BILD-Boykott

Irgendwie wissen ja alle, dass die BILD keine seriöse Zeitung mit journalistisch fundierter Berichterstattung ist, sondern vielmehr ein Organ, dass Stimmungen schürt, Unwahrheiten verbreitet und Menschen gegeneinander aufhetzt. Da muss man sich ja nur mal die immer wiederkehrenden Berichte auf bildblog.de anschauen, die genau dies dokumentieren (und die wir hier auf unterströmt auch schon das eine oder anderen Mal erwähnt haben). Trotzdem gibt es nicht wenige Menschen, die jeden Tag die BILD kaufen, sie irgendwo mitlesen oder auf die Webseite bild.de schauen und dort Artikel lesen oder sogar bei Facebook teilen. Mich persönlich wundert das schon seit Längerem, nun allerdings scheint das Maß zumindest so weit voll zu sein, dass immer mehr Einzelhändler erklären, die BILD nicht mehr verkaufen zu wollen – und via Social Media verbreitet sich das auch recht schnell.

So fanden sich in den letzten Tagen entsprechende Hinweise auf den Facebook-Präsenzen einer Aral-Tankstelle, einer Postfiliale und eines Edeka-Marktes – und diese Statements wurden überwiegend sehr positiv aufgenommen. Dabei ist dies Verhalten nun kein ganz neues, denn schon im September 2010 findet sich in der taz ein Interview mit André Krause und Winfried Buck, die in ihrem Kiosk bzw. ihrer Bäckerei in Hamburg-Ottensen keine BILD mehr verkaufen aufgrund der beständigen Hetze des Blattes gegen Ausländer und Hartz-IV-Empfänger. Nun erfreuten sich vor viereinhalb Jahren die sozialen Medien auch noch nicht so einer Verbreitung, wie dies heute der Fall ist, doch scheint mir dies nicht der einzige Grund zu sein, warum diese Art des BILD-Boykotts zurzeit auf größere Resonanz stößt.

Anlass hierfür war nämlich die „Berichterstattung“ der BILD nach dem Absturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen letzte Woche, da das Springer-Blatt hierbei (mal wieder) jeden journalistischen Anstand hat fahren lassen. Von Pietät keine Spur, Rücksicht gegenüber Angehörigen der Opfer war egal, schließlich wurde sogar schon eine Hexenjagd auf den Kopiloten eröffnet, indem dieser mit Foto und Namen groß präsentiert wurde (sicher ganz besonders toll für dessen Angehörige) – Hauptsache, die Schlagzeile stimmt und man kann Sensationslust bedienen. Das ist nun kein unübliches Vorgehen für die BILD, und gerade die plumpe Hetze gegen Griechenland in den letzten Wochen hat schon vielfach zu Missfallensäußerungen geführt, allerdings liegt nun ein entscheidender Unterschied vor: Die BILD präsentiert kein Feindbild, auf das eingeschlagen werden kann, sodass diese Art des Journalismus auch so gut wie niemanden mehr findet, der dem geifernden Geschmier zustimmen mag. „Ja, genau!“ zu brüllen, wenn es um Opfer eines Flugzeugabsturzes geht, zumal um eine ganze Schulklasse, das geht nun mal gar nicht, und so steht die BILD diesmal bei sehr vielen Menschen zu Recht am Pranger – und das schaukelt sich durch die Verbreitung vor allem in den sozialen Medien auch noch weiter auf. Mittlerweile gibt es auf dem Portal change.org sogar eine Petition, in der die Absetzung des BILD-Kolumnisten Franz Josef Wagner (der wahrlich einer der übelsten Hetzer dieses Blattes ist, insofern kein Mitleid von meiner Seite für diesen Widerling) gefordert wird.

Das alles hätte schon viel früher kommen können und wäre auch schon angebracht gewesen, als die BILD mit Sarrazin über Ausländer hergezogen ist oder widerwärtigstes Griechenland-Bashing betrieben hat, aber anscheinend hat es erst einen so eindeutig von den allermeisten Menschen gleichsam negativ beurteilten Vorfall wie den Flugzeugabsturz geben müssen, damit die BILD endlich mit einem eigentlich für das Blatt nicht unüblichen Vorgehen in die Ecke gestellt wird, in die sie gehört. Dabei hatte sich die BILD doch in den letzten Jahren zunehmend ein besseres Image zu geben versucht, und immer mehr vermeintlich seriöse Zeitungen und Zeitschriften haben ja auch mehr oder weniger direkt BILD-Meldungen recht unreflektiert übernommen. Bei der Causa Wulff konnte sich die BILD sogar den Anstrich des investigativen Enthüllungsjournalismus geben, der ja gegen „die da oben“ vorgeht, in die gleiche Richtung ging dann das unsägliche Geschwätz, dass die BILD sich selbst als einzige außerparlamentarische Opposition gegen die große Koalition aufgeplustert hat. Und wie BILD-Positionen und Statements Einzug in die öffentliche Meinung finden, konnte nicht zuletzt vor wenigen Monaten bei den Pegida-Demonstrationen festgestellt werden, als die dort Mitmarschierenden genau die ausländerfeindlichen Parolen zum besten gaben, die auf von der BILD kurz zuvor ausgedachten Geschichten basierten (Stichworte angebliche Abschaffung der Weihnachtsmärkte in Berlin und angebliche Politikerforderung, muslimische Lieder in christlichen Weihnachtsgottesdiensten zu singen). Diese Entwicklung hat nun zumindest einen herben Dämpfer erhalten.

Doch es gibt auch Verteidiger der BILD. So habe ich auf Facebook beispielsweise gelesen, dass es ein Angriff auf die Pressefreiheit und auch Zensur sei, wenn Einzelhändler die BILD aus dem Sortiment nähmen. Das ist natürlich totaler Quatsch, da die BILD ja nach wie vor ihren Mist verbreiten darf, solange sie sich dabei im gesetzlichen Rahmen bewegt, also ist die Pressefreiheit davon schon mal gar nicht berührt. Zudem ist es auch noch die Entscheidung eines jeden Einzelhändlers, welche Produkte er anbietet und welche nicht – alles kann man schließlich nicht seinen Kunden präsentieren. Und wenn jemand meint, dass er gute Gründe hat, ein Blatt wie die BILD nicht mehr verkaufen zu wollen, so untersagt er ja damit niemandem, sich das Springer-Geschmier irgendwo anders zu kaufen.

Die BILD ist keine harmlose, lustige Zeitung, von der ja sowieso alle wissen, dass es ein „Lügenblatt“ ist (diese Ansicht habe ich schon öfter gehört), die BILD ist bösartige Hetze, die Hass und Ressentiments gegen sozial schwache Gruppen verbreitet, um „den Pöbel“ (aus BILD-Sicht) gegeneinander aufzuhetzen. Insofern hoffe ich, dass dieser BILD-Boykott nachhaltigere Wirkung und viele langfristige Nachahmer haben wird. Denn eigentlich ist einem Zitat von Max Goldt bezüglich der BILD nicht mehr wirklich viel hinzuzufügen:

Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muss so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zulässt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.

Amen!

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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