„Heinz, reg dich ab und genieß das Leben, denn du hast nur dieses eine!“

Als Mann, in meinem wahrscheinlich letzten Drittel des Lebens, fällt mir zu den Klimastreiks der jungen Menschen immer öfter Gorbatschow ein: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Nicht Kohl mit seiner „Gnade der späten Geburt“. „Die paar Jährchen kriegst du auch noch rum“, denke ich dann so bei mir, „reg dich ab und genieß das Leben.“

Fatalismus nennt man das wohl, was mich derzeit beschleicht, was sich beginnt in meinem Denken festzusetzen. Ein mir einst vorgesetzter Mensch – eine zugegeben sehr schwache Führungskraft auf allen Ebenen, nicht nur der Führung – nannte es vor vielen Jahren seine „gesunde Oberflächlichkeit“. Er meinte damit, dass es gesund wäre, auch, aber nicht nur im klinischen Sinne gesund, sich nicht zu sehr mit den Umständen, Dingen und auch Menschen zu beschäftigen und lieber das zu tun, was man von ihm verlangen würde, woran man selbst gemessen wird. Er war zwar um einiges jünger als ich, aber er hatte da wohl doch die „besseren“ Einsichten, denn im Gegensatz zu ihm raffte es mich irgendwann hin, musste ich die Folgen dann auch tragen und mit mir meine Familie. Seitdem scheine auch ich immer mehr zu dieser Einsicht zu gelangen. Immer öfter denke ich nämlich auch: „Heinz, sattle keine toten Pferde“, und dann halte ich den Mund, auch wenn ich ihn früher gern aufgerissen hatte, wenn mir Ignoranz entgegenschlug, wenn ich die Verstandslosigkeit meiner oft sehr intelligenten Mitmenschen um mich herum kaum mehr ertrug.

Verstand ist es nämlich, der den meisten Menschen fehlt, nicht Intelligenz, die ist ausreichend vorhanden. Es fehlt an Verstand! Diese Diagnose stelle ich seit einiger Zeit. Verstand, den die Kinder und Jugendlichen von Fridays for future anscheinend noch besitzen, den sie (noch) nicht weggeschult bekommen haben, wie viele wohl der heutigen Erwachsenen, denen er nun fehlt.

Altmaier, Lindner, um nur die beiden zu nennen, sehr intelligent, aber mit wenig Verstand unterwegs, finden deshalb auch so große Zustimmung, gerade bei den Älteren unter uns.

Verstand ist mehr als Ratio, als Intelligenz. Verstand kann das Ganze überblicken, versucht es zumindest. Verstand ist vorausschauend und handelt auch so. Verstand fokussiert sich nicht, er bleibt offen. Verstand kann man nicht ausbilden, den muss man bilden, und an der Bildung scheint es doch zu fehlen bei meiner Generation, an der Bildung von Verstand insbesondere. Wäre es anders, so wäre die Welt eine andere, eine bessere. Dann müssten nicht die Kids nun ran, um der Generation der Profis endlich zu sagen, wie dumm sie eigentlich waren und sind und im Falle Altmaiers, Lindners und Co. auch bleiben wollen.

Nein, ich stecke nun nicht den Kopf in den Sand. Ich werde auch nicht alterszynisch werden (vielleicht ein wenig mehr Sarkasmus werde ich mir gönnen). Ich werde nicht aufhören, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, den Ignoranten zu widersprechen. Nein, das nicht! Aber ich werde auch nicht mehr über jedes Stöckchen springen, welches mir hingehalten wird. Und ich rate, es mir gleichzutun.

Insbesondere dann, wenn wieder von „schlauen“ Leuten gefordert wird, was ich tun kann, um es besser werden zu lassen. Die werde ich ignorieren, denn ich kann gar nichts tun, solange nämlich das Wir sich in der Mehrheit anders verhält, sich so verhält, wie ich oben geschrieben habe, wie es mein ehemaliger Vorgesetzter und seinesgleichen seit Jahrzehnten tun: ihrer Oberflächlichkeit frönen, um gesund zu bleiben; mit dem Strom zu schwimmen, auch wenn sie links und rechts von Ertrinkenden umgeben sind; trotz des Wissens, dass der Strom auf einen Wasserfall zuströmt. Und das wird so lange noch so bleiben, solange die Altmaiers und Lindners die Richtung vorgeben dürfen, die AKKs dieser Welt mich an der Emanzipation zweifeln lassen, es vielleicht auch deshalb kaum Erwachsene gibt, welche die Richtung für die Kids zu ändern gedenken. Solange, wie die Erwachsenen nicht endlich versuchen, etwas mehr für ihren Verstand zu tun und nicht nur für ihre Ausbildung, für ihr ökonomisch verwertbares Wissen, wird der Ökonomismus den berechtigten, weil auf Verstand beruhenden Anliegen der Kids im Wege stehen.

Ich weiß, ich weiß, den Verstand wieder zu gebrauchen, dazu gehört Mut. Denn wer den Verstand gebraucht, muss auch Widerspruch ertragen können, und den gibt es vielfach. Die Kids können ein Lied darüber singen. Es gehört Mut dazu, sich den Veränderungen nicht nur anzupassen, sondern sie auch gestalten zu wollen. Mut, auch mit den negativen Sanktionen leben zu können, die unweigerlich die zu ertragen haben, die sich gegen die stellen, die so eklatant versagt hatten und weiterhin versagen. Mut, der den Erwachsenen wohl zu fehlen scheint, den man ihnen wohl auch wegsanktioniert hat, durch Strafe wie Belohnung, durch „Teile und herrsche“.

Mut, den immer weniger Menschen wohl derzeit aufzubringen vermögen oder auch wollen, weshalb sie am derzeitigen Zeitgeist auch so stringent festzuhalten gedenken. Lieber heften sie dem Individuum den Schwarzen Peter an. Viel lieber verzichten sie darauf, das System infrage zu stellen. Ungern, sehr ungern nur, eigentlich gar nicht, weichen sie von ihrer Selbsttäuschung ab, die Art, wie wir leben, als die beste von allen anzusehen. Daran wollen sie gar nichts, aber auch gar nichts ändern. Es fehlt nämlich auch am Mut, Verzicht zu üben, ihn nicht immer nur von anderen, meist den Schwächsten, zu fordern. Für Verzicht sind sie zu feige, ob sie wählen oder gewählt werden. Verzicht ist ein No-Go, denn Verzicht zu fordern, zu leben bedeutet, auch mutig zu sein, sich außerhalb des Mainstreams zu stellen. Mal mit dem SUV zum Biobauern, Biobäcker zu fahren, die viel zu zaghaften, meist systemkonformen Grünen zu wählen, das eigene Gewissen zu beruhigen reicht nämlich nicht aus, wird an den katastrophalen Zuständen, denen wir uns mit schnellen Schritten nähern, nichts ändern können.

Die Kids scheinen dies erkannt zu haben, große Teile von ihnen zumindest, alle vermutlich nicht. Sie sind mutig und bleiben es hoffentlich auch.

Ebenso wie die vielen Unterstützer aus der Wissenschaft bei scientist4future, die sich anscheinend nun ein Herz gefasst haben, durch die Jugend, im Schutze der Jugend. Vielleicht bekommen wir dann auch irgendwann einmal eine politics4future, eine andere Führung als die kleingeistige dieser Tage. Schön wär es ja! Längst überfällig ist es!

Vielleicht ist es deshalb auch die Mutlosigkeit, welche die Massen ergriffen hat, die man zuallererst zu bekämpfen hätte …

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Heinz

Jahrgang 1958, am Leben interessiert, auch an dem anderer Menschen, von Rückschlägen geprägt. Nach diversen Tätigkeiten im Außendienst für mehrere Finanzdienstleister und zuletzt als Lehrkraft auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ökonomie und Gesellschaft, den Kapitalismus in all seinen Formen zu verstehen und seit Jahren zu erklären ist meine Motivation. Denn ich glaube, nur wer versteht, wird auch Mittel finden, die Welt zu einer besseren Welt zu machen. Leid und Elend haben ihre Ursache im Unverständnis.

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