BILD-Boykott, Runde 2

Vor einigen Wochen berichtete ich hier über einen Boykott der BILD vonseiten einiger Einzelhändler, die keine Lust mehr haben, das hetzerische Blatt zu verkaufen. Nun lässt sich die BILD allerdings nicht so leicht aus dem Sortiment verdrängen, wie es aussieht, denn auf der Facebook-Seite eines BILD nicht mehr verkaufenden EDEKA-Marktes findet sich heute folgendes Statement:

Sehr geehrte Kundschaft,
heute Morgen nun erreichte uns die Kündigung des MITTELDEUTSCHEN PRESSEVERTRIEBES!
Mit der Begründung, dass wir uns standhaft weigern die BILD Zeitung zur Auslage zu bringen. Gekündigt wurde die Belieferung zum 22.05.2015 . Da es ein Gebietsrecht gibt, dürfen wir uns von keinem anderen Grossisten beliefern lassen, das heißt wir dürfen uns ab sofort keine Zeitschriften von einem Pressevertrieb liefern lassen.
Für alle Freunde der Printmedien heißt es nun, bitte zum Kiosk gehen. Dieser befindet sich aber direkt neben unserem Haupteingang. Somit müssen Sie keinen Umweg machen. Wir hoffen, dass unsere treue Kundschaft Verständnis hat und die 3 Schritte zum Zeitschriftenhändler gegenüber kein großer Umstand sind.

Desweiteren haben wir uns überlegt die frei gewordene Fläche sinnvoll zu nutzen.
So wird in den nächsten Tagen dort ein Sortiment an Kinderbüchern, Malbüchern und Bestsellern ausliegen.

Das ist schon ein starkes Stück, wie ich finde. Da wird also einem Ladenbesitzer vorgeschrieben, welche Zeitungen er zu verkaufen hat – und ausgerechnet im Interesse derjenigen, die immer schon das neoliberale Mantra predigen, dass einen möglichst unregulierten Markt verlangt. Wie passt das denn bitte schön zusammen? Pikantes Detail dabei ist zudem, dass der Springer-Verlag laut Aussage des EDEKA-Marktes ein Gesellschafter des Mitteldeutschen Pressevertriebes ist.

Ich hab ja keine Ahnung, wie die Verträge aussehen, die so ein Lebensmittelmarkt mit diesem Pressevertrieb abgeschlossen hat und wie da nun die exakte Gesetzeslage ist, aber in jedem Fall finde ich es bedenklich, dass es nicht möglich zu sein scheint, bestimmte, als unethisch empfundene Presseprodukte nicht verkaufen zu wollen. Es ist ja nun nicht so, dass jeder, der Zeitschriften verkauft, auch alle, die es in Deutschland gibt, im Angebot haben muss (was ja schon aus rein platztechnischen Gründen nicht geht), sondern eben ein Sortiment zusammenstellt. Warum sollte es dafür nicht möglich sein, die BILD auszuklammern? Oder muss nun auch ein Laden, selbst wenn er es nicht möchte, irgendwelche rechten oder deutschnationalen Blätter anbieten? Als ich vor einigen Jahren im Tonträgerhandel gearbeitet habe, war es zumindest ohne Weiteres möglich, CDs von den Böhsen Onkelz nicht verkaufen zu wollen. Wieso sieht das bei Zeitungen und Zeitschriften anders aus?

Meines Erachtens wird hier eine monopolistische Struktur, nämlich die des allein für eine Region zuständigen Pressevertriebs, ausgenutzt, um bestimmte Produkte flächendeckend im Verkauf zu positionieren. Angebot und Nachfrage? Voll egal, notfalls wird eben entsprechend Druck gemacht, um den Leuten das vorzusetzen, was sie gefälligst kaufen und lesen sollen. So funktioniert letztlich die neoliberale Variante der Marktwirtschaft: Unternehmen werden irgendwann so groß, dass sie keine Konkurrenz mehr haben und ihr Marktsegment nach Belieben dominieren. Schön, dass das nun mal so deutlich anhand eines Hetzblattes zutage tritt, das ja gern immer behauptet, nur ein entfesselter Markt würde tatsächlich kundenadäquat und verbraucherfreundlich agieren. Tja, sieht nicht ganz so aus …

Der EDEKA-Markt wird den Verzicht auf seine Zeitungs- und Zeitschriftensparte wohl verkraften können, zumindest sind die Reaktionen bei Facebook durchweg positiv, sodass sich hier schon ein Werbeeffekt zu ergeben scheint. Bei Kiosken oder im reinen Zeitschriftenhandel wird das allerdings schon anders aussehen, denn dort ist der Anteil der Presseerzeugnisse am Gesamtumsatz schließlich deutlich höher, sodass nicht mal eben so darauf verzichtet werden kann. Dort dürfte dann eine derartige Erpressung („Entweder du verkaufst die BILD oder wir machen dir dein Geschäft kaputt!“) schon eher fruchten. In jedem Fall passt ein solch schäbiges Geschäftsgebaren genau zum schäbigen, hetzerischen Inhalt dieses Schmierblattes.

Insofern ist es an jedem von uns, Läden zu unterstützen, von denen man mitbekommt, dass sie keine BILD mehr verkaufen wollen.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

2 Gedanken zu „BILD-Boykott, Runde 2“

  1. Ein Leserbrief von Mike:

    Wieso denn „Boykott“? Wenn ein Händler ein Produkt oder Produkte eines Herstellers nicht im Sortiment führt, ist das ja nicht gleich mit einem Boykott gleichzusetzen.
    Auch ein Kiosk kann ja nicht Alle Zeitschriften von ALLEN Verlagen in die Auslage nehmen und ist gezwungen, eine eigene Vorauswahl zu treffen …

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