Searching for Sugar Man

Auf den faszinierenden schwedisch-britischen Dokumentarfilm auf dem Jahr 2012 bin ich vor einiger Zeit von einem Freund aufmerksam gemacht worden, der mir begeistert davon erzählte. Nun habe ich „Searching for Sugar Man“ auch gesehen und kann die Begeisterung nur voll und ganz teilen.

Worum geht es? Der Sänger Rodriguez nimmt Anfang der 70er-Jahre in den USA zwei Alben auf, die zwar gute Kritiken bekommen und von denen die damaligen Produzenten heute immer noch schwärmen, die sich allerdings so gut wie überhaupt nicht verkauften. Als Folge galt die kurze Karriere von Rodriguez schnell auch schon wieder als beendet, und der Sänger verschwand aus der Öffentlichkeit (wobei er dort ja im Grunde nie prominent platziert war). So weit, so normal, solche Schicksale gab und gibt es ja nun durchaus häufiger im Musikbusiness.

Das Besondere an der Geschichte von Rodriguez ist nun, dass eine seiner Platten auf heute nicht mehr nachvollziehbaren Wegen (vermutlich durch einen Touristen) ein paar Jahre später nach Südafrika gelangt ist. Und dort schlug das gute Stück ein wie eine Bombe: Der melancholisch angehauchte Folkrock mit wortgewaltigen, düsteren Texten traf dort genau den Nerv der Zeit, sodass Rodriguez‘ Songs zu einem wichtigen kulturellen Gut der Anti-Apartheid-Bewegung wurden. Seine beiden Alben verkauften sich im Laufe der Jahrzehnte hunderttauend-, wenn nicht gar millionenfach (es ist nicht ganz einfach, heute retrospektiv genaue Verkaufszahlen zu ermitteln) – und keiner wusste irgendwas über diesen geheimnisvollen Sänger: Es gab keine Zeitungsartikel über ihn, das Plattenlabel, das seine LPs und später CDs in Südafrika veröffentlichte, überwies immer nur Tantiemen an das ehemalige Label von Rodriguez, und so kursierten Mythen und Legenden um den Sänger, der in Südafrika populärer ist als Elvis Presley, zum Beispiel, dass er sich während eines Konzertes auf der Bühne selbst angezündet und so suizidiert hätte. Dabei muss man natürlich berücksichtigen, dass Südafrika zu der Zeit aufgrund der dort herrschenden Apartheid international recht isoliert war, was einem Informationsaustausch nicht gerade entgegenkam – und Internet gab es ja in der Form wie heute zur einfachen Recherche auch noch nicht.

Ende der 90er machen sich Stephen „Sugar“ Segerman und Craig Bartholomew Strydon, die beide riesige Fans von Rodriguez sind, von Südafrika aus auf die Suche nach den tatsächlichen Gründen für den Tod von Rodriguez. Und diese Recherche liefert dann doch ausgesprochen überraschende Ergebnisse! Mehr wird jetzt nicht verraten, schaut Euch den Film am besten selbst an …

Zu den Formalitäten: Die Doku ist 86 Minuten lang und in englischer Sprache mit deutschen Untertiteln versehen. 2013 gewann sie sogar einen Oscar als Bester Dokumentarfilm. Mittlerweile bekommt man sie für deutlich unter zehn Euro – aber natürlich bitte nicht bei Amazon bestellen. ;o)

Neben der wirklich schönen Musik von Rodriguez (irgendwo zwischen Bob Dylan, Tim Buckley und Nick Drake), die in dem Film natürlich auch nicht zu kurz kommt, besticht „Searching for Sugar Man“ vor allem durch die schier unglaubliche, aber eben tatsächlich wahre Geschichte. Wäre das ein fiktiver Spielfilm, so würde man diese wohl für etwas weit hergeholt und unrealistisch halten, aber zuweilen zeigt sich das Leben dann doch absurder, als es die Fiktion sein kann. Neben einer durchaus etwas melancholischen Note hat mir der Film aber vor allem gute Laune gemacht wegen des Enthusiasmus von Segerman und Strydon bei ihrer Suche, die dann auch noch Resultate hervorbringt, die letztlich komplett gegen den momentanen Zeitgeist gebürstet sind. Insofern gibt es hier eine uneingeschränkte Empfehlung meinerseits, sich einen feinen Abend mit der Suche nach „Sugar Man“ zu bereiten.

Druckansicht

Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

Schreibe einen Kommentar