So funktioniert Patriotismus

Patriotismus ist ja in Deutschland wieder alltäglich geworden seit etwa 2005, und über die verschwimmenden Grenzen zum Nationalismus sowie dessen Anteil am Rechtsruck der letzten Jahre habe ich ja schon einige Mal hier auf unterströmt etwas geschrieben (z. B. hier, hier und hier). Nun konnte ich gerade die Beobachtung machen, wie sehr die Deutschland-Fixiertheit mittlerweile das Denken vieler Menschen prägt (sehr zur Freude der neoliberalen sogenannten Eliten), und das an einem Beispiel, das zunächst mal nicht offensichtlich etwas mit Patriotismus zu tun hat: dem Urteil in einem Prozess in den USA, bei dem das Gericht einem Hausmeister 280 Millionen Dollar Schmerzensgeld vom Agrarkonzern Monsanto zugesprochen hat, da die Verwendung eines glyphosathaltigen Unkrautvernichtungsmittels „wesentlich“  zu dessen Krebserkrankung beigetragen hätte (s. dazu hier).

Die Folge diese Urteils war dann ein in der Spitze 14-prozentiger Kursverlust der Bayer-Aktie, was einem Minus von zehn Milliarden Euro an Börsenwert entspricht (s. hier). Es stehen nämlich noch etwas weitere 5000 derartige Klagen an, sodass dem Unternehmen Bayer, das ja erst vor Kurzem Monsanto übernommen hat (s. dazu hier), Milliardenzahlungen ins Haus stehen könnten.

Eigentlich könnte man nun sagen: prima Sache! Sowohl die Übernahme von Monsanto war ja von vielen kritisch gesehen worden, genauso wie auch Monsantos Ruf eh schon nicht gerade der beste war. Und auch um die erneute Zulassung von Glyphosat in der EU letzten Jahres war ja sehr umstritten (s. hier), da ja nicht nur die WHO glyphosathaltige Mittel als wahrscheinlich krebserregend eingestuft hat, sondern auch die weiteren Nebenwirkungen des Pestizids, das ganze Ökosysteme „plattmacht“, ausgesprochen unangenehm sind (s. hier). Da hat es nun also doch tatsächlich mal den Richtigen getroffen.

Recht schnell las ich dann allerdings in Kommentarspalten auf Facebook Statements wie die folgenden:

 

 

 

 

 

 

Hier wird nun tatsächlich in den Vordergrund gestellt, dass Bayer ja ein deutsches Unternehmen sei, dem nun Schaden zugefügt werden soll von den „bösen“ Amerikanern. Mal davon abgesehen, dass bei einem transnationalen Konzern wie Bayer die Nationalität eher sekundär ist, finde ich hier vor allem interessant, dass so etwas wie Solidarität mit dem „armen“ Bayer-Konzern mitschwingt, denn schließlich ist der ja deutsch, also einer „von uns“.

Dass die Führungsetage und die Aktionäre von Bayer mit dem Durchschnittsdeutschen wohl deutlich weniger Gemeinsamkeiten haben als der krebskranke Hausmeister in den USA, der im treuen Glauben, dass man wohl schon nicht einfach Sachen verkaufen wird, die Krebs erzeugen, jahrelang Glyphosat verwendet hat, kommt diesen Leuten anscheinend dabei nicht in den Sinn.

Doch genau darum geht es ja beim Patriotismus: Es soll ein Zusammengehörigkeitsgefühl über das künstliche Konstrukt der Nation geschaffen werden, das mit den Lebenswirklichkeiten der sich in dieser Nation befindlichen Menschen kaum etwas zu tun hat. Bayer und Monsanto vergiften ja schließlich nicht nur Menschen in den USA, sondern auch in Deutschland und überall sonst auf der Welt. Es geht hier also mal wieder um den berühmten „Krieg der Reichen gegen die Armen“, den Warren Buffett ja schon vor einiger Zeit ganz unverblümt so benannt hat (s. hier).

Und daran sieht man nun, wie sehr der Patriotismus und Nationalismus den Reichen bei diesem Krieg dienlich sind: Menschen fangen an, diejenigen zu verteidigen, die sie ausbeuten, bestehlen und sogar vergiften, wenn man nur darauf fokussiert, dass man ja aus dem gleichen Land käme. Hat bei den Griechen ja auch wunderbar funktioniert, als sich der deutsche Niedriglöhner und Arbeitslose nicht mit den griechischen Nierdiglöhnern und Arbeitslosen solidarisierte, sondern lieber mit den deutschen Banken, die auf Kosten der Menschen in Griechenland gerettet wurden. An das mediale Gekeife von den „Pleite-Griechen“, das genau darauf abzielte, sollten wir uns ja noch alle deutlich erinnern.

Und so wird ein transnationales Unternehmen wie Bayer, das zwar mal in Deutschland gegründet wurde, aber mittlerweile nationalstaatliches Denken und die entsprechenden Beschränkungen längst hinter sich gelassen hat, von vielen immer noch als deutsch klassifiziert, sodass man sich damit dann irgendwie identifiziert – zumindest wenn es um Schaden geht, der aus anderen Staaten, in diesem Fall den USA, zu kommen droht. Sollte Bayer also in eine echte Schieflage kommen aufgrund der noch ausstehenden Klagen von an Krebs erkrankten Glyphosat-Nutzern, sodass eventuell öffentliche Gelder zur Rettung des dann bestimmt als systemrelevant deklarierten Unternehmens bereitgestellt werden müssten, dürfte sich dieses patriotische Denken garantiert als nützlich erweisen, um eine solche „Rettung“ der deutschen Bevölkerung irgendwie zu verkaufen.

Daran sieht man nicht nur, wie unzeitgemäß Patriotismus heutzutage in einer globalisierten Welt ist, sondern wie dieses Phänomen auch noch von den sogenannten Eliten ausgenutzt wird, um sich die Menschen ein Stück weit mehr gefügig zu machen. Und die meisten Patrioten meinen doch tatsächlich, sie würden ein Stück weit gegen das globalisierte Wirtschaftssystem rebellieren, dabei sind sie tragende Säulen genau dieses Systems – ohne es zu merken (oder merken zu wollen). Schon irgendwie fast tragisch, oder?

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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