Was macht den Menschen zum Menschen?

Die beiden letzten Beiträge hier auf unterströmt möchte ich gern aufgreifen, um die dort aufgegriffenen Fäden zu verbinden. Auf der einen Seite leiden wir unter dem Druck, mit dem technischen „Fortschritt“ Schritt zu halten, und auf der anderen Seite leiden wir unter den Folgen dieser Lebensweise. Wie um alles in der Welt kann es sein, dass wir uns diesem Diktat des Konsums beugen? Wo sind die Vorteile, die wir uns daraus erhoffen oder erhofft haben? Und inwieweit nutzen wir diesen Fortschritt – oder sind wir der Nutzen?

Leider komme ich zu dem Schluss, dass es eben genau die letzte Aussage ist, die zutrifft: Wir nutzen dem Fortschritt und nicht anders herum (zumindest in der westlichen geprägten Welt, in der ich lebe). Und der Fortschritt wiederum nutzt den oberen 2 %, denen die Konzerne und der Großteil der Ländereien gehören, denen von allem mehr als 2 % gehören. Je größer die Kluft zwischen vermittelter Wirklichkeit (durch Werbung und der Selbstdefinition durch „Haben“, nicht durch „Sein“) und unseren realen Bedürfnissen (Essen, Obdach und Liebe), desto weniger Mensch sind wir. Die Qualität nimmt zugunsten der Quantität rapide ab: Essen bestellt und gern unterwegs runtergewürgt (möglichst günstig soll es dazu auch sein), wohnen wie in einem wahr gewordenen IKEA-Einzimmerwohnung-Traum (auch hier regiert günstig anstatt nachhaltig), und die Liebe (nicht nur die unserer Partner, auch die Nächstenliebe) gibt es in der Online-Partnervermittlung und den sozialen Medien (die mit „sozial“ so viel zu tun haben wie die soziale Marktwirtschaft). Lächerlich.

So kommen dann auch diese kranken Auswüchse von Fremdenhass und Neid zustande: Es geht um das „Haben“, nicht um das „Sein“. Die permanente Angst, nicht der medial vorgeführten Gesellschaft anzugehören, bringt Menschen dazu, sich über Smartphone, Fahrzeug oder Urlaubsziele zu definieren. „Haste was, biste was.“ Und jeder, der einem etwas streitig macht, der gehört zu meinem Feindbild (der Gutmensch möchte meinen Konsum einschränken, der Ausländer nimmt mir das wenige Verbliebene, und am Ende nimmt mir der Radfahrer das Recht auf den Fußweg oder sogar die Vorfahrt). Weniger haben und mehr sein, so lautet mein Vorschlag.

Generell sehe ich die Vorteile des Fortschritts darin (wie auch Heinz gerade schrieb), dass die Lebensqualität zunehmen sollte: Schwere Arbeit wird von Maschinen verrichtet, Krankheiten und Behinderungen werden durch technische und medizinische Errungenschaften gemildert oder sogar ausgeglichen, Wissen ist oder kann nahezu jedem zugänglich gemacht werden … und, und, und. Doch bei allem ist es eine Frage des Maßes: Erledigen Maschinen alle körperlichen Arbeiten, werden wir fett und krank (oder wir müssen zum Ausgleich mehrmals wöchentlich ins Sportstudio), rechnen Maschinen alles für mich, werde ich geistig träge (oder mache zum Ausgleich Sudoku), ersetze ich menschliche Wahrnehmung durch Technik, verliere ich das natürliche Gefühl für mich und meine Umwelt (und verlerne den Blick in den toten Winkel), nutze ich das Internet als Ersatz für mein Gedächtnis, verkümmert selbiges, und, und, und. Das Maß aller Dinge ist das Maß.

Was den Umweltschutz angeht, hat Karl es ja gerade beschrieben, welche Maßnahmen jeder selbst ergreifen kann. Was ich dabei aber noch explizit schreiben möchte: Es geht als Erstes mal darum, ÜBERHAUPT anzufangen! Wie bereits in einem Kommentar erwähnt: Sobald man angefangen hat, ein kleines Stück seines Konsums zu vermeiden, kommt der Appetit auf mehr von ganz allein. Man fängt an, stolz auf das alte Knochenhandy zu sein, man fährt mit erhobenem Haupt im Regen auf dem Fahrrad am lahmenden Stadtverkehr vorbei und genießt in seinem Zuhause selbst zubereiteten saisonalen Salat neben dem nach Fett stinkenden Schnellrestaurant am Marktplatz. Übrigens: Wasser dazu gibt es, ganz ohne Lifestyle, aus dem Wasserhahn (ich bitte den überheblichen Unterton zu überlesen, es mangelt mir einfach nur an der Wortgewandtheit).

Und da treffen sich die beiden Themen (der letzten Beiträge hier auf unterströmt): Konsumverzicht und die Bewertung unserer Welt nach Lebensqualität und nicht nach kapitalistischen Maßstäben machen aus dem Fortschreiten durch Fortschritt ein Erleben durch Lebensqualität. Nicht den neusten Konsumartikeln hinterher zu hecheln (Smartphone, Auto, Mode …), sondern zugunsten der Lebensqualität auf den Konsum zu verzichten. Das schont die Umwelt und entschleunigt gleichzeitig mein Leben (ich muss weder für den Konsum das nötige Kleingeld beschaffen noch mich mir der günstigsten Anschaffung beschäftigen und auch später nicht jedem zeigen, was ich da an neuem Spielzeug habe, nicht in der realen Welt und erst recht nicht auf Facebook und Instagramm). Die Qualität unseres eigenen und aller anderen Leben hängt maßgeblich nicht vom Grad des Konsums, sondern vom Grad des Nicht-Konsumierens ab. Um es mit den als Titel gewählten Worten zu schreiben: Die menschlichen Handlungen (Essen, Obdach und Liebe) machen den Menschen zum Menschen und nicht die pervertierte Vorstellung von Konsum, die uns die Werbung und der Lifestyle vermitteln wollen.

Noch ein Nachwort zu den politischen Möglichkeiten, den Konsum zu beschränken und nachhaltige Produkte zu fördern: Wenn Konsumgüter die wahren Kosten ihrer Produktion und ihres Transportes kosten würden, wäre mit einem einfachen Gesetz schon sehr viel getan. Die gesundheitlichen (unbezahlbaren!) Kosten für das Färben und Nähen unserer Kleidung in Bangladesch und das Fördern von Erzen und Mineralien in Afrika für unsere Technik, der Transport genannter Güter und Rohstoffe und der ganzen unnötigen exotischen Lebensmittel um die halbe Welt und die Schäden durch Raubbau an der Natur durch Ölgewinnung und Abbau anderer Rohstoffe und Anpflanzung von Monokulturen müssten einfach entsprechende Kosten entgegengestellt werden. Auch hier ist es eine Frage des Maßes, denn nicht alles sollte käuflich sein oder einen „käuflichen Wert“ erhalten (siehe dazu z. B. hier).

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Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

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