen Entscheidungen zur Bewältigung der Pandemie. Das ist ja für die Regierenden auch ein bequemes Narrativ, da man so das eigene Handeln als alternativlos, weil eben von der Wissenschaft gefordert, darstellen kann.

Nun scheint es mir allerdings öfter so zu sein, dass vor allem die Wissenschaftler herangezogen werden, mit deren Aussagen sich das Regierungshandeln gut begründen lässt. Das war ja schon am Anfang der Pandemie deutlich zu erkennen, als Christian Drosten absurderweise meinte, dass Masken keinen Schutz vor einer Infektion böten – klar, es waren ja auch viel zu wenig verfügbar zu dem Zeitpunkt. Hier folgte also die Stimme der Wissenschaft offensichtlich den politischen Notwendigkeiten – und nicht umgekehrt.

Und auch Lydia Rosenfelder monierte bereits vor ziemlich genau einem Jahr in einem Kommentar auf Spiegel Online, dass die Bundesregierung doch sehr selektiv und wenig meinungspluralistisch bei der Auswahl ihres Beratergremiums vorginge:

Im Gegensatz zu Bundestagsanhörungen, die der umfassenden Meinungsbildung dienen, hat diese Beraterrunde offenbar eine andere Aufgabe: Sie soll die gewünschten Argumente liefern und Druck auf die Ministerpräsidenten ausüben. Die Vielfalt an Positionen, die die wissenschaftliche und gesellschaftliche Debatte über die Corona-Politik inzwischen erreicht hat, wird dort nicht abgebildet. Vor allem wird der grundsätzlichen Frage, ob die Lockdown-Maßnahmen in den vergangenen Wochen erfolgreich und notwendig waren, wenig Raum gegeben.

Eine breite Diskussion ist offenbar unerwünscht. Die Kollateralschäden, die abgehängten Schüler, die vernichteten beruflichen Existenzen bleiben ausgeblendet. Es gibt auch keinen Anwalt der Strategie, mit massenhaften Schnelltests viel mehr Infizierte zu entdecken und so vielleicht auch bald wieder Präsenzunterricht an den Schulen zu ermöglichen.

Stattdessen erklingt ein nahezu einstimmiges Warnkonzert zur Durchsetzung von weiteren Verschärfungen – ohne jeden kritischen Blick auf die Schwächen der bisherigen Strategie. Das ist Alarmismus auf Bestellung.

Das kennt man so ja auch schon aus dem ökonomischen Diskurs, wo grundsätzlich auch nur auf Verfechter des neoliberalen Mainstreams gehört wird und andere Positionen unterrepräsentiert sind oder gar nicht erst wahrgenommen werden (s. dazu exemplarisch hier). Da ist es dann auch völlig egal, dass sich die neoliberalen Theorien längst als falsch erwiesen haben, es wird mit betonköpfigem Starrsinn daran festgehalten, und ein wirklich offener Austausch mit Ansichten verschiedenster Konzepte (die es nämlich gibt, Wirtschaftswissenschaften gehören schließlich zu den Geisteswissenschaften und nicht zu den Naturwissenschaften) findet nicht statt. Da stört es dann im politischen Handeln auch nicht, wenn sich verkündete Gewissheiten als falsch erweisen, so wie bei der Staatsschuldenquote (s. hier) – es wird dennoch weiter daran festgehalten.

In einigen Bereichen kennt man zudem ja auch schon seit Jahren, dass die Politik wissenschaftliche Expertise komplett ignoriert, und oft genug fordert diese Ignoranz sogar zahlreiche Menschenleben. So bewirken wissenschaftliche Erkenntnisse zur Schädlichkeit von Luftverschmutzung kein entsprechendes politisches Handeln, um dem entgegenzuwirken – und wir reden hier immerhin über etwa 80.000 Toten jedes Jahr, und das nur in Deutschland (s. hier). Auch in Bezug auf multiresistente Keime, an denen jedes Jahr bis zu 20.000 Deutsche sterben (s. hier), gibt es von Fachleuten eindeutige Ursachenbeschreibungen – geändert wird daran ebenfalls nichts. Und genauso verhält es sich beim Tempolimit auf Autobahnen, durch dessen Einführung jedes Jahr laut Experten etliche Unfalltote verhindert werden könnten (s. hier) – mal von der positiven Wirkung in puncto Klimaschutz ganz abgesehen.

Auch aktuell gibt es gerade wieder ein paar Themen, bei denen wissenschaftliche Expertise einfach ignoriert wird:

Das ist beispielsweise bei Pestiziden der Fall. Deren Schädlichkeit sowohl für Menschen als auch für die Biodiversität ist hinreichend nachgewiesen worden (s. beispielsweise hier), und wenn dann eine Zulassungsverlängerung wie beim umstrittenen Ackergift Glyphosat ansteht, dann wird vonseiten der politischen Entscheider auf fehlerhafte Herstellerstudien zugegriffen, anstatt zu einer möglichst fundierten Bewertung, die auf verschiedenen unabhängigen Quellen basiert, zu kommen (s. hier, hier und hier).

Auch aktuell groß im Gespräch: Die EU-Kommission hat beschlossen, dass Atomenergie und Gas als grüne Energieformen gelten. Die an dieser Taxonomie ursprünglich beteiligten Wissenschaftler finden das laut einem Artikel auf tagesschau.de gar nicht so richtig witzig:

Jetzt üben Hoepner und andere deutsche Wissenschaftler gegenüber NDR/WDR und Süddeutscher Zeitung (SZ) scharfe Kritik an dem Entwurf der Von-der-Leyen-Kommission zur Taxonomie. Da sei „null Prozent von der Empfehlung der wissenschaftlichen Expertengruppe drin“, sagt Hoepner. Auch Rink spricht von einem „verwässerten“ Entwurf.

[…]

Schlüsselrolle hin oder her, der jetzige Entwurf greift die Vorschläge der Wissenschaftler kaum auf. Für Atomkraft hatten sie eigentlich keinen Platz in der Taxonomie gesehen. Auch nicht für Sonderregeln wie für Gaskraftwerke. Wie verdreht er den Vorschlag findet, beschreibt Hoepner mit: „Das ist so, als würde man Pommes frites als Salat bezeichnen.“

Da werden also Wissenschaftler mit an Bord geholt, die allerdings offensichtlich nur als eine Art Feigenblatt zur Imagepflege dienen, weil man dann ohnehin nur auf die Interessen von Konzernen, in diesem Fall aus der Energiebranche, Rücksicht nimmt. Und wenn man dann sieht, wie die Bundesregierung darauf reagiert, dann wird deutlich, dass es nie um Wissenschaft geht, sondern immer nur um Eigeninteressen. Dass Atomenergie nun als grün gelten soll, darüber wird sich (zu Recht) aufgeregt, aber bei Gasenergie findet man das total super. Klar: Deutschland hat den Atomausstieg bereits beschlossen, nutzt aber weiterhin viel Gas. Bigotterie in Reinkultur!

Und damit, auf Wissenschaftler als Experten zu hören, hat das Ganze schon mal überhaupt gar nichts zu tun.

Auch das Artensterben wird gerade von wissenschaftlicher Seite thematisiert, und zwar von Matthias Glaubrecht in einem Artikel im Tagesspiegel. Und der Professor für Biodiversität der Tiere findet deutliche kritische Worte für die Ignoranz der Politik gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen, bezeichnet die meisten Politiker als biologische und naturwissenschaftliche „Analphabeten“.

Keine besonders gute Voraussetzung, wenn man sich die Dramatik beim Artensterben vor Augen führt, die Glaubrecht mit drastischen Zahlen in seinem Artikel belegt. Und dazu muss man sich auch noch die Auswirkungen auf unsere menschliche Spezies vergegenwärtigen, denn die gehen weit darüber hinaus, dass man vielleicht irgendwann Tiger und Eisbären nur noch in Zoos sehen kann. Gerade das Artensterben bei den Insekten hat extremen und vielfältigen Einfluss auf das Bestehen von Ökosystemen, von denen wir alle in hohem Maße abhängig sind. Glaubrecht dazu:

Die Arten aber sind es, die durch ihr komplexes Netzwerk die irdischen Ökosysteme aufbauen, von deren unentgeltlicher Dienstleistung wir dann profitieren. Die Natur erbringt Leistungen, die mehr als das 1,5fache des weltweiten Bruttosozialprodukts ausmachen. Zugleich ist die Biodiversität die Lebensversicherung unseres Planeten. Sie sei unsere wertvollste aber am wenigsten geschätzte Ressource, sagte der gerade verstorbene Evolutionsbiologe Edward O. Wilson einmal.

Es geht letztendlich um unser eigenes Überleben

Im Kern geht es – ähnlich wie beim Klima – nicht um die Erde und das Leben darauf, sondern um uns Menschen und unser Überleben auf diesem einzigen Planeten, den wir haben und je haben werden. Denn wir hängen mit unserer Ernährung und Gesundheit von den funktionierenden und resilienten Ökosystemen ab; sie produzieren Fleisch, Fisch und Früchte, alles vom Honig bis zum Holz, vom Apfel und Avocado bis zu Kaffee und Kakao. Je mehr biologische Arten wir verlieren, desto mehr ökologische Maschen gehen verloren, bis das Netz irgendwann reißt.

Auch Tanja Busse beschrieb bereits im November 2019 in einem Artikel in den Blättern für deutsche und internationale Politik die dramatischen Ausmaßen des Artensterbens und die Ignoranz der Politik, dem entgegenzuwirken:

Es gibt einen großen Konsens unter Wissenschaftlern und Naturschützern darüber, welche Regelungen es bräuchte, um Biodiversität nicht nur an einzelnen Orten, sondern überall zu bewahren. Das gemeinsame Gutachten zum flächenwirksamen Insektenschutz, verfasst vom Sachverständigenrat für Umweltfragen und vom Wissenschaftlichen Beirat für Biodiversität und genetische Ressourcen sei nur als ein prominentes Beispiel genannt. Der Sachverständigenrat berät die Bundesregierung, der Beirat das Bundeslandwirtschaftsministerium, beides sind also Gremien mit Gewicht. Die wichtigsten Forderungen der beiden Räte: Wir müssen die Agrarförderung an ökologischen Belangen ausrichten. Wir müssen vielfältige Landschaftsstrukturen fördern. Wir brauchen weniger Pflanzenschutzmittel und Nährstoffeinträge. Wir müssen die bestehenden Schutzgebiete stärken, die künstliche Beleuchtung verringern und den Flächenverbrauch reduzieren.

Da sollte man doch meinen, dass Artenschutz ganz weit oben auf der politischen Agenda stehen sollte und die entsprechenden Maßnahmen schnellstens ergriffen werden. Das ist nur leider nicht ansatzweise der Fall – und das wider jede wissenschaftlicher Erkenntnis.

Was dann noch hinzukommt: Das Artensterben ist auch eine wesentliche Ursache für das Entstehen von Zoonosen, die dann solche Pandemien wie jetzt Covid-19 auslösen können. Auch darauf wurde schon mehrfach hingewiesen, so zum Beispiel hier, hier, hier und hier, sodass man meinen könnte, dass eine wissenschaftsbasierte und verantwortungsvolle Politik, die ja von der Regierung stets für sich proklamiert wurde im Zuge der Pandemie, alles daransetzt, um das Risiko von zukünftigen Pandemien zu minimieren.

Tja, falsch gemeint, denn nichts geschieht in diese Richtung. Da muss man sich nur mal die EU-Agrarsubventionen anschauen, die zum Großteil an die industrielle Landwirtschaft gehen – und eben nicht an ökologisch arbeitende kleinbäuerliche Betriebe (s. hier). Da die Agrarkonzerne ein wesentlicher Treiber fürs Artensterben sind, wird diesem also auf diese Weise nicht nur nicht entgegengewirkt, sondern es wird nach wie vor über finanzielle Unterstützung gefördert.

Eine weitere Ursache für das Entstehen von Pandemien wie Covid-19 ist dann auch noch der Klimawandel (der übrigens auch das Artensterben beschleunigt – s. dazu hier), und das ist ja nun ein Thema, bei dem die Politik sich seit Jahren sträubt, den wissenschaftlichen Konsens (s. hier) anzuerkennen, dass wir uns nämlich mit einem stumpfen Weiter-so als Menschheit unser eigenes Grab schaufeln.

Die Ursache ist bei allem dieselbe: Dank Korruption und Lobbyismus werden wirtschaftliche Interessen von Konzernen und der Finanzindustrie stets höher gewertet und entsprechend auch priorisiert umgesetzt. Geld schlägt Wissenschaft, und das auch dann, wenn es viele Menschenleben fordert und sogar unsere gesamte Spezies bedroht (s. dazu hier).

Und da glaube ich einfach nicht, dass das nun bei der Corona-Pandemie auf einmal anders sein soll, zumal ja auch wieder vor allem diejenigen von den politischen Maßnahmen profitieren, die auch sonst immer Nutznießer von der Wissenschaftsfeindlichkeit der Regierenden sind: Vermögende und Konzerne. Wie gerade ein Bericht von Oxfam ergeben hat (s. hier), ist für die Klientel der Milliardäre die Pandemie so etwas wie ein „Goldrausch“, da sie ihre ohnehin schon obszönen Vermögen extrem vergrößern konnten.

Lobbyismus ist schon immer skrupellos gewesen, wenn es um die Profite der eigenen Klientel ging, und Menschenleben spielen dabei eine nur sehr untergeordnete Rollen. Dafür hab ich vor eineinhalb Jahren schon mal einige Beispiele in einem Artikel gebracht und darin dann auch die Vermutung geäußert, dass nun in der Corona-Pandemie genauso lobbyiert wird, um die eigenen Profite zu steigern – selbst wenn dadurch die Pandemie verlängert wird und weitere Menschen nicht nur wegen Covid-19, sondern auch wegen der damit zusammenhängenden Maßnahmen sterben und Schaden nehmen, gerade auch im globalen Süden, wie Kwame Anthony Appiah in einem Artikel in den Blättern für deutsche und internationale Politik beschreibt.

Insofern ist das „Krisenmanagement“ der Bundesregierung nur eine Fortsetzung der Politik, die ohnehin schon seit Jahrzehnten unter dem Banner des Neoliberalismus gemacht wird – inklusive der Ignoranz gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen. Auch wenn nun immer etwas anderes behauptet wird.

Wenn man das Gebaren unserer Regierung in der Pandemie nun unter diesem Aspekt betrachtet, dass es nämlich nicht um die zielgerichtete Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern – wie eigentlich immer – um Klientelpolitik geht, dann stellt sich das nicht als Pleiten-Pech-und-Pannen-Chose dar, als die es in den Medien oft beschrieben wurde, sondern als sehr stringentes Verhalten.

Was nun allerdings nicht bedeutet, dass man selbst zum Wissenschaftsleugner werden sollte. Es gibt hierbei keine reine Einteilung in Schwarz und Weiß, sondern es ist umso wichtiger, sich vielfältig zu informieren (natürlich aus seriösen Quellen), um dann für sich erkennen zu können, was tatsächlich wissenschaftlich fundiert ist und was nicht.

Das kann sich dann teilweise mit dem Regierungshandeln decken, zum Beispiel was den Schutz durch Impfungen angeht, ist aber nicht dessen Richtschnur. Also lasst Euch nicht hinters Licht führen, wenn mal wieder davon die Rede ist, dass man von Regierungsseite ja nur auf die Wissenschaft hören würde und daher gar nicht anders handeln könne. Denn das Verhalten unserer Regierung ist schon seit Jahren mindestens genauso wissenschaftsfeindlich wie das von irgendwelchen Querdenker-Schwurblern.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

Ein Gedanke zu „„Wir müssen auf die Wissenschaft hören!“ Ach ja?“

  1. Die Tropenmedizinerin Camilla Rothe hat am 27. Januar 2020 den erste Covid-19-Patienten in Deutschland identifiziert, als sie von diesem einen Abstrich genommen hat. Anlässlich des zweiten Jahrestags dieses Ereignisses hat sie ein Interview für Deutschlandfunk Nova gegeben, in dem sie Interessantes berichtet: Sie hatte nämlich damals schon festgestellt, dass die Krankheit auch von vollkommen symptomfreien Erkrankten übertragen werden kann – was das Ganze deutlich gefährlicher und schwieriger zu kontrollieren macht.

    Leider hat man nicht auf sie gehört, weder vonseiten prominenter Virologen wie Christian Drosten, der ja noch Wochen später meinte, Masken würden nicht schützen, noch vonseiten der Politik, die dann noch schön Karneval feiern ließ und keine umfassenden Tests an Flughäfen für Passagiere aus Risikogebieten einführte.

    Man kann also sagen, dass diese Pandemie und deren Verlauf sehr bewusst wieder besseres Wissen in Kauf genommen wurde.

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