Die „moderne“ Betriebswirtschaft ist nicht modern, sondern altbacken und für die Daseinsfürsorge sogar gefährlich

Seit Jahrzehnten beobachte ich, wie die Betriebswirtschaft Einzug gehalten hat in die Verwaltungen der öffentlichen Haushalte, wie sie sich dort breitmachte, und begrüßte dies anfangs sogar. Ich beobachtete, wie dies vor allem auch deshalb geschah, weil der Bürger und die Bürgerin an die öffentliche Verwaltungen gleiche, wenn nicht gar identische Ansprüche an die Haushaltsführung der öffentlichen Haushalte stellten, wie sie diese an ihre eigene Haushaltsführung stellen, und das machte und macht mir zunehmend Sorgen, zumal mir die Betriebswirtschaft zunehmend Sorgen bereitete und leider weiterhin bereitet, welche seit einigen Jahren von Betriebswirten vertreten wird, weil sie ihnen so gelehrt worden ist.

Sparen, sparen, sparen – das Mantra unserer Zeit wurde auch dadurch zum Mantra der öffentlichen Verwaltungen, deren Haushaltsführung. Dass die Haushaltsführung derer, die dies forderten, auch selten perfekt war und ist, ignorierten und ignorieren die, die dieses Mantra beständig wiederholen, genauso wie die grundsätzlich andere Betrachtungsweise, unter der man öffentliche Haushalte zu betrachten hätte, schon weil diese nicht sterben wie die natürliche Person, die nur eine begrenzte Lebenserwartung hat und damit auch eine nur begrenzte Zeit zur Verfügung hat, um produktiv tätig zu sein und Einkommen zu erwirtschaften, Schulden zurückzuzahlen.

Die Einsicht in die fast immer vorhandene Unsterblichkeit der öffentlichen Haushalte ist heutzutage als Einsicht verloren gegangen, und das hat Gründe, begründet sich auch darin, dass die Betriebswirtschaft, welche man zugrunde legt, welche übermächtig das Denken bestimmt, selbst nicht mehr in der Lage zu sein scheint, Organisationen – auch das Unternehmen als private Organisation nicht – als einen Ort der Wertschöpfung zu betrachten, und zwar einen über die viel zu kurzen Rechtfertigungstermine der Börse zeitlich hinausgedachten. Auch Unternehmen sind auf mehr als nur ein Menschenleben angelegt, können damit auch als fast unsterblich gelten, wenn sie sich entsprechend verhalten und auch zugelassen wird, dass sie sich entsprechend verhalten können, was allerdings bei dieser betriebswirtschaftlichen Sicht unserer Tage immer schwieriger zu werden scheint.

Es schon richtig, wenn die Betriebswirtschaft in den Verwaltungen heutzutage eine Rolle spielt, sowie es richtig ist, dass sie im Unternehmen unverzichtbar ist, soll es sich im Wettbewerb auch bewähren, seinen vielen Aufgaben – dazu später – nachkommen können, und zwar dauerhaft und nicht nur für eine begrenzte Zeit. Aber sie sollte dann auch eine richtig gedachte Rolle, auf einer soliden Basis gedachte Rolle übernehmen und nicht so rudimentär vereinfacht gedacht werden, wie sie derzeit gedacht wird, so unsolide nur dem Shareholder dienend gedacht.

Nur Banken und auf kurze Zeit geplante Unternehmen können es sich leisten, so rudimentär zu denken. Die Ersteren, weil sie wissen, gerettet zu werden, seit der Finanzkrise, wenn sie als „too big to fail“ gelten, und die anderen, wenn sie nur kurzfristig abzocken wollen und können und nach ihnen die Sintflut gilt, das Unternehmen nicht der eigentliche Zweck ihres Tuns ist, sondern nur das kurzfristige, manchmal auch mittelfristige, aber nie das langfristige Geschäft. Die meisten Unternehmen und Verwaltungen, die Unternehmen der Bürger und Bürgerinnen, können sich das meist nicht leisten und leisten es sich derzeit dennoch, obwohl ihr Zeithorizont immer der langfristige sein sollte, leider aber nur der vierteljährliche des Shareholders (oft sogar noch kürzer) bei börsennotierten Unternehmen ist. Ein Irrsinn!

Unternehmen werden heute, leider, nur noch als Gewinnmaschine verstanden, eine Maschine, deren einzige Aufgabe es zu sein scheint, Gewinne zu maximieren, und das in immer kürzeren Zeitspannen, ohne Rücksicht auf Verluste an anderen Stellen. Und Gleiches scheint für Verwaltungen zu gelten, für Kommunen, Landkreise, Länder und den Bund. Selbst Europa wird doch meist nur in Gewinnen und Verlusten gedacht, sowohl von den Kritikern Europas als auch von den Befürwortern. Der Gewinn muss klargemacht werden, der Verlust wird meist nur behauptet in Europa. Ohne Gewinn-und-Verlust-Rechnung geht es anscheinend nicht mehr, weder in Europa noch in den Kommunen.

So sprechen selbst Landräte – meiner hat es erst kürzlich ohne Widerspruch der anwesenden politischen „Elite“ getan – von Erträgen, die die Haushalte zu erwirtschaften hätten. Was für ein Unsinn, Gebühren, Abgaben und Steuern unter Ertragsgesichtspunkten zu qualifizieren, den Bürger und die Bürgerin somit als Kunden abzuqualifizieren, denen man irgendetwas zu verkaufen hätte, die sich als Kunde die kommunalen Leistungen erkaufen müssten und würden. Man könnte sich ausschütten vor Lachen ob so viel Unverständnis, wenn es nicht von Menschen käme, die wir in diese für uns so wichtigen Positionen hineingewählt hätten, denen wir unser Wohl und Wehe anvertraut haben. Und nein, das ist kein Klugscheißen, sondern Sprache, Sprache, die zeigt, welche Gedanken die treibt, die so reden. Wer von Erträgen redet, meint, was er sagt, sieht sich in der Aufgabe, auch Erträge generieren zu müssen, und zwar über die Gewerbesteuern hinaus.

So ist es auch für mich nicht verwunderlich, wenn Ratsmitglieder und Bürgermeister, Landräte und Kreistagsabgeordnete beiderlei Geschlechts heute das Gemeinwohl und das Gemeinvermögen nur mehr unter Renditegesichtspunkten betrachten können, den kurzfristigen Gewinn eines Grundstücks bespielsweise.

Aktuell ist dies in Niedersachsen zu beobachten, in einer kleinen, verschlafenen Stadt im niedersächsischen Landkreis Helmstedt, wo die sogenannte „Bürgermeisterwiese“, das teuerste und wichtigste Grundstück der Kommune, an eine Institution verkauft werden soll, welche dort eine Seniorenresidenz zu errichten gedenkt, fern ab von den tatsächlichen Bedarfen und den Notwendigkeiten, sogar zulasten der Ökologie ist man bereit zu handeln.

Dieses verschlafene Nest ist kein Einzelfall, es ist sogar typisch für das Handeln von Politik und Verwaltung unter den Prämissen einer nur dem Gewinn dienenden Betriebswirtschaft, dem Shareholder-Gedanken allein noch folgend. Es ist ein trauriges Zeugnis, welches die „moderne“ Betriebswirtschaft und ihre Vertreter gerade abgeben. Schlimmer noch, sie haben dieses Bild längst in die Gesellschaft getragen. In der Politik, gerade bei den vielen Bürgermeistern und Bürgermeisterinnen, die nur noch in dieser „modernen“ Betriebswirtschaft denken können, das Gesamte deshalb schon lange nicht mehr im Blick haben, hat dies dazu geführt, dass Privatisierungen und der Abbau der Daseinsfürsorge nun wahrnehmbare Folgen zeitigt. Sozialer Wohnungsbau, kaum mehr Versorgung von Alten, Kranken und Schwachen durch die Kommune, fast ausschließlich durch private Träger, und das dann unter Zeit-, weil Kostendruck. Notaufnahmen, die befürchten müssen, geschlossen zu werden, in Krankenhäusern, weil sie sich betriebswirtschaftlich nicht rechnen. Wo man hinschaut, hat sich nichts verbessert, nicht einmal die Haushalte sind wesentlich entlastet worden. Letztere sollen nun – folgt man meinem Landrat – sogar dafür Sorge tragen, „Erträge zu generieren“.

Ja, die Kommunen brauchen Einnahmen, mehr als derzeit, wollen sie ihren Aufgaben gerecht werden, da hat mein Landrat recht. Aber keine Erträge, sondern endlich eine solide Finanzierung, die mehr Mittel dort hinbringt, wo die Menschen leben, und nicht dort, wo sie als Haushaltsposten für Militär oder andere Unsinnigkeiten Verwendung finden. Es muss also um die Steuern gehen und deren Verteilung. Die Verteilung der Steuern hätte dieser Landrat, wie seine Vorgänger, längst zur Disposition stellen müssen, anstatt weiterhin nach oben zu buckeln, sich weiterhin vom Land am Nasenring vorführen zu lassen. Die Verteilung der Steuern hätten die Bürgermeister und Bürgermeisterinnen schon lange auf die Agenda setzen sollen, denn die hat mit der Lebenswirklichkeit der Menschen nicht mehr viel zu tun, gerade dann, wenn sie nicht in prosperierenden Kommunen leben dürfen oder können.

Entgegen der vielleicht hier nun entstandenen Vermutung: Ich liebe die Betriebswirtschaft, bin selbst u. a. auch Betriebswirt, aber eben kein Betriebswirt, der nur nach den derzeitigen Zielen und Vorgaben der Betriebswirtschaft zu denken bereit ist, nie bereit war, nur so zu denken und zu handeln, wie derzeit gedacht und leider auch gehandelt wird.

Mein Denken unterscheidet sich grundsätzlich von dem Denken, welches unsere Zeit bestimmt, auch das der „modernen“ Betriebswirtschaft – ich danke meinen klugen Professoren dafür, die mir dieses Denken noch vermittelt hatten. Mein Denken fußt auf dem Unternehmen, welches ich als menschliche Errungenschaft betrachte, weil es größere Unternehmungen erst möglich gemacht hat, zu denen der Einzelne nie allein fähig gewesen wäre, weil es sein Wissen, sein Können und seine finanziellen Möglichkeiten überstiegen hätte (es sei denn, er wäre der Pharao von Ägypten oder sonst ein absolutistischer Herrscher), weil es den Kapitalgeber mit dem Arbeitnehmer zusammenbringt, beiden und der Allgemeinheit Nutzen schenken kann. Dieses Denken scheint völlig verloren gegangen zu sein, einem Denken gewichen zu sein, welches im Unternehmen nur noch eine Gewinnmaschinerie zu sehen bereit ist.

Ja, der Gewinn gehört zum Unternehmen, weil der Gewinn das Einkommen des Kapitalgebers ist. Aber es ist nicht das einzige Einkommen, welches in einem Unternehmen erwirtschaftet wird. In Unternehmen wird auch gearbeitet – in kleineren Unternehmen auch vom Kapitalgeber, weshalb man dann auch nicht allein vom Gewinn, sondern auch vom Unternehmerlohn spricht -, und für diese Arbeit werden Löhne und Gehälter als Einkommen gezahlt. Mehr noch, werden in diesen Unternehmen über die Sozialversicherungsbeiträge für die Allgemeinheit wichtige Leistungen erbracht. Nicht zuletzt zahlen Unternehmen Steuern – leider derzeit recht widerwillig, und viele entziehen sich sogar dieser Steuern, oft weil der Staat versagt oder Angst vor den Folgen hat -, und für aufgenommene Kredite zahlen sie Zinsen. All das zusammengenommen nennt man deshalb auch die Wertschöpfung des Unternehmens, und wer ein wenig Vorstellungskraft besitzt, wird jetzt schon begriffen haben, dass eine Betriebswirtschaft, welche nur auf die Gewinnmaximierung abzielt, den Unternehmensgedanken eigentlich pervertiert, nur den Kapitalgebern noch dienlich ist, Arbeit und Staat und Gesellschaft in die Pflicht sogar nimmt, diesem einem Einkommen, dem Gewinn, noch zu dienen, auch dann, wenn es zulasten der Einkommen der Mitarbeiter, des Staates und seiner Nebenhaushalte, also der Allgemeinheit geht.

Eine solche Betriebswirtschaft lehne ich ab; sie hat allerdings die Macht im Staate und damit auch in den Verwaltungen übernommen. Diese Betriebswirtschaft, die man gern modern nennt, die ich altbacken nenne, weit hinter einstige Erkenntnisse zurückgefallen behaupte, hat uns zu Kunden unserer eigenen Stadt gemacht, hat die Stadträte zu Kaufleuten degradiert, sie in ihren Zwang genommen, und macht unser aller Leben immer ärmer. Menschen in Verwaltungen und Räten, die dieser Denkweise folgen, sind deshalb für mich vollends ungeeignet, für das Allgemeinwohl zu sorgen. Sie können es einfach nicht, weil sie nicht einmal mehr begriffen haben, warum Menschen Unternehmen geschaffen haben, welch großer menschlicher Fortschritt diese eigentlich sein könnten, und dann dieses ihr Nichtwissen auch noch auf die Belange der Allgemeinheit übertragen.

Wir haben ein Bildungsdefizit, aber nicht da, wo es vermutet wird, sondern da und bei denen, die oft von sich behaupten, selbst gut ausgebildet, ja gebildet zu sein. Und dieses Bildungsdefizit muss schnell behoben werden, und zwar bevor es nichts mehr gibt, was allen gehört, bevor wir selbst nur noch dann Mensch sind, wenn wir uns das Menschsein noch leisten können, und das auch nur so lange, wie wir noch als Produktionsfaktor nützlich sind, Erträge erwirtschaften können für die Konzerne und die kommunalen Haushalte, für die Gedankenlosigkeit von Landräten, stellvertretenden Landräten, Bürgermeistern und ehrenamtlichen Hobbypolitikern in den Räten.

Druckansicht

Heinz

Jahrgang 1958, am Leben interessiert, auch an dem anderer Menschen, von Rückschlägen geprägt. Nach diversen Tätigkeiten im Außendienst für mehrere Finanzdienstleister und zuletzt als Lehrkraft auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ökonomie und Gesellschaft, den Kapitalismus in all seinen Formen zu verstehen und seit Jahren zu erklären ist meine Motivation. Denn ich glaube, nur wer versteht, wird auch Mittel finden, die Welt zu einer besseren Welt zu machen. Leid und Elend haben ihre Ursache im Unverständnis.

Schreibe einen Kommentar