We Feed The World

Kürzlich sah ich den Film „We Feed The World“ von Erwin Wagenhofer, der auch mit seinen Filmen „Alphabet“ und „Let’s Make Money“ für Aufsehen gesorgt hat. Nun mag man sich die Frage stellen, inwiefern eine Dokumentation aus dem Jahr 2005 noch von großer Relevanz sein kann, zumal wenn sie sich mit einem so aktuellen Thema wie der globalen Nahrungsmittelproduktion beschäftigt – ist das dann nicht alles ein wenig veraltet? Mitnichten, und gerade aus dem Umstand, dass der Film schon elf Jahre auf dem Buckel hat, ergibt sich sogar ein besonderer Reiz.

Doch zunächst mal zum Film an sich: In der für ihn typischen Art lässt Wagenhofer Menschen zu Wort kommen, die auf unterschiedlichste Weise mit Ernährung, Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie zu tun haben oder davon betroffen sind. Er selbst nimmt sich dabei sehr zurück und tritt nur sehr indirekt in Erscheinung, indem er einige passende Fakten oder Fragen als Schriftzüge an den entsprechenden Stellen einblendet. So kann sich der Zuschauer selbst ein Bild von dem Gezeigten machen, selbst wenn die Intention des Filmemachers schon auch hervortritt.

Wagenhofer spricht mit unterschiedlichsten Menschen an unterschiedlichen Orten: So besuchte er Bauern in Nordbrasilien, die in einem Land mit einem der größten weltweiten Landwirtschaftssektoren an Hunger leiden, begleitet einen Manager eines Agrarkonzerns, der in Rumänien die Industrialisierung der Landwirtschaft vorantreiben soll, allerdings privat so gar nichts von den so produzierten Nahrungsmitteln hält, lässt den damaligen UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung Jean Ziegler zu Wort kommen, der mit deutlichen Worten die globale Ungleichverteilung der Nahrungsmittelverteilung geißelt und als bewusst in Kauf genommen bezeichnet, zeigt, wie sich Landwirtschaft und Fischfang in Österreich, Spanien und Frankreich verändert haben, gibt erschreckende Einblicke in die Massengeflügelhaltung undlässt zu guter Letzt noch den CEO vom Lebensmittelkonzern Nestlé zu Wort kommen.

Daraus ergibt sich ein Bild, dass die Folgen der Globalisierung für die Ernährung der Menschen in den verschiedenen Regionen unseres Planeten aufzeigt, und dies ist selten ein besonders schönes. Ausbeutung, Umweltzerstörung, Tierqual und Vernichtung von Existenzen sind da eher die Regel als die Ausnahme, damit vor allem die Menschen in den industrialisierten Staaten einen gut gedeckten Tisch haben. Auf diese Weise wird uns deutlich vor Augen geführt, wie destruktiv unser Lebensstil ist.

Und das ist er eben auch aktuell immer noch, und das, obwohl nun diese Missstände schon vor mehr als zehn Jahren in einem Film aufgezeigt wurden. Was hat sich seitdem geändert? Nun, zumindest nichts zum Positiven für diejenigen, die auch in „We Feed The World“ als Verlierer dastehen – ganz im Gegenteil: Die Anzahl derjenigen, die hungern oder keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, wächst global weiter. Und auch diejenigen, deren kleinbäuerliche Lebensgrundlage dank EPA-Handelsabkommen vernichtet wird, ist seitdem nur größer geworden – alles zum Wohle des Marktes resp. einiger transnationaler Konzerne.

Es sagt viel über die Ignoranz in unserer Gesellschaft aus, dass wir solche Zustände einfach über Jahre hinweg hinnehmen, obwohl sie hinreichend dokumentiert und öffentlich gemacht wurden.

Und noch eine Sache ist hochinteressant und brandaktuell an der Doku: Es werden nämlich dort schon genau die Fluchtursachen thematisiert, die nun dazu führten, dass in den letzten Jahren immer mehr Menschen aus Afrika übers Mittelmeer nach Europa zu gelangen versuchen, kumulierend schließlich in der sogenannten Flüchtlingskrise (die wohl de facto eher eine Humanitätskrise ist). Unsere Politiker, die sich davon ja ach so überrascht zeigten, hätten einfach nur mal von ihren Beratern auf diesen Film aufmerksam gemacht werden müssen. Obwohl: Kaum zu glauben, dass einem Filmemacher Dinge bekannt sind, von denen dann die Politik zehn Jahre lang nichts mitbekommt, oder?

Insofern ist „We Feed The World“ nach wie vor ein wichtiger Film, der aufrüttelt (wenn man über die dort gezeigten Dinge bisher noch nichts weiß) und globale Zusammenhänge darstellt. Gute Laune hat man danach zwar nicht unbedingt, aber das sollte einen nicht abhalten, sich mit diesem wichtigen Thema auseinanderzusetzen. Bei JPC ist die DVD schon für wenig Geld zu haben – ein Anschaffung, die sich lohnt, auch damit man den Film dann im Freundeskreis weitergeben oder eventuell eine Schulaufführung beim eigenen Nachwuchs (so ab der zehnten Klasse sollte das gut hinhauen) anregen kann.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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