Der Blick „von oben“ aufs Ganze

Am vergangenen Sonntag hatten wir ja in unseren Wochenhinweisen auf einen Artikel im Tagesspiegel hingewiesen, in dem beschrieben wird, dass zukünftig keine Herzschrittmacher für Babys mehr hergestellt werden. Der Grund: Das lohnt sich für den Hersteller nicht, da derartige Operationen sehr selten sind. Hier zeigt sich auf eklatante Weise, wie „der Markt“, der ja stets als allmächtiger Heilsbringer gepriesen wird, funktioniert – bzw. versagt. Eine verfügbare medizinische Technik, die Leben retten kann, wird nicht produziert aus Kostengründen. Darüber regen sich nun zu Recht viele Menschen auf, doch ist dieses Marktprinzip – Profit geht vor gesellschaftlichem Nutzen – nicht nur in diesem speziellen (und besonders dramatischen) Fall zu beobachten, sondern andauernd, sodass sich die Frage stellt, ob es nicht einer umfassenderen Regulierung dieser Marktprozesse bedarf.

Ein paar Beispiele: Ich werde immer wieder von Leuten aus Callcentern angerufen, die mir irgendein Gedöns verkaufen wollen, was ich nicht haben will. Ich bin dann meistens genervt, wenn mich so ein Anruf von einer anderen Tätigkeit wegklingelt, und vermutlich dürften diese Callcenter-Agents überwiegend ähnliche Reaktionen auf ihre Anrufe erhalten. Was für ein mieser Job! Und was für ein überflüssiger Job: anderen Menschen etwas aufzuschwatzen, was diese von sich aus gar nicht benötigen. Man sollte sich hier also nicht über den armen Teufel aufregen, der einen anruft, sondern über das System, dass Menschen nötig, derart bescheuerte Jobs annehmen zu müssen.

Bullshit-Jobs nennt man so was, und vor Kurzem gab es auch mal einen lesenswerten Artikel in der Süddeutschen Zeitung zu dem Thema. Unter solchen überflüssigen Jobs versteht demnach der Bestseller-Autor David Graeber auch Führungspositionen, die eigentlich niemand braucht, weil der Laden auch ohne diese Manager laufen würde, sodass die ihre Zeit vor allem mit Social Media und dem Sortieren ihrer Aktenkoffer totschlagen. Aber es rechnet sich anscheinend für Unternehmen, derartige Bullshit-Jobs aufrechtzuerhalten und zu finanzieren. Auch hier wieder: Profit schlägt gesellschaftlichen Nutzen.

Auf der anderen Seite gibt es Berufe, in denen es deutlich zu wenig Personal gibt, obwohl dies dringend gebraucht wird, so zum Beispiel in der Pflege oder in der Kindererziehung. Gesellschaftlich sinnvoll wäre es also, wenn man nun Menschen aus Bullshit-Jobs nehmen und entsprechend umschulen würde (wobei natürlich hier auch persönliche Vorlieben und Eignung berücksichtigt werden müssten), sodass sie eine Arbeit ausüben könnten, von der die Gesellschaft als Ganzes profitiert. Ich denke, dass es für die meisten befriedigender sein dürfte, einer Tätigkeit nachzugehen, die Sinn ergibt, anstatt dass man stumpf nur zum Geldverdienen etwas komplett Blödsinniges macht.

Ein weiteres Beispiel für komplett überflüssige Jobs: solche, die nichts anderes machen, als Geld mit Geld zu verdienen. Geld wird da also zum Selbstzweck und nicht nur als das Hilfsmittel gesehen, was es ist, weil wir es in einer komplexen Gesellschaft zum Austausch von Waren und Dienstleistungen benötigen. Auch für diese Jobs gilt: Profit schlägt den gesellschaftlichen Nutzen (der da nämlich einfach nicht vorhanden ist).

Eine große und komplexe Volkswirtschaft benötigt demzufolge eine Koordination des Gesamten, um folgende Fragen produktiv zu beantworten: Was brauchen wir? Was wollen wir? Und: Was können wir? Der Kapitalismus findet darauf nur zu primitive Antworten: Profit. Mehr Profit. Kosten sparen und Nachfrage generieren, um mehr Profit zu machen. Und so weiter, die Leier kennen wir von den Marktradikalen ja nur zur Genüge.

Kapitalistische Märkte funktionieren nämlich nur im Kleinen, wenn unter gleichen oder zumindest ähnlichen Bedingungen für alle Produzenten Waren hergestellt und angeboten werden, für die auch eine Nachfrage besteht. Dann kann das Bestreben jedes Einzelnen Anbieters, besser zu sein als seine Mitbewerber, zu Innovationen und Qualitätssteigerungen führen.

Im Großen, also auf eine Volkswirtschaft insgesamt bezogen, agieren „Märkte“ allerdings meistens gegen die Interessen der Allgemeinheit. Ein paar Beispiele:

Mietwohnungen: Die meisten Menschen werden eine ausreichende Menge an bezahlbaren und qualitativ adäquaten Wohnungen für wichtig erachten. „Der Markt“ macht das Gegenteil – generiert aber zunehmend mehr Profite. Das geht so weit, dass sich immer mehr Mieter ihre Wohnungen eigentlich nicht leisten können und sogar auch ihrer angestammten Quartieren verdrängt werden. Mal davon abgesehen, dass die gesamte Binnenwirtschaft darunter leidet, wenn die Menschen ihr Geld zunehmend weniger für Konsumgüter ausgeben können, sondern eben für Miete aufwenden müssen.

Gesundheitswesen: Die meisten Menschen wünschen sich wohl eine gute, kompetente Versorgung von nicht dauerüberlastetem Personal. „Der Markt“ macht das Gegenteil – generiert aber zunehmend mehr Profite. Das geht so weit, dass Tausende von Patienten in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen jedes Jahr an multiresistenten Keimen sterben, deren Hauptverbreitungsursache mangelnde Hygiene (meistens aus Zeitmangel nicht gründlich genug ausgeführt) ist.

Altenpflege: Die meisten Menschen finden die Betreuung im Großteil der derzeitigen Pflegeeinrichtungen entsetzlich und menschenunwürdig, sie möchten, dass diese Umstände sich ändern. „Der Markt“ macht das Gegenteil – generiert aber zunehmend mehr Profite. Das geht so weit, dass alte Menschen nur noch vor sich hinvegetieren und das Pflegepersonal sich in Scharen in den Burn-out verabschiedet.

Diese geschilderten Missstände sind ja mittlerweile durchaus bekannt und werden auch ab und zu kritisch thematisiert.

Doch auch in unserem ganz normalen Alltag finden sich selbstverständliche Dinge, die wir ohne Hintergedanken nutzen, die allerdings bei genauerer Betrachtungsweise eine eher schädliche Wirkung für das gesamtgesellschaftliche Wohlbefinden haben. Als Beispiel seien hier mal die Supermärkte und dabei insbesondere die Discounter genannt. Fast jeder kauft heutzutage in Deutschland dort ein, und nicht nur Lebensmittel, sondern auch Textilien, Elektrogeräte, Haushaltswaren usw. Wir haben uns daran gewöhnt, und der Marktanteil von Rewe, Edeka, Aldi und Lidl (sowie den zu diesen großen vieren gehörenden weiteren Ketten) wächst stetig.

Wenn man sich nun allerdings mal überlegt, was vor allem der Unterschied von einem Supermarkt zu einem Tante-Emma-Laden ist, dann fällt einem da neben „Da ist es billiger“ vor allem eines auf: Gute Arbeitsplätze werden vernichtet zugunsten von bergeweise Verpackung. Was früher von Verkäufern angereicht und mit möglichst wenig Verpackung über den Ladentisch ging (gern auch aus Großgebinden abgefüllt), liegt heute im Regel zum Mitnehmen für den Kunden bereit – verpackt nicht nur aus funktionalen Gründen, sondern eben auch, um die Aufmerksamkeit des Kunden neben den anderen ähnlichen Produkten aus dem gleiche Segment zu erregen.

Nun beklagen alle die nach wie vor (und trotz statistischer Tricksereien) bestehende hohe Arbeitslosigkeit und die „Plastikinseln“ aus im Müll gelandeten Verpackungen in den Ozeanen – aber gekauft wird dennoch beim Discounter. Das freut also letztlich weniger die Umwelt und auch nicht die Menschen, die zuvor durchaus manierliche Arbeitsplätze im Einzelhandel hatten, sondern vor allem die Familien, denen die Supermärkte und Discounter gehören – und die zu den reichsten Menschen in Deutschland zählen. Auch hier schafft „der Markt“ vor allem eins: Profit für wenige, Schaden für viele.

Und da wir beim Thema Plastik gerade bei der Umweltverschmutzung sind: Auch diese ist ja nun nachvollziehbar für die Allgemeinheit ausgesprochen schädlich, wird aber auf vielfältige Weise aus Profitgründen von „den Märkten“ vorangetrieben, zum Beispiel durch Hin-und-her-Transportieren von Waren, anstatt dass regional entsprechende Strukturen geschaffen werden, durch Umgehen von Umweltschutzauflagen, durch industrialisierte Landwirtschaft und letztlich auch durch den dem Kapitalismus innewohnenden Zwang zum Wachstum, sodass immer mehr Waren hergestellt und auch an die Kunden gebracht werden müssen.

Die Ursache hierfür ist auch schnell gefunden: In „den Märkten“ herrscht vor allem betriebswirtschaftliches und kein volkswirtschaftliches Denken vor, sodass jeder Marktteilnehmer in erster Linie seine eigenen Vorteile im Blick hat und nicht das Funktionieren des gesamten Wirtschaftssystems. „Wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht“, so lautet ja eine der Kernaussagen des neoliberalen Kapitalismus, die diese Denkweise gut auf den Punkt bringt – und natürlich komplett verkehrt ist. Denn auf diese Weise entwickelt sich ein reine Recht des Stärkeren, eine archaische Gesellschaftsstruktur, die wir eigentlich schon überwunden hatten dank solidarischer und später sozialstaatlicher Prinzipien.

Dabei ist es nicht mal (zumindest zu einem gewissen Teil) irrational, dass sich einzelne Unternehmen vor allem um ihren eigenen Kram kümmern. Irrational ist es, nun zu glauben, dass die so handelnden Marktteilnehmer dafür sorgen würden, dass das Gesamtsystem funktioniert und die Allgemeinheit profitieren würde anstatt nur einiger weniger. Doch leider ist das die Maxime der bei uns vorherrschenden und als alternativlos geltenden Wirtschaftspolitik.

Es wäre also sinnvoll, wieder einen Blick quasi „von oben“ aufs Ganze zu etablieren und daraus regulierende Maßnahmen abzuleiten, die eben nicht nur Profite, sondern Dinge wie Gemeinwohl, Umweltschutz, Tierwohl usw. zum Ziel hätten, die bemüht wären, die oben bereits gestellten Fragen im Sinne der Gemeinschaft aller Bürger zu beantworten: Was brauchen wir? Was wollen wir? Und: Was können wir?

Nun muss man bei solchen Überlegungen darauf gefasst sein, dass von fantasielosen Marktrabulisten sogleich „Sozialismus“ gekeift wird. Da sich dieser in seiner bisher praktizierten Form jedoch als untauglich erwiesen hat, wäre es bestimmt keine Lösung für die immer dringlicher werdenden großen Probleme der Menschheit, ein solches System erneut zu implementieren. Vielmehr geht es darum, auf demokratischer Basis (für mich eine zwingende Grundvoraussetzung) Überlegungen zu entwickeln, wo freie Märkte sinnvoll sein können und wo nicht, wie man verhindert, dass sich Monopole und Kartelle bilden, wie man Wertschöpfung neu definiert (nämlich nicht nur nach rein monetären Gesichtspunkten), wie man vom Wachstumszwang wegkommt (wir leben nun mal in einem endlichen System namens Erde, da kann nichts unendlich wachsen) und wie man zu einem Einklang mit der Natur zurückfindet (Cradle to Cradle ist da m. E. ein interessanter Ansatz).

Klingt utopisch? Klar, zumindest in den derzeitigen politischen Strukturen, die vor allem durch Korruption, Patronage und Lobbyismus geprägt sind, ist das schwer vorstellbar. Andererseits haben wir im Prinzip mit der Demokratie schon mal ein wirksames Grundgerüst, um derartige Entwicklungen einleiten und irgendwann auch in Gesetzesform bringen zu können.

Insofern erschein es mir wichtig, erst einmal diese Perspektive des „Blicks von oben“ zu entwickeln, um sich so gegen die herrschenden marktradikalen Dogmen, die ja allesamt ihre Unfunktionalität nachgewiesen haben, positionieren zu können. Diese sind nämlich leider mittlerweile als Selbstverständlichkeiten im Denken der meisten Menschen verwurzelt, sodass überhaupt nicht mehr über wirklich Alternativen nachgedacht wird. Und diese sind mehr als notwendig, denn der Kapitalismus offenbart ja immer offensichtlicher, dass er nicht mehr rund läuft, dass er vor dem Zusammenbruch steht, da brauchen wir uns ja nur die zunehmenden sozialen Verwerfungen (sowohl innerhalb von Volkswirtschaften als auch global) und die fortschreitende Zerstörung unserer Biosphäre vor Augen zu führen.

Bevor es also zum Crash kommt, der garantiert extrem unangenehme Auswirkungen für die gesamte Menschheit haben dürfte, sollte endlich mal über Alternativen nachgedacht und diskutiert werden. Das in diesem Artikel Geschilderte soll einer von vielen möglichen Ansätzen dafür sein.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak, hört den ganzen Tag Tonträger und treibt sich viel auf Konzerten rum. Außerdem geht er seit vielen Jahren zu den Spielen des FC St. Pauli.

2 thoughts to “Der Blick „von oben“ aufs Ganze”

  1. Ein beherzter Aufruf, und gerne würde ich dem folgen, nur wohin? Auf jeden Fall ein Danke für die optimistischen Worte. Kein Grund, dogmatisch zu werden, aber jeder Schritt hin zu einem sozialen und nachhaltigen Miteinander ist ein Schritt in die richtige Richtung.

    Die Sache mit den Bullshit-Managern hat wahrscheinlich mehrere Ursachen. Zum Beispiel eine Struktur, in der „jeder aufsteigen und absteigen kann“ (Ängste und unterbinden von gemeinschaftlichem Verhalten) oder der „Puffer für das obere Management“ (damit man immer jemanden unter sich hat, den man im Ernstfall zur Verantwortung ziehen kann).

    Allerdings ist es mit den Bullshit-Jobs wie mit einer Meinung: Die Menschen sehen es als Teil ihrer Identität an, und ein Angriff auf ihre (möglicherweise stupide) Beschäftigung kommt emotional dem Angriff auf die eigene Person gleich. Einfach mal den Job zu wechseln dürfte leider für die wenigsten infrage kommen, sodass ein Ausstieg in dem Bereich wohl nach Jahrzehnte dauern wird. Aber wie geschrieben: Jeder Schritt in die richtige Richtung ist besser als Stagnation und Ignoranz.

  2. Gerade zeigt wieder eine Meldung deutlich auf, wie sehr „der Markt“ versagt, wenn es um gesellschaftlich Relevantes geht: Der Pharmakonzern Novartis verkündet, dass man sich aus der Antibiotika-Forschung zurückziehen wird, da diese nicht lukrativ genug sei, wie ein Artikel auf tagesschau.de berichtet.

    Bei derzeit geschätzt weltweit 700.000 Toten im Jahr aufgrund von multiresistenten Keimen mag das nicht besonders profitabel sein, aber dennoch extrem wichtig. Und aufgrund der steigenden bakteriellen Resistenzen (auch z. B. wegen der hemmungslosen Antibiotika-Gabe in der industriellen Landwirtschaft und der zunehmend schlechten Arbeitsbedingungen in der Pflege – beides ebenfalls Beispiels für Marktversagen) steuern wird diese Opferzahl bestimmt nicht von allein kleiner werden.

    Keine schönen Aussichten …

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