Bill Fay: Who Is The Sender?

Bill Fay ist schon eine merkwürdige Erscheinung im Musikbusiness: 1970 und 1971 veröffentlichter er zwei Alben, die zwar durchaus respektable Kritiken bekamen, sich aber nicht wirklich gut verkauften. Dann trat er viele Jahre lang gar nicht mehr als Musiker in Erscheinung, bis er dann Ende 2012 als mittlerweile älterer Herr das großartige Album Life Is People veröffentlichte. Nur zweieinhalb Jahre später (was bei dieser Biografie wahrlich eine sehr kurze Zeit zwischen zwei Veröffentlichungen ist) erblickte nun das vierte Album von Fay das Licht der Welt.

Und das ist extrem schön geworden. Die alte, teilweise ein ganz kleines bisschen an Peter Gabriel erinnernde Stimme Fays trägt durchweg melancholische Lieder vor, die auf seiner Klavierbegleitung aufbauen und durchweg recht transparent instrumentiert sind, allerdings von unterschiedlichsten Instrumenten begleitet werden, sodass sich mal eine klassische Bandbesetzung mit Gitarre, Bass, Hammond und Schlagzeug (wie bei A Page Incomplete – leider dank der GEMA nicht verlinkbar) ergibt und andere Songs (wie World Of Life) von Streichern oder auch Bläsern geprägt werden – und gleich im ersten Song The Geese Are Flying Westward kommt auch eine Drehleier zum Einsatz. Das führt dazu, dass bei aller Homogenität, die dieses Album ausstrahlt, keine Eintönigkeit aufkommt. So wird beispielsweise, ganz untypisch für den Rest des Albums, beim großartigen How Little die E-Gitarre malträtiert, dass es einen schon fast an Postpunkiges erinnert – aber stets im Dienste des Songs.

Fay ist dabei kein Songwriter, der auf den ganz großen Hookline-Refrain setzt, sondern seine Songstrukturen sind weniger offensichtlich und dienen ihm zum Transport seiner Lyrik. Dabei ergeben sich durchaus eingängige Momente, diese springen den Hörer nur nicht gleich beim erste Durchgang an, sondern erschließen sich Stück für Stück, je öfter man das Album hört. Von der Atmosphäre fühle ich mich ein wenig an Nick Drake erinnert, nur dass hier jemand am Klavier statt an der Gitarre komponiert – und eben etwa 50 Jahre älter ist. Who Is The Sender? kann also durchaus als herbstliches Album bezeichnet werden, was ja auch gerade recht gut zur kommenden Jahreszeit passt.

Man fragt sich, was dieser Mann, der hier 13 wunderbare Songs präsentiert, in den 40 Jahren zwischen seinem zweiten und dritten Album gemacht hat – und hofft, dass nun nicht wieder nach zwei Veröffentlichungen eine lange Funkstille eintritt. Aber irgendwie ist es auch diese merkwürdige Geschichte, die, wenn man sie im Hinterkopf hat, die pastorale Stimmung von Who Is The Sender? noch mal verstärkt. Einzelne Songs herauszuheben würde dem Gesamtwerk des Albums nicht gerecht werden, wobei jedes Stück seinen ganz eigenen Charakter aufweist. Wer den schon erwähnten Nick Drake mag, aber auch Fans so unterschiedlicher Musiker wie Billy Joel, Bruce Springsteen, Nick Cave, Patti Smith, Peter Gabriel oder Sivert Høyem (um nur mal ein paar Eckpfeiler zu nennen) dürften an Bill Fay ihre Freude haben, wenn sie denn Lust auf melancholisch-ruhige Songs haben.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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