Facebook und die Daten

Facebook steht zurzeit massiv in der Kritik aufgrund der Enthüllungen eines Whistleblowers der Firma Cambridge Analytica. Da ist von Datenklau und Gefährdung der Demokratie durch Manipulation von Wählern die Rede, sodass mittlerweile schon die User vonseiten einige Medien und Politiker dazu aufgefordert werden, ihren Account beim weltweit größten sozialen Netzwerk zu löschen (eine gute Zusammenfassung des Geschehens und der Reaktionen darauf findet sich in einem Artikel auf heise online). Das Feindbild passt ja auch zu schön, denn Cambridge Analytica hat US-Präsident Donald Trump in seinem Wahlkampf unterstützt. Dennoch bekomme ich den Eindruck, dass diese Diskussion weitgehend in eine vollkommen falsche Richtung läuft.

Zum eine sollte doch eigentlich jedem, der im Internet unterwegs ist, klar sein, dass da alles Mögliche ohne sein Wissen gespeichert und weitergegeben wird. Oder wie kommt es sonst, dass einem auf Amazon Produktvorschläge unterbreitet werden, die unmittelbar mit einer Suche, die man zuvor auf Google getätigt hat, zusammenhängen? Auch die Werbebanner, die uns auf verschiedensten Seiten angezeigt werden, hängen oft damit zusammen, wo wir vorher im Netz unterwegs waren. Ralph Benz, Redakteur bei der 3sat-Sendung nano, bringt das in einem Video-Statement recht gut auf den Punkt: Im Netz ist nichts umsonst, wir bezahlen als User dort immer mit unseren Daten und sollten uns insofern schon ein paar Gedanken dazu machen, was wir denn wo überhaupt alles teilen, einstellen und verbreiten.

Es gibt wahrlich genug an Facebook zu kritisieren, und ich persönlich finde ja auch, dass das durchaus ein fieser Laden ist, aber hier scheint mir nun vor allem ein Sündenbock aufgeblasen zu werden – gerade auch wenn man die Doppelmoral berücksichtigt, dass nämlich die gleichen Politiker, die sich nun über Facebook echauffieren, dann selbst mit immer totalitäreren Überwachungsmaßnahmen aufwarten, wie beispielsweise die ARD-Sendung Monitor neulich in einem erschreckenden Bericht für Bayern dokumentiert hat.

Und was viele Menschen freiwillig an Daten preisgeben durch die Nutzung von Amazons Alexa und anderem Smart-Home-Gedöns, ist ja nun auch nicht gerade ohne. Zu glaube, dass derartige Daten, die noch in viel größerem Maße die täglichen Lebensgewohnheiten einer Person nachzeichnen, als dies bei einem Facebook-Profil der Fall ist, nicht in irgendeiner Form analytisch oder auch manipulativ verwendet werden, kann man nur als reichlich naiv bezeichnen.

In seiner Kolumne auf Spiegel Online bringt Sascha Lobo sinnvollerweise noch einige andere Aspekte dieses „Skandals“ aufs Tableau, beispielsweise dass von einem Datenklau nur sehr bedingt die Rede sein kann, da nämlich viele dieser Daten für jeden ganz öffentlich einsehbar sind, wenn man auf Facebook-Profile von Usern schaut, die keine entsprechenden Einstellungen zum Verbergen ihrer Vorlieben vorgenommen haben.

Darüber hinaus merkt Lobo nachvollziehbar an, dass Cambridge Analytica mit den gesammelten Daten nun auch nicht Menschen total umpolen konnte, sondern lediglich Wähler, die ohnehin Trump ihre Stimme geben wollten oder das zumindest als Möglichkeit in Betracht gezogen haben, in ihrer Ansicht bestärkt werden konnten. Natürlich wird auch Facebook selbst kritisiert, da sich das Unternehmen schon seit Jahren nicht darum kümmert, was mit den User-Daten, die das Geschäftsmodell darstellen, sonst noch alles angestellt werden kann – Hauptsache, es wird viel Werbung gestaltet und somit Gewinn generiert.

Ich würde in diesem Punkt dann allerdings noch einen Schritt weiter gehen als Lobo: Ein kapitalistischer Konzern handelt so, wie kapitalistische Konzerne eben zu tun pflegen – man schaut nur auf den eigenen Profit, ethische, moralische und zur Not auch rechtliche Aspekte spielen dabei dann nur eine untergeordnete Rolle. Surpirse, surprise … Wer heute noch kein Produkt von einem Konzern gekauft oder genutzt hat, der genauso vorgeht, der werfe den ersten Stein! Eine Kritik an Facebook und seinen Praktiken sollte also zwingend auch immer eine Kritik an dem System, was derartige Konzerne ermöglicht, beinhalten, sonst bleibt sie in der reinen Skandalisierung mit Einzelfallcharakter stecken, die spätestens dann uninteressant wird, wenn die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird.

Natürlich gibt es genügend Stimmen in Politik und Medien, die sich allerdings auch diebisch darüber freuen, nun gegen Facebook schießen zu können (und die vermutlich alle auch für das Verbreiten ihrer eigenen Ansichten selbst Facebook nutzen): Zuckerbergs Netzwerk ist nämlich schon auch eine Struktur, die Deutungshoheiten infrage stellt, die bis vor wenigen Jahren noch einige Medien ziemlich exklusiv innehatten. Denn Facebook ist für viele Menschen eine wichtige Informationsquelle geworden, auf der nun mal ungefiltert jeder Statements, Kommentare und Meinungsäußerungen hinterlassen kann. Dass dann auch viel Mumpitz dabei ist – bis hin zu inakzeptabler Hetze – liegt in der Natur der Sache, allerdings sollte Social Media nicht nur auf diesen Aspekt reduziert werden.

Ich informiere mich beispielsweise auch viel über Facebook, weil ich dort mit viele interessanten Leuten verbunden bin, die auch interessante Sachen posten und teilen, auf die ich sonst nie gekommen wäre. Heinz Peglau und Michael Bond, die beide ja auch schon Gastartikel hier auf unterströmt veröffentlicht haben, kenne ich beispielsweise nur über Facebook. (Man kann dort natürlich auch nur Katzenbilder und sein Mittagessen posten, aber das liegt, wie bei allen Medien, ja immer auch am Einzelnen, wie er das nutzt.) Und genau diese Möglichkeit, sich unabhängig und selbstständig zu informieren und auszutauschen, dürfte eben genau jenen Politikern und auch Medienvertretern ein Dorn im Auge sein, die den Menschen lieber sagen, was sie wissen und am besten auch denken sollen. Bei aller Fragwürdigkeit der verwendeten Algorithmen und der mitunter ekligen Firmenpolitik von Facebook, so bietet das Netzwerk doch letztlich auch eine zumindest in Teile anarchistische Spielwiese für unangepasste Meinungen.

Oder um es mal auf diesen Blog zu beziehen: Ohne Facebook würden viele von Euch genau diese Zeilen gerade überhaupt nicht lesen.

Bei dem Popanz, zu dem Facebook gerade gemacht wird, sollte man also immer auch berücksichtigen, dass es durchaus Leute gibt, die ein Interesse daran haben, dass weniger Menschen dieses Netzwerk nutzen, genauso wie man immer auch die Scheinheiligkeit mitdenken sollte, dass nämlich nun diejenigen sich sehr echauffieren und den Untergang der Demokratie herbeireden, die selbst mit teilweise wesentlich fieseren Überwachungsmethoden, die jeden Datenschutz mit Füßen treten, arbeiten.

Wie bei fast allem, so gilt auch hier (und vielleicht auch in Besonderem): Es ist nicht alles einfach nur schwarz-weiß.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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