Karl-Heinz Heihse: Protestwähler und die AfD

Ohne einen Verlag und dessen PR-Möglichkeiten hat Karl-Heinz Heihse „Protestwähler und die AfD“ via Books on Demand veröffentlicht – und da das durchaus lesenswert ist, was hier auf gut 230 Seiten zusammengetragen wurde, möchte ich Euch das Buch ein wenig vorstellen und ans Herz legen.

Zunächst einmal beschäftigt sich Heihse mit Protestparteien generell, schildert, welche es in Deutschland bisher gab, und befasst sich auch mit dem internationalen Rechtspopulismus als Ausdruck einer Wählerprotesthaltung.

Danach widmet er sich der Frage: Was macht Protestwähler aus? Dazu werden verschiedene Gründe aufgeführt, welche die Menschen in den letzten Jahren in immer größerem Maße von der Politik entfremdet haben und teilweise in die Wahlverweigerung, teilweise bereits zu anderen Protestparteien getrieben haben. Auf diese Weise zeichnet Heihse das Bild eines frustrierten Bürgers, der immer wieder und auf unterschiedliche Weise das Gefühl bekommt, zu kurz zu kommen und benachteiligt zu werden – und sich dann eben denjenigen zuwenden, die ihm vorgaukeln, Verständnis für ihn und seine Situation zu haben.

Darauf folgt dann der für mich interessanteste Teil des Buches, in dem der Frage nachgegangen wird, warum sich die AfD, anders als die meisten anderen Protestparteien, etablieren konnte. Dies ist bisher nur den Grünen gelungen, was der Autor damit erklärt, dass diese über ihre Verbindungen zu zahlreichen Bürgerinitiativen und Bewegungen wie der Friedens- und Anti-Atom-Bewegung ihren Wählern Präsenz gezeigt hat, gerade auch nicht nur im Wahlkampf, sondern permanent im gesamten Zeitraum zwischen zwei Wahlen. So bekamen die Grünen-Wähler einen Eindruck von der Aktivität ihrer Partei, sodass bei der nächsten Wahl wieder grün gewählt wurde. Rechte Protestparteien haben bisher so nicht agiert, und da sie in der parlamentarischen Arbeit oft kaum etwas nachweisen konnten (einerseits oftmals aufgrund von Inkompetenz ihrer Abgeordneten, andererseits aber auch, weil andere Parteien nicht mit ihnen zusammenarbeiten wollten), verschwanden sie recht schnell wieder in der Versenkung.

Nun zeichnet sich die AfD auch nicht gerade durch produktive Parlamentsarbeit aus (das kann man ja in allen Landesparlamenten beobachten, in denen sie zurzeit vertreten ist), allerdings nutzt die Rechtspartei ausgesprochen geschickt das Internet und hier besonders die sozialen Medien. Hierüber wird immer wieder Aktivität gezeigt, es werden viele Statements gepostet, und die Zahl der Follower liegt deutlich höher als bei anderen Parteien. Dabei wird bei der AfD zum einen darauf geachtet, dass vor allem Aussagen verbreitet werden, welche die Protestwähler ansprechen und sich nicht so sehr mit dem eigenen Programm (das wenig für die Anliegen der Protestwähler übrig hat, wie Heihse ebenfalls aufzeigt) beschäftigen. Zum anderen werden kritische Stimmen schnell entfernt oder zumindest mit vielen und vehementen Gegenstimmen mundtot gemacht. Das Resultat: Der frustrierte Protestwähler fühlt sich heimisch bei der AfD, denn hier wird ihm Verständnis vorgegaukelt, zudem trifft er dort fast ausschließlich auf Menschen, die ähnlich denken wie er und dies auch äußern.

So schafft die AfD eine virtuelle Wohlfühlzone für von der Politik der letzten Jahrzehnte zunehmend Enttäuschte, was zum einen für einen kontinuierlichen Austausch mit den Anhängern führt, zum anderen auch bewirkt, dass die AfD-Fans sich aggressiv gegenüber Andersdenkenden äußern, die Kritik an der AfD (und damit eben auch an dieser Wohlfühlzone) vorbringen.

Als Nächstes geht Heihse dann noch auf die AfD, deren Inhalte und derzeitige Situation (Stand Ende 2016/Anfang 2017  – das Buch ist im Januar dieses Jahres erschienen) ein, wobei es ihm wichtig ist, zwischen der Partei und ihren Anhängern zu unterscheiden. Letztere unterteilt er ebenfalls noch in unverbesserliche Rechtsextremisten und solche, die vor allem aus Protest gegen die Politik der anderen Parteien bei der AfD gelandet sind, mit rechtem Gedankengut allerdings zunächst mal nur recht wenig am Hut haben.

Und genau diese im Grunde nicht rechtsextremen AfD-Anhänger werden dann im letzten Abschnitt des Buches auch als Adressaten ausgemacht, mit denen es zu reden gilt, um ihnen aufzuzeigen, dass es für ihre Sorgen und Nöte bessere Ansprechpartner gibt als die AfD, für die sie nämlich nur Mittel zum Zweck, möglichst viele Wählerstimmen zu bekommen, sind. Kritisch betrachtet Heihse in diesem Zusammenhang auch das Verhalten der meisten Parteien und Medien im Umgang mit der AfD, die dieser nicht nur über Gebühr Beachtung schenken, sondern eben auch teilweise deren Positionen übernehmen, um so eigene Wähler davon abzuhalten, zu den Rechtspopulisten überzuwechseln.

Ich persönlich hätte eventuell noch die Hinweise darauf, dass die beschriebenen Lebensumstände, die Menschen zu Protestwählern werden lassen, systemimmanent sind und somit nicht einfach von der Politik geändert werden können, und dass der Einfluss der AfD in der Opposition schon recht groß ist, da sich andere Parteien (vor allem CDU/CSU, aber auch SPD und FDP) bereits von den Rechtspopulisten vor sich hertreiben lassen und AfD-Positionen nicht nur übernehmen, sondern auch politisch umsetzen (zum Beispiel in der Flüchtlingspolitik). Da der Schwerpunkt des Buches allerdings auf der Wählerschaft der AfD liegt, würden diese beiden Punkte vielleicht auch ein bisschen zu weit führen und wurden deshalb vom Autor nicht berücksichtigt.

So stellt „Protestwähler und die AfD“ eine sehr runde Sache da, die diesen Aspekt der AfD und ihrer Anhänger sehr gut beleuchtet. Da das Buch ein Low-Budget-Projekt ist, hinter dem kein finanzkräftiger Verlag steht, sondern eben ein Autor, der sein Anliegen an die Leserschaft bringen möchte, sei auch verziehen, dass mitunter ein wenig holprig formuliert wird und sich auch einige orthografische Fehler finden. Dennoch gibt es von mir eine klare Leseempfehlung, da Heihse nicht einfach nur verurteilt, sondern zum Verstehen anregt, was Menschen dazu bewegt, einen Partei wie die AfD zu wählen.

Bezogen werden kann das Buch (9,99 Euro in der Printversion, 6,99 Euro als E-Book) übrigens hier: https://www.bod.de/buchshop/protestwaehler-und-die-afd-karl-heinz-heihse-9783743167186

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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