Beim familiären Weihnachtstreffen hatte unsere Nichte ihre Tasche mit einer Menge Kram drin bei ihrer Mutter im Auto vergessen, und das fiel ihr erst auf, als die schon aufgebrochen war. Ich fragte sie, ob denn auch ihr Portemonnaie in der Tasche sei, aber darauf meinte sie, dass das nicht so schlimm sei, denn die Hauptsache wäre, dass sie ihr Smartphone noch habe, da sei alles Wichtige drauf. Einerseits natürlich in dem Moment beruhigend, andererseits generell eher beunruhigend, wie ich finde.
Ich musste nämlich sofort an den Roman „Globalia“ denken, eine Dsytopie, geschrieben in der Vor-Smartphone-Zeit (2004), in der die Menschen allerdings so ähnliche Geräte haben, mit denen sie fast alles machen: die Multifone. Wenn also jemand aus irgendwelchen Gründen sanktioniert werden soll, dann wird sein Multifon gesperrt, sodass er nicht mehr bezahlen oder mit anderen Menschen Kontakt aufnehmen kann.
Klingt utopisch? Na ja, wenn ich mir anschaue, wie die US-Regierung Unternehmen veranlasst hat, die Dienstleistungen für den französischen Richter am Internationalen Strafgerichtshof Nicolas Guillou einzustellen, sodass dieser nun Amazon, PayPal, Microsoft, Google usw. nicht mehr nutzen kann. Das geht schon ziemlich in die „Globalia“-Richtung, finde ich. Und auch das USA-Einreiseverbot, das gegen die beiden Hate-Aid-Geschäftsführerinnen Anna-Lena von Hodenberg und Josephine Ballon verhängt wurde, weil die Opfern von Hassrede in sozialen Medien helfen, zeigt, dass Sanktionen des autokratischen Trump-Regimes gern auch mal verhängt werden aus Gründen, die für aufgeklärte Demokraten nicht nachvollziehbar sind.
Diese beiden und weitere Fälle werden in einem Artikel von NewsFlix erläutert, und darin findet sich auch die ganze Palette an digitalen Aussperrungen, die von der US-Regierung bei unliebsamen Personen angeordnet werden können. Da die meisten Tech-Firmen aus den USA kommen, ist das schon eine erhebliche Beeinträchtigung:
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Finanzdienstleistungen sind am stärksten von Sanktionen betroffen, sie haben auch die unmittelbarsten Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen.
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Zahlungsdienstleister wie PayPal oder SWIFT sperren die sanktionierten Personen
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Anbieter von Kredit- und Debitkarten (Visa, Mastercard, American Express) deaktivieren die Karten, Transaktionen werden automatisch abgelehnt.
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Der gesamte Bereich der Software- und IT-Dienstleistungen, also etwa Computerprogramme, Cloud-Zugänge, Lizenzen sowie jede Art von Kauf, Nutzung, Support, Updates oder Wartung, sind ebenfalls stark eingeschränkt
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Diese Geschäftsbereiche werden primär von Unternehmen wie Microsoft, Apple, Google, Oracle oder Adobe sowie unzähligen kleineren Anbietern bedient.
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Auch Gratis-Software und Open-Source-Quellen, die nicht ursprünglich aus den USA stammen, können von den Sanktionen betroffen sein, wenn etwa die Server dafür in den USA stehen oder sonst wie US-Technologie beteiligt ist.
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Streaming und Entertainment stehen ebenso auf der Sanktionsliste. Bei Netflix, Amazon Prime, Disney+, Paramount+ oder Apple TV+ bleiben die Bildschirme dunkel.
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Auch der Musikbereich (Spotify), Gaming (Sony PlayStation Network), App-Käufe sowie der Download digitaler Inhalte wird gesperrt. Früher gekaufte Inhalte, die auf Servern in den USA liegen, können unzugänglich werden.
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Cloud- und Internet-Infrastruktur – jede Form von Cloud- und Web-Services, Webhosting, Domains oder Servern werden deaktiviert.
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Social Media und Kommunikation – E-Mail-Dienste, Messenger-Services, Social Media-Netzwerke oder Business-Accounts (etwa Facebook, Instagram, WhatsApp, X) werden gesperrt bzw. stillgelegt.
Wow – das kommt dem, was in „Globalia“ beschrieben wurde, schon ziemlich nah. Vor allem: Diese Sanktionen treffen mittlerweile immer öfter Menschen, die sich keine Straftat haben zu Schulden kommen lassen.
Das ist für jemanden, der nicht alles auf seinem Smartphone hat, schon eine extreme Einschränkung. Aber derjenige könnte dann zumindest noch mit Bargeld bezahlen und sich auch sonst in der analogen Welt einigermaßen zurechtfinden.
Wenn nun allerdings nahezu alles auf dem Smartphone vorhanden ist und damit genutzt wird, dann hat man schon so was wie ein Multifon. Und ist entsprechend anfälliger für derartige Sanktionen.
Vor diesem Hintergrund bekommt die Diskussion um Digitalzwang dann noch mal eine erheblich gesteigerte Bedeutung. Denn schließlich führt ein zunehmender Digitalzwang auch dazu, dass man viel anfälliger wird für derartige Übergriffe des US-Regimes. Und wenn man dann noch bedenkt, dass Geheimdienste immer wieder darauf bestehen, dass ihnen Hintertüren in Programmen, Apps und Betriebssystemen offen gelassen werden (die im Zweifelsfall auch von kriminellen Hackern genutzt werden können), dann mag ich mir gar nicht mehr vorstellen, was da alles angestellt werden kann mit einem Smartphone, auf dem sich nahezu alle Hilfsmittel zur Lebensgestaltung einer Person befinden.
Technik zu nutzen, deren Funktionsweise man eigentlich nicht versteht, ist heutzutage ja gang und gäbe. Ich hab beispielsweise auch keinen Plan, was meinen Rechner dazu bringt, meine geschriebenen Gedanken dann im Internet zu platzieren. Man sollte aber m. E. zusehen, sich nicht in allen Lebensbereichen von solcher Technik abhängig zu machen, da deren Nutzung uns mittlerweile eben auch verwehrt werden kann aus durchaus niederen Beweggründen.
Insofern: lieber ab und zu eine Karte benutzen statt immer nur das Navi. Und besser auch die Möglichkeit parat haben, an Bargeld heranzukommen. Ein Adressbuch auf Papier? Gar keine so schlechte Idee, denn das kann zumindest nicht gesperrt werden, sodass man damit immer noch Kontakt aufnehmen kann mit anderen. Und in der Freizeit kann ich dann physische Tonträger auch ohne Internet hören, genauso wie Filme anschauen von DVD oder Blu-Ray. Oder ganz oldschool einfach ein Buch lesen.
Alles über das Smartphone laufen zu lassen, ist verlockend bequem und platzsparend. Aber eben auch fragil, wenn das Gerät dann eben nicht das macht, was es machen soll, und zwar nicht nur, weil irgendwas kaputt ist, sondern weil es gezielt in seiner Funktionalität beeinträchtigt wird. Es ist also sehr im Sinne des Selbstschutzes, sich ein möglichst großes Maß an analoger Autonomie zu bewahren und die Abhängigkeit vom Smartphone und den dahinterstehenden US-amerikanischen Techniken zu reduzieren.

