Die AfD bekommt mal wieder eine öffentlich-rechtliche Bühne

Frank Plasberg hat sich ja mit seiner Talk-Sendung Hart aber fair (ARD) schon oft als rückwärtsgewandter Schwallkopf präsentiert, der allzu gern Konservativen und Rechten eine Bühne bietet und statt des harten Moderators eher den Stichtwortgeber für solche Leute mimt. Nun haben er und seine Redaktion allerdings am Sonntag den Vogel abgeschossen, indem zum Thema „Wie gefährlich ist rechter Hass?“ auch der AfD-Politiker Uwe Junge eingeladen wurde. In sozialen Medien wurde dies schon vorher kritisiert und zum Zuschauerboykott der Sendung aufgerufen, da bereits klar war, worauf das Ganze hinauslaufen würde. Plasberg und seinem Team hingegen war das hingegen wohl nicht bewusst – oder, was noch schlimmer wäre, sehr wohl doch.

Gerade in den letzten Wochenhinweisen habe ich einen Artikel von Franziska Schutzbach auf ihrem Blog Präzis und kopflos verlinkt, in dem sie darstellte, warum man rechter Hetze nicht mit guten Argumenten begegnen kann: Es geht nämlich den Rechten gar nicht um eine Diskussion und den Austausch unterschiedlicher Ansichten, eventuell sogar eine Konsens- oder Kompromissfindung, sondern allein darum, ihre Hetze und Menschenverachtung präsentieren zu können, um diese in den Köpfen zu verankern und so das, was gesellschaftlich akzeptiert gesagt werden kann, immer weiter nach rechtsaußen zu verschieben, also Framing zu betreiben. Das ist nichts ganz Neues, denn dieses destruktive Diskursverhalten wurde beispielsweise auch schon vor einem guten Jahr von Volker Weiß ausführlich in einem Artikel in den Blättern für deutsche und internationale Politik beschrieben.

Und genau das geschah nun also auch in der Sendung am Sonntag, wie beispielsweise in der taz, im Spiegel oder im Tagesspiegel kritisch angemerkt wird: Uwe Junge stand im Mittelpunkt der Diskussion, dominierte deren Verlauf, niemand hatte im wirklich etwas entgegenzusetzen, sodass das Ganze schließlich als ein Triumphzug rechter Rhetorik und Relativierung zur besten Abendsendezeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen geriet. Und das, wie schon gesagt, vollkommen absehbar, mit Ansage.

Die Hooligans gegen Satzbau habe auf ihrer Facebook-Seite ein treffendes Statement zu diesem Tiefpunkt des Fernseh-Talks präsentiert:

Hallo hart aber fair,na, da haben Sie aber mal hervorragend aufgezeigt, wie rechte Sprache sich etablieren und…

Gepostet von Hooligans Gegen Satzbau am Dienstag, 2. Juli 2019

Darin wird aufgezeigt, wie man vielleicht mit besserer Vorbereitung Uwe Junge hätte auflaufen lassen und ihn als das enttarnen können, was er tatsächlich hinter der vorgespielten bürgerlichen Fassade ist: ein rechter Hetzer, der seine Menschenverachtung regelmäßig ohne jeden Anstand ins Netz rotzt, um so seinen rechtsextremen Anhang aufzugeilen.

Aber wäre das überhaupt beabsichtigt gewesen von Plasberg und seiner Redaktion?

Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass es tatsächlich, wie die Hooligans gegen Satzbau vermuten, Unwissenheit und schlechter Vorbereitung geschuldet war, dass Junge seine Show dermaßen abziehen konnte. Solche Redakteure sind schließlich Medienprofis und keine Vollidioten, denen die Grundlagen der AfD-Kommunikation nicht klar sind. Wenn das Blogger wie Franziska Schutzbach erkennen und treffend analysieren können, dann sollte man das von den Redakteuren eines der prominentesten Talk-Formate des ARD auch erwarten können. Oder vielmehr davon ausgehen, dass die ganz genau wussten, was bei dieser Konstellation in der Sendung passieren würde.

Was diesen Politikjournalisten allerdings auch klar sein dürfte: Die AfD wird dringend gebraucht, um den maroden Marktradikalismus am Leben zu erhalten, da auf diese Weise nicht nur viele kritische Stimmen und Verlierer des Neoliberalismus „aufgefangen“ werden, sondern sich die Parteien der sogenannten Mitte weiter radikalisieren und selbst nach rechts rücken können (das hab ich vor ein paar Jahren hier schon mal ausführlich beschrieben). Und gerade Alphajournalisten, wie sie bei solchen Sendungen wie Hart aber fair tätig sind, haben recht hohe Einkommen und sind daher oft Verfechter, da Profiteuere dieses Marktradikalismus.

Es scheint also gerade genau darum zu gehen, Leuten wie Uwe Junge eine Bühne zu bieten. Dass diese Redakteure damit quasi an ihrem eigenen Ast sägen, da ja die AfD ständig gegen das öffentlich-rechtliche Fernsehen und jede Art der kritischen Berichterstattung wettert, scheint dabei nicht von allzu großer Relevanz zu sein. Wobei dieses Sägen am eigenen Ast ja generell mittlerweile eine sehr weit verbreitete menschliche Untugend ist …

Da das Ganze nun kein einmaliger Ausrutscher ist, sondern die AfD ständig überpräsent im Fernsehen ist, andauernd ihre Kernthemen präsentiert werden (Sozialpolitisches findet sich ja beispielsweise sehr selten in den gängigen Talkshows) und mir auch die ARD vor zweieinhalb Jahren schon mal mit massivem Support für die AfD aufgefallen ist (s. hier), mag ich das Ganze nun nicht für einen Zufall oder eine reine Unbedachtheit halten.

Dabei fände ich die Interpretation der Hooligans gegen Satzbau schon beruhigender als die Vorstellung, dass nicht unerhebliche Teile der öffentlich-rechtlichen Redaktionen sehr darum bemüht sind, die AfD zu supporten und ihr immer wieder Unterstützung angedeihen zu lassen.

Zumindest wird, nachdem sich die CDU ja auch immer offensichtlicher an die AfD ranwanzt, nun umso deutlicher, dass die blaubraune Rechtsaußentruppe ein Kind des politischen und medialen Establishments ist. Dieser Versuch, die Rechten zu eigenen ideologischen Zwecken zu benutzen, ist vor knapp 90 Jahren allerdings schon mal derbe in die Hose gegangen in Deutschland – wie geschichtsvergessen kann man eigentlich sein?

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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