Der Kampf gegen das Vertraute

Menschen lieben Vertrautes. Das macht sich nicht nur im Gefühl der Nostalgie bemerkbar, sondern auch in ganz praktischen Abläufen, weil Vertrautes eben Sicherheit gibt und Routinen schafft, die bequemer sind, als wenn wir uns ständig mit Neuem auseinandersetzen müssen. Allerdings wird das Vertraute vonseiten der Wirtschaft (oder besser: vor allem von Konzernen) immer wieder unterminiert.

Vertrauen ist ja auch ein durchweg positiv besetzter Begriff, und was schafft besser Vertrauen als Vertrautes? Natürlich sind neue Sachen interessant, vor allem im kulturellen Bereich, aber meiner Erfahrung nach schätzen Menschen das, was sie kennen, vor allem wenn es um alltägliche Verrichtungen geht.

Bei Kindern kann man das besonders gut beobachten: Die könnten mitunter jeden Tag das Gleiche essen, wenn es denn ihr Lieblingsgericht ist, sie schauen sich gern immer wieder denselben Film an, hören immer wieder dieselben Hörspiele und werden auch nicht müde, dieselben Spiele immer wieder zu spielen.

Je älter man wird, desto mehr Offenheit für Neues legen die meisten auch an den Tag. Allerdings kennt bestimmt jeder von Euch die seligen Blicke von Menschen, die gerade einen Song aus ihrer Jugendzeit hören oder einen Film sehen, den sie schon x-mal geschaut haben – „Dinner for one“ zu Silvester beispielsweise. Rituale werden von vielen Menschen als etwas Angenehmes empfunden, Traditionen geben Stabilität (auch wenn gelegentlich natürlich hinterfragt werden sollte, ob sie noch zeitgemäß sind), und Lieblingsplätze (Restaurants, Kneipen, Hotels, Urlaubsorte …) werden auch von vielen Menschen wieder und wieder aufgesucht. Na ja, und die Begeisterung, wenn jemand auf einem Flohmarkt irgendein Gedöns entdeckt, was er schon in seiner Kindheit kannte und was es so sonst nicht mehr neu zu kaufen gibt, dürften auch viele schon mal erlebt haben.

Das passt nur leider alles nicht zu unserem Wirtschaftssystem, das auf Wachstum getrimmt ist und somit ständig versucht, uns mit Neuem zu ködern. Die Zufriedenheit mit dem, was man hat, passt nicht dazu, denn wer mit einem Zustand zufrieden ist, der will diesen nicht ändern und dementsprechend auch nicht über konsumptive Ausgaben eine Veränderung herbeiführen.

Gerade letzte Woche durfte ich erleben, wie unschön es ist, wenn man Vertrautes erzwungenermaßen aufgeben muss: Da ich für viele Programme keine Updates mehr bekam, was deren Bedienbarkeit deutlich einschränkte, musste ich das Betriebssystem auf meinem Rechner auf den neusten Stand bringen.

Freiwillig hätte ich das sonst nicht gemacht, denn ich war mit der Funktionalität meines Computers schon sehr zufrieden. Alles lief so, wie ich es wollte, ich konnte die Sachen, die ich täglich nutze, bequem finden und routiniert anwenden – also alles bestens. Aber dann haut das mit dem Browser immer schlechter hin, da er nicht mehr auf dem neusten Stand gehalten wird, genauso wie das bei anderen Programmen der Fall ist.

Also hab ich mich abgesichert, dass ich alle meine Programme auch mit dem neuen Betriebssystem noch nutzen kann – und wenn das nicht der Fall ist, dann hab ich mich nach Alternativen umgesehen. Und dann das Update gestartet.

Das lief auch erst mal recht gut, nur traten dann schnell die ersten Probleme auf – das relevanteste davon was, dass mein Mail-Programm nicht mehr richtig funktionierte, sondern dauernd abstürzte. Was für jemanden, der seinen Kundenkontakt zu nahezu 100 % per Mail pflegt, schon recht unangenehm ist.

Aber auch die Programme, die funktionieren, sehen nun nicht nur ziemlich anders aus, sondern bieten lieb gewonnene Funktionen nicht mehr an, sodass ich viel mehr umherklicken muss, um das zu erreichen, was vorher einfacher zu bewerkstelligen war. Hurra, was für ein Gewinn. Letztlich ist eigentlich keines meiner Programme in der neuen Version angenehmer zu nutzen, als das vorher der Fall war – zumindest zu dem Zeitpunkt, als die noch regelmäßig von Apple gewartet wurden.

Und das ist ja nicht nur bei einem Betriebssystem-Update der Fall, sondern auch bei Websites, die man so nutzt. Beispielsweise Facebook. Da wurde mir nun schon seit einigen Tage angekündigt, dass ich nun bald eine tolle neue Version der Seiten haben würde, die ich administriere. Die hab ich mittlerweile auch – nur leider ist das nicht so wirklich toll, denn viele Funktionen existieren nicht mehr, und andere Dinge sind nur mit deutlich mehr Aufwand durchführbar.

Gefragt wurde ich natürlich nicht, ob ich denn so eine tolle neue Seitenversion gern haben wollte, die bekam ich einfach so aufs Auge gedrückt. Vielen Dank!

Auch Verpackungen von Produkten werden ständig neu designt oder deren Rezeptur wird verändert. Letzteres ist natürlich o. k., wenn dadurch beispielsweise etwas gesünder wird, aber ich hab den Eindruck, dass das Ganze oft vor allem aus Marketinggründen geschieht. Und letztlich müssen ja die ganzen (Produkt-)Designer auch irgendwas zu tun haben. Wobei Letzteres dann schon so ein bisschen die Frage nach dem Huhn und Ei aufwirft …

Diese ständigen und meinem Gefühl nach immer schnelleren Neuerungen, die keine wirklichen Entwicklungen sind (so im Sinne davon, dass Sachen besser funktionieren oder einfacher zu handhaben sind), fressen nicht nur eine Menge Ressourcen, die für ihre Entwicklung verbraten werden, sonder sorgen auch für ein unterschwelliges Unwohlbefinden, da sie dem menschlichen Bedürfnis nach Vertrautem entgegenstehen. Und zudem fressen sie in vielen Fällen auch noch viel von unserer Zeit, wenn man sich in irgendwelche neuen Features reinfuchsen muss, die man eigentlich gar nicht haben wollte.

Doch unser Wirtschaftssystem braucht genau diese ständigen Veränderungen, denn sie sind ein wichtiger Wachstumstreiber, indem sie Menschen dazu bringen, Sachen zu kaufen, die sie eigentlich gar nicht haben wollen – entweder weil es technisch notwendig wird oder weil es als der neuste heiße Scheiß beworben wird, sodass dass Bedürfnis erzeugt wird, das Zeug dann auch haben zu wollen.

Woran man dann mal wieder sieht, dass dieses Wirtschaftssystem namens Kapitalismus den menschlichen Bedürfnissen auf einer weiteren ziemlich elementaren Ebene sehr entgegensteht.

Insofern wundert es mich auch nicht, dass immer mehr Menschen der Nostalgie im Sinne von „Früher war alles besser“ anheimfallen, was letztlich dann natürlich Züge von Konservativismus in sich trägt und somit dann die Angst vor oder Ablehnung von wirklich sinnvollen Neuerungen schürt. Das ist übrigens m. E. auch in der Kultur zu beobachten, denn was viele junge Menschen heutzutage beispielsweise an Musik hören und was sich so in den Charts findet, ist nach meinem Empfinden recht lahmer konservativer Kram, wirklich interessante musikalische Neuerungen finden eher in kleineren Randgenres statt.

Vielleicht ist das ja in seiner Gesamtheit ein Grund dafür, dass im sich radikalisierenden Kapitalismus konservative und rechte Parteien oder Bewegungen so einen enormen Zulauf haben. Was dann wiederum fatal ist, weil die vom Kapitalismus zunehmend verursachten Krisen eher progressive Lösungen bräuchten und ein konservatives Beharren nur dazu führt, dass der ganze Laden weiter recht ungebremst in Richtung Abgrund düst.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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