Warum sollte Russland die Ukraine angreifen?

Kürzlich wurde ja verlautbart, dass die CIA und das US-Militär davon ausgingen, dass Russland am 16. Februar die Ukraine angreifen könnte (s. hier). Das las sich zwar alles recht spekulativ, zumal die Quellen nicht wirklich offengelegt wurden, sorgte aber dennoch allenthalben für Alarmstimmung. Ich hab mich im Zuge dieser Meldung dann mal gefragt, warum denn Russland überhaupt in die Ukraine einmarschieren sollte. Da ich so ad hoc nichts dazu im Internet finden konnte, hab ich diese Frage mal auf meiner Facebook-Wall gestellt. Und auch dort nur wenige Antworten bekommen, die zudem nicht sonderlich befriedigend waren.

Die erste Erklärung war, dass Russland Truppen an der Grenze zur Ukraine postiert hätte. Das stimmt natürlich, aber ist auch irgendwie kein Grund, denn der müsste ja vor den Truppenbewegungen zu suchen sein. Schließlich werden Armeeeinheiten normalerweise ja nicht aus lauter Langeweile irgendwo an die Grenze eines anderen Landes gestellt, um dieses dann eventuell anzugreifen. Zumal ich meine, dass diese Stationierung von Militär auch eine Reaktion auf NATO-Manöver in Osteuropa und dem Baltikum, also quasi vor Russlands Haustür, waren.

Insofern beantwortet die Präsenz russischer Truppen eben nicht die Frage, warum diese dann auch in die Ukraine einmarschieren sollten.

Die nächste Vermutung lautete dann, das Russland keine Bock darauf hätte, dass die Ukraine der NATO beitreten würde. Mal davon abgesehen, dass dies noch lange nicht spruchreif ist und von vielen Experten zurzeit noch als komplett illusorisch angesehen wird: Wenn ich nicht möchte, dass ein Land einem Militärbündnis beitritt, da ich mich dadurch bedroht fühle, dann greife ich es an mit dem Wissen, dass dann mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit genau dieses Militärbündnis zur Verteidigung dieses Landes auf den Plan gerufen würde?

Das erscheint mir nun nicht allzu logisch. Und ein Ereignis, das man unbedingt vermeiden will, durch ein militärisches Vorgehen zu provozieren, erscheint mir zudem auch nicht wirklich pfiffig. Ich habe wenig Sympathien für Vladimir Putin, aber ein Vollidiot scheint er mir nicht zu sein, eher ein sehr rationaler Machtmensch.

Vor allem wäre es ja in dem Fall schon sehr einfach, den Krieg, den ja laut offiziellen Bekundungen niemand möchte, zu vermeiden. Man lässt einfach verlautbaren: „Die Ukraine kommt nicht in die NATO!“ Und das wär’s dann.

Eine nächste Erklärung beinhaltete dann mehrere Punkte: Die Russen würde dort einmarschieren, weil sie es eben könnten. Zudem wollen die ihr altes Sowjetimperium wiederhaben und finden es deswegen nun ätzend, dass sich die Ukraine in Richtung Westen orientiert nach dem Staatsstreich gegen den russlandfreundlichen Janukowitsch. Und dann haben sie ja damals in Tschechien auch schon gezeigt, dass sie so was nicht dulden würden, und sind dort nach dem Prager Frühling mit Panzern eingefahren. Und man würde ja auch an Erdogans Umgang mit den Kurden sehen, wie mit widerspenstigen Volksgruppen umgesprungen würde.

Na ja, „Weil sie es können“ ist nun für mich auch nicht eben eine schlüssige Ursachenermittlung. Die USA könnten auch Mexiko angreifen oder Deutschland in Dänemark einmarschieren. Machen die aber nicht und befürchtet irgendwie auch niemand.

Und der Regierungsumsturz in der Ukraine ist ja nun auch schon ein paar Jahre her. Warum sollte also ausgerechnet jetzt Russland in der Ukraine einmarschieren? Den für sie wichtigen Schwarzmeerhafen Sewastopol haben sie sich ja schon gesichert und Tatsachen geschaffen. Und die jetzige ukrainische Regierung ist meines Wissens auch nicht unbedingt russlandfeindlicher oder faschistischer als das, was da 2014 zunächst mal an die Regierung gekommen ist.

Tschechien passt dann insofern nicht so richtig als Vergleich, als dass das damals noch der Warschauer Pakt und damit der direkte Einflussbereich Russlands war. Das ist heute bei der Ukraine nicht der Fall. Und auch der Vergleich mit den Kurden zieht m. E. nicht so richtig, da das schon eine sehr spezifische Situation ist mit vielen regionalen Besonderheiten, was da in der Südtürkei und Syrien abgeht. Zudem: Erdogan ist doch einer „von uns“, also in der NATO, der muss doch dann zumindest o. k. sein, oder?

In jedem Fall alles schon wieder keine Antworten auf die Frage, warum denn nun Russland in die Ukraine einmarschieren sollte …

Und so drängt sich mir dann die Überlegung auf, ob das Ganze nicht doch zum neulich schon von mir in einem Artikel beschriebenen Säbelrasseln gehört. Zumal ja nun die CIA auch nicht eben eine allzu vertrauenswürdige Quelle ist, finde ich. Wer gern und regelmäßig foltert, der hat für mich nämlich in jedem Fall einen sehr fragwürdigen Beigeschmack. Und dass US-amerikanische Geheimdienste und Militärs gelogen haben, um Kriege anzufangen, ist ja nun auch nichts ganz Neues, man denke nur an Tonkin, die Brutkastenlüge und Saddams angebliche Massenvernichtungswaffen.

Und auch der völkerrechtswidrige Serbienkrieg, an dem Deutschland ja aktiv beteiligt war, begann mit einer Lüge, wie eine ARD-Reportage schon vor vielen Jahren belegte.

Da erscheint es mir nun nicht sonderlich paranoid, sondern eher Lernen aus der Vergangenheit, wenn man nun die Möglichkeit in Betracht zieht, dass es womöglich gar keinen Grund für Russland gibt, in der Ukraine einzumarschieren, und hier nur von denjenigen, die das schon öfter gemacht haben, in unverantwortlicher Weise ein Krieg provoziert werden soll. Und da hoffe ich dann mal, dass nicht eine False-Flag-Operation oder Ähnliches gestartet wird – zuzutrauen ist das den US-Geheimdiensten allemal.

Und zumindest konnte mir ja auch meine Frage aus der Überschrift des Artikels bisher niemand auch nur ansatzweise zufriedenstellend beantworten …

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

Ein Gedanke zu „Warum sollte Russland die Ukraine angreifen?“

  1. Gerade habe ich in einem sehr lesenswerten Artikel von Tomasz Konicz für analyse & kritik eine in der Tat nachvollziehbare Begründung dafür entdeckt, warum Russland ausgerechnet jetzt die Ukraine angegriffen hat. Ich zitiere mal:

    Die derzeitigen Versorgungsengpässe in den – ohnehin rasch erodierenden – globalen Produktionsketten potenzieren einerseits die Folgekosten der Sanktionen für den Westen. Zugleich ist die Energiewende in den Zentren noch nicht weit genug vorangetrieben worden, um eine Abkopplung von russischen Energieträgern ohne schwere Verwerfungen verkraften zu können. Russlands ganze imperiale Konzeption, die fossile Energieträger als imperiales Machtmittel einsetzen wollte, scheint mittelfristig obsolet zu werden.
    Gerade die im Januar 2022 angekündigte Gründung eines »Wasserstoffbüros« in Kiew im Rahmen der ersten Staatsvisite der Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) hatte wohl in dieser Hinsicht im Kreml die Alarmglocken läuten lassen. Je länger der Kreml gewartet hätte, desto geringer wären seine »fossilen« Machthebel bei dem Kampf um die Ukraine ausgefallen. Aufgrund dieses imperialistischen Kalküls wurde die keinesfalls »wahnsinnige« Entscheidung getroffen, die Invasion der Ukraine zu starten.

    Das klingt für mich durchaus schlüssig, und auch sonst ist der Artikel ausgesprochen interessant, da er den Ukraine-Krieg in einen globalen Kampf um Einflusszonen einordnet, sodass dieser Konflikt nicht als singuläres Ereignis oder gar das Werk eines Wahnsinnigen, als das er oft dargestellt wird, betrachtet wird.

    Aufschlussreich!

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