Der Kapitalismus im Spannungsfeld des technischen und des gesellschaftlichen Fortschritts

Der Kapitalismus wird nicht von Märkten getrieben, nicht von Preisen und auch nicht von Geld und schon gar nicht von der Gier. Der Kapitalismus braucht auch den Wettbewerb nicht, sieht diesen meist sogar als hinderlich an, weshalb Kapitalisten auch immer bestrebt sind, den Wettbewerb als Allererstes auszuschalten. Schon Adam Smith wusste dies und forderte gerade deshalb einen starken Staat, wird immer noch zu Unrecht als Vater des Neoliberalismus in Anspruch genommen von meist wirtschaftsliberalen Menschen, also den Profiteuren einer neoliberalen, in Ungleichheit und Ungerechtigkeit, in Egoismus versinkenden Welt. Geld und Markt, und auch der Wettbewerb, sind ohne eine ordnende, garantierende Kraft gar nicht zu denken, und so lange wir nicht eine Welt der Konzerne haben, sondern eine der Staaten, kann nur der Staat diese ordnende Kraft sein – ob als Staat oder als Staatengemeinschaft ist dabei egal. Märkte, Preise, Geld, Gier, Wachstum, Wettbewerb sind alles also nur Mittel des Kapitalismus – im Falle der Gier nur Symptom eines ungezähmten Kapitalismus -, der auch – sieht man vom Geld ab, welches es fast von Anbeginn der Menschheit gab – ohne sie auskommen würde. Sie sind Mittel, aber nicht treibende Kräfte.

Der Kapitalismus ist ein System, welches auf Fortschritt, meist technischem Fortschritt, aufbaut, von diesem getrieben wird und nach diesem strebt. Deshalb ist der Kapitalismus auch das effizienteste Wirtschaftssystem, welches der Mensch je erfunden hatte, welches der Liberalismus der Aufklärer entfesselte, aber welches diese Aufklärer nicht erfunden hatten, mit ihrer Aufklärung auch nicht zähmen wollten – sie sahen, im Gegensatz zu vielen von uns heute, dazu gar keine Notwendigkeit, und zwar zu Recht, schaut man auf die Lebenswirklichkeit der Massen zu Zeiten der Aufklärung. Der Kapitalismus war und ist wie kein anderes System in der Lage, Wohlstand zu schaffen. Deshalb will auch ich ihn nicht überwinden, sondern dazu beitragen, ihn zu zähmen, um ihn wieder für alle, für die Massen, nutzbar zu machen.

Zähmen, nicht abschaffen, denn schaffte man ihn ab, so würde man den technischen Fortschritt behindern, ja verhindern, zum reinen Zufall wieder werden lassen. Das muss man auch bedenken, wenn man ihn zähmen will und muss, wie wir es heute wieder tun müssen. Der Kapitalismus muss gezähmt werden, wieder in gesellschaftlich adäquate Bahnen gelenkt werden, den Gesellschaften dienen und nicht, wie derzeit, dass Gesellschaften allein dem Kapital zu dienen haben und damit den wenigen, die über das Kapital verfügen können. Auch um die Demokratie zu retten, ist es unumgänglich, zwingend geboten, den Kapitalismus und damit die Kapitalisten wieder zu zähmen.

Technischer Fortschritt, die Triebfeder des Kapitalismus, hat und hatte immer Einfluss auf die Gesellschaften, verändert diese und zwingt diese zur Veränderung, zwingt die Menschen zur Anpassung, auch die, die sich nicht anpassen können oder nicht so schnell, wie der technische Fortschritt das Tempo vorgibt. Um diese Veränderung muss es immer gehen, soll technischer Fortschritt nicht zum gesellschaftlichen Rückschritt werden. Immer, nicht nur in Zeiten wie diesen, wo wir mittendrin sind in einer neuen technischen Revolution, genannt Digitalisierung. Das dazu erfundene Mittel, der eigentliche gesellschaftliche Fortschritt nach der industriellen Revolution, war der Sozialstaat und ist es noch, eine Alternative dazu sehe ich nicht, gerade dann nicht, wenn wir den Kapitalismus nicht überwinden wollen oder können.

Wir leben in einer Zeit, in der dieser technische Fortschritt schon zum gesellschaftlichen Rückschritt geführt hat. Das ist nicht Schuld des Kapitalismus, sondern Schuld der Politik, die nicht mehr – seit dem Neoliberalismus gar nicht mehr – bereit war, den Kapitalismus zu zähmen, den technischen Fortschritt und den gesellschaftlichen Fortschritt gemeinsam zu bedenken, die von Neuland sprach und nicht bereit war, das Neuland auch zu beackern – vor allem gesellschaftlich nicht -, immer noch nicht dazu bereit ist, lieber von Heimat schwafelt, von Rückabwicklung vieler gesellschaftlicher Errungenschaften träumt, den Sozialstaat privatisiert und dem Kapitalismus und seinen Gesetzen damit ungeschützt zu übertragen gedachte und weiterhin gedenkt. – Es ist nur noch ein kleiner Schritt, bis zur Heimat die Ehre sich hinzugesellt und damit aus Nationalstolz Nationalehre werden könnte, verletzte Nationalehre sogar; auch dies gelte es zu bedenken.

Fortschritt, auch gesellschaftlicher, verläuft nicht in einer Geraden, die beständig nach oben weist. Fortschritt verläuft in Wellen, und Wellen ändern auch immer mal die Richtung, weisen nach oben und weisen nach unten. Fortschritt, gerade gesellschaftlicher, geht deshalb auch immer mit Rückschritten einher, dennoch kann die Tendenz durchaus positiv bleiben.

Ich behaupte, dass wir gerade in einer solchen Zeit leben, in der der Rückschritt größer ist als der gesellschaftliche Fortschritt, und dass das die Menschen merken, im Bauch und nicht so sehr in ihren Köpfen.

Ich behaupte weiter, dass das die meist neoliberal denkenden Eliten noch nicht begriffen haben, immer noch nicht begriffen haben und deshalb auch nichts gegen diese gesellschaftliche Rückschritte unternehmen wollen. Ihre Wirklichkeit ist eine andere als die vieler Massen. Sie sehen für sich immer noch gesellschaftliche Fortschritte, behaupten diese Fortschritte für die sie unterstützenden Massen, während sie die gesellschaftlichen Rückschläge immer weiter ignorieren; und wenn sie diese nicht mehr ignorieren können, dann weisen sie die Schuld eindeutig denen zu, die unter den Rückschlägen am meisten leiden müssen; verschärfen damit deren Lebensumstände noch mehr und wundern sich dann, dass die Wut, der Hass auf, der Widerstand gegen diese Eliten und gegen das System nur noch größer geworden sind, immer größer werden.

Letztendlich war und ist es also die Ignoranz der Eliten, sind es ihre sozioökonomischen Irrtümer, welche sie durch den Neoliberalismus täglich größer werden lassen, die den gesellschaftlichen Fortschritt wieder in den Rückwärtsgang versetzt hatten und diesen Gang unter allen Umständen beizubehalten gedenken.

Da kann man nicht viel machen derzeit, denn Bildung – an der mangelt es meiner Meinung nach, und zwar meist bei den gut ausgebildeten Menschen, welche sich Elite derzeit nennen; weniger bei denen, die unter dieser „Verbildung“ derzeit leiden müssen – kann man nicht erzwingen. Bildung muss auch der haben wollen, dem man sie anträgt. Ich sehe nicht, dass die derzeitigen Eliten dazu eine große Bereitschaft an den Tag legen. Das Gegenteil meine ich beobachten zu können.

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Heinz

Jahrgang 1958, am Leben interessiert, auch an dem anderer Menschen, von Rückschlägen geprägt. Nach diversen Tätigkeiten im Außendienst für mehrere Finanzdienstleister und zuletzt als Lehrkraft auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ökonomie und Gesellschaft, den Kapitalismus in all seinen Formen zu verstehen und seit Jahren zu erklären ist meine Motivation. Denn ich glaube, nur wer versteht, wird auch Mittel finden, die Welt zu einer besseren Welt zu machen. Leid und Elend haben ihre Ursache im Unverständnis.

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