Höcke im ZDF

Wie ja schon vor einiger Zeit in einem Artikel hier auf unterströmt festgestellt, bietet das öffentlich-rechtliche Fernsehen der AfD immer wieder gern mal eine Bühne, um deren Menschenverachtung in die Öffentlichkeit zu posaunen und somit den öffentlichen Diskurs und das, was dabei ohne Scham gesagt werden kann, weiter nach zu verschieben. Leider scheint man da vonseiten der Journalisten nicht sehr lernfähig zu sein, denn nun hat das ZDF sogar den Björn Höcke zum Interview eingeladen. Dabei wollte man den AfD-Rechtsaußen wohl vorführen, indem man ihm präsentiert, dass seine Parteikollegen nicht in der Lage waren, getätigte Aussagen eindeutig Höcke oder Hitler zuzuordnen (s. hier), doch das ging natürlich mal wieder nach hinten los.

Höcke brach das Interview nach kurzer Zeit ab und verließ das Studio – kennt man von den AfD-Leuten ja schon hinreichend beispielsweise von Alice Weidel, und gehört eben auch zu deren Strategie. Sollte man eigentlich erwarten, dass Profijournalisten und -redakteure das mittlerweile auch mitbekommen haben könnten.

Das scheint allerdings nicht der Fall zu sein, denn das Grundproblem bleibt nach wie vor, dass Höcke somit mal wieder vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine Bühne geboten bekommen hat. Und es hat bisher eben auch noch nie geklappt, die AfD auf diese Weise zu „entzaubern“, sondern das Resultat war immer, dass der öffentliche Diskurs weiter nach rechts verschoben wurden, dass die AfD-Begrifflichkeiten ein Stück weiter normal wurden, dass der Rechtsruck weiter befeuert wurde.

Das ist die Kommunikationsstrategie der AfD. Weidel sah vermeintlich auch nicht gut aus, als sie vor ein paar Jahren aus einer Gesprächsrunde gestürmt ist, doch geschadet hat ihr das nicht. Es geht denen darum, den Platz im öffentlichen Diskurs zu besetzen, danach wird das dann schon entsprechend so dargestellt („Wir waren mal wieder das Opfer“, „Die Systemmedien haben uns zum Feind“ usw.), dass der eigene Anhang was zum Abfeiern hat – und man kann sich selbst als Anti-Establishment-Partei (was die AfD ja in keiner Weise ist) darstellen.

Die Versuche, mit Leuten zu diskutieren, deren Absicht es ist, den Diskurs zu zerstören, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt (s. dazu hier und hier – wichtige Artikel, auf die ich ja schon öfter hingewiesen habe). Da dies nun schon öfter zu beobachten war, sollte man meinen, dass sich bei Profijournalisten diese Erkenntnis auch durchgesetzt hätte. Sind die nun einfach nur ein bisschen dämlich oder steckt Absicht dahinter? Ersteres wäre für mich weniger erschreckend, aber leider auch wesentlich unwahrscheinlicher. So ist Höckes Taktik, erst seine Weltanschauung in den Äther zu posaunen und dann abzuzischen, wenn es für ihn nichts mehr zu holen gibt, mal wieder aufgegangen.

Es ist letztlich immer wieder der gleiche „Fehler“: zu glauben, dass man der AfD schadet, indem man sie öffentlich auf sachliche Weise attackiert, um sie als rechtsextrem darzustellen. Das ist nichts Neues, das weiß mittlerweile jeder AfD-Wähler auch, und die AfD kann ihr Opfer-Narrativ und ihren „Wir gegen die Etablierten“-Mythos weiterstricken. Auf dem Feld ist also nichts mehr zu holen – ganz im Gegenteil.

Was hingegen der AfD tatsächlich schaden würde, wäre, sie mal auf sozialpolitische Themen festzunageln. Da liegt sie ja ziemlich auf einer unsozialen Linie mit FDP und CDU, was nur wenigen Wählern der Blaubraunen überhaupt klar sein dürfte, die sich von den rassistischen Parolen und den damit zusammenhängenden Sündenbockmodellen einfangen ließen. Doch genau diese Themensetting findet so gut wie nicht statt. Warum wohl?

Weil man auf diese Weise nämlich auch die marktradikale Regierungspolitik der letzten Jahrzehnte hinterfragen und kritisieren müsste. Und das ist in den Radaktionen, wo halt vor allem eine besser verdienende Wählerklientel von FDP und CDU zugange ist, nicht so richtig angesagt. Es könnte ja den eigenen Besitzstandswahrungsinteressen entgegenlaufen …

Also bietet man der AfD eine Plattform, um diese weiter zu stärken oder zumindest konstant auf ihrem derzeitigen Niveau zu halten. Die Neoliberalen haben nämlich selbst nichts Positives mehr zu bieten, da immer offensichtlicher wird, dass ihr System komplett scheitert (immer mehr Armut und Ungerechtigkeit bei steigender Umweltzerstörung) und dabei die ganze Menschheit zu vernichten droht (Klimakatastrophe). Also braucht man ein inszeniertes Feindbild innerhalb des eigenen Systems, um sich so selbst als „die Guten“ darstellen zu können und die Unzufriedenen von Systemkritik abzuhalten, indem man ihnen ein rassistisches Sammelbecken anbietet (wie ich ja vor einigen Jahren hier schon mal ausführlich schilderte).

Wir müssen uns dabei immer vor Augen halten: Der Neoliberalismus braucht die Demokratie und den Rechtsstaat nicht, das hat man ja schon beim ersten neoliberalen „Großexperiment“ im Pinochet-Chile gesehen. Wenn diese Errungenschaften hinderlich sind, dann werden sie eben zugunsten von oligarchischen (die ohnehin schon im System angelegt sind) und auch totalitären Strukturen ersetzt. Hauptsache, der Religion des Marktradikalismus kann weiter gefrönt werden.

Und anstatt diese Fehlentwicklung aufzugreifen und zu kritisieren, tun leider viel zu viele Journalisten dabei mit, inszenieren immer wieder einen „Theaterdonner“ um die AfD, nur um diese als mittlerweile relevanten systemerhaltenden Bestandteil zu stärken. Fatale Entwicklung – und dazu noch komplett idiotisch, wenn man mal in die AfD-Programme schaut, was diese denn so von freiem Journalismus halten. Aber das ist diesen redaktionellen Schergen anscheinend auch egal …

Druckansicht

Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Er lebt seit vielen Jahren in Hamburg-St. Pauli. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

9 thoughts to “Höcke im ZDF”

  1. Prinzipiell stimme ich dir zu, dass man der AfD zu viel Platz im öffentlichen Raum einräumt. Allerdings sehe ich da eher die vielen Talk Shows, nicht so sehr solche Interviews. Gerade der Höcke-Auftritt und der Umgang des ZDFs mit diesem Mann hat mir gefallen, was man an der Reaktion Höckes sah, dem nämlich klar wurde, dass der Reporter ihn zu Aussagen bringen konnte, die er (noch) nicht tätigen wollte, um den Schein zu wahren.

    Etwas widersprüchlich erscheint mir deine Forderung hier, der AfD gar keinen Raum mehr zu geben, aber dann wiederum doch, wenn es um die sozialen Fragen geht. Entweder verstehe ich da was falsch oder du hast dort einen Weg parat, dies zu tun, ohne als Journalist mit den Funktionären der Partei auch zu reden. Denn das musst du tun, weil du ansonsten nur Parteiprogramme vorlesen müsstest, einseitig interpretieren müsstest.

    Alles in Allem sehe ich die Medien, insbesondere die öffentlich rechtlichen Medien, hier in einer journalistischen Zwickmühle und nun den Medien allein den Schwarzen Peter zuzuschieben, halte ich nicht für hilfreich. Noch mal allerdings: mit deiner prinzipiellen Aussage, dass die AfD zu viel Platz bekommt, stimme ich überein. Ich würde mir mehr Fingerspitzengefühl wünschen seitens der Medien, mehr Position dagegen, aber nicht, dass die Medien sich in Ignoranz üben.

  2. Das ist eher so zu verstehen als ein „wenn schon, dann bitte so“, also um zu zeigen, wie man eben mit der AfD vonseiten der Journalisten umgehen könnte, ohne ihnen und ihrem Kommunikationskonzept dienlich zu sein.

    Einfach immer nur AfDler einzuladen und dann über deren Ausländerfeindlichkeit und rechtsextreme Tendenzen zu sprechen bringt hingegen nichts, denn das ist deren Feld, da wissen sie bei ihrem Anhang zu punkten und können, wie im Artikel beschrieben, die Opferrolle einnehmen.

    Wenn man also nicht konkret mal über Themen wie Sozialpolitik mit der AfD redet, dann sollte man es lassen, da man sich sonst nur zu deren Komplizen macht.

  3. Gerade dieses Interview aber hatte ein ganz anderes Ziel und so erfolgte auch die Einladung dazu. Es ging um die Sprache Höckes, deren Nähe zum Nationalsozialismus und um seine Einstellungen zur Demokratie. M.a.W. gerade hier ist man so herangegangen, wie du es forderst. Deshalb sehe ich eigentlich gerade hier weniger Grund zur Kritik. Es ging nämlich gerade nicht um die Ausländerfeindlichkeit oder sonstige populäre Aussagen zum Thema Migration. Hier ging es um die Substanz und deshalb brach Höcke auch ab, weil er zur Substanz nichts zu sagen hatte oder nur Aussagen hätte tätigen können, die ihn entlarvt hätten. Deshalb brach der Pressesprecher ja auch dieses Interview ab, Höcke vollzog den Abbruch nur.

    Wie gesagt, prinzipiell stimme ich dir zu, nur hier sehe ich wenig Anlass zur Kritik an den Medien.

  4. Ich sehe es eher so, wie der Journalistenverband, denn das entspricht auch meines Eindrucks. Eine Verweigerung der Medien Höcke und andere zu interviewen, käme einer Bankrott-Erklärung sogar gleich, würde denen recht geben, die von gesteuerten Medien sprechen, füge ich von mir aus dazu. Es muss aus meiner Sicht um die Qualität der Berichterstattung gehen – weshalb ich auf die Talk Shows oben hinwies – und nicht um die Quantität. Hier, bei der Qualität, sehe ich Defizite, aber nicht in diesem Interview, sondern in vielen anderen.

  5. Mit denen, die vor allem bestrebt sind, den Diskurs zu sabotieren und zu zerstören, kann man nicht diskutieren, das führt zu nichts (s. auch die beiden im Artikel verlinkten Beiträge zu dem Thema). Das ist so, als würde man beim Sandburgbau auch immer den mitspielen lassen wollen, der nichts anderes im Sinn hat, als die Sandburg zu zerstören. ;o)

    Diese Rolle hat die AfD ja freiwillig gewählt, sogar öffentlich bekräftigt (Gauland vor knapp drei Jahren im ZDF Morgenmagazin). Natürlich würde sie dann quaken, dass sie keiner mitmachen lässt, aber damit wären sie dann wenigstens in ihrer Filterblase allein.

    Wie super es bisher funktioniert hat, der AfD im sachlichen Diskurs zu begegnen, sieht man ja daran, dass diese Partei seitdem nicht eben schwächer geworden ist.

    Insofern bleibe ich dabei: Wenn man mit denen öffentlich redet, dann nur mit richtig harten Bandagen und nur zu Themen, die man selbst vorgibt. Alles andere spielt der AfD in die Karten. Dem Destruktiven kann man eben mit freundlicher Konstruktivität nicht erfolgreich begegnen. Dass das immer wieder versucht wird, ist m. E. eines der größten Mankos der politisch eher links eingestellten.

  6. Ich sage es mal deutlich, aber für mich ist das eine Diskussion, die nur ablenken soll, die damit auch nur zur Polarisierung beiträgt. „Wer redet, schießt nicht!“, sagte man einst und hatte recht. Es ist vielleicht sinnlos, aus dem Reden einen Erfolg dann zu erwarten, aber es unabdingbar in einer Demokratie zu reden und sei es nur, um die Zuhörer zu erreichen, die noch nicht entschieden sind.

    Das Argument, dass durch das Reden miteinander die AfD gestärkt worden ist, lasse ich nicht gelten, es hat nämlich keine Beweiskraft. Hier zu korrelieren, Karl, ist mir zu einfach. Dem könnte ich leicht entgegenhalten, dass man vielleicht nicht genug miteinander geredet hätte, ein Argument ebenso ohne Beweiskraft. Vermutungen helfen jedoch nicht weiter.

    Ich sehe die AfD als Gegenbewegung an und zwar zur Marktgesellschaft. Eine allerdings, die nicht wirklich sich gegen die Marktgesellschaft positioniert, sondern gerade die Sicherheitsverluste durch die Marktgesellschaft in der Bevölkerung für ihre Zwecke instrumentalisiert. Das aufzuzeigen bedingt das Reden, auch miteinander. Ich bin hier mit Adorno einig, dass das Aufzeigen der Konsequenzen des Tuns unabdingbar ist, um das Tun im Vorfeld zu unterbinden und zwar auch das Aufzeigen denen, die das Tun derzeit für richtig halten. Ich werde deshalb weiterhin reden, auch mit denen, die diese Ideologie vertreten. So deutlich wie bisher und ich werde auch die Medien dahingehend in Schutz nehmen, wenn sie dies tun oder nur versuchen zu tun. So wie das ZDF-Interview, welches ein erster Versuch dazu war, genau das zu tun, was du im letzten Kommentar gefordert hast, nämlich zielgerichtet zu interviewen.

    Genau das war beabsichtigt und weil das so war, so meine Interpretation, und nicht auf Gefallen von Höcke traf (besser seinem Pressesprecher) wurde es auch einseitig abgebrochen. Dass hier mehr Professionalität des Interviewers gewünscht wäre, das beklage ich auch, allerdings sehe ich das auch als Lernprozess an und sie war allemal besser, als die von Lanz, Maischberger und Co. Ich werde auch zukünftig genau deshalb hinschauen und in meiner Kritik differenziert bleiben. Eine weitere Polarisierung allerdings lehne ich ab, die nützt nämlich nur der AfD, denn sie treibt die zusammen mit dem Mainstream, die eigentlich geeignet wären eine wirkliche Gegenbewegung zum Neoliberalismus zu organisieren.

    Unteilt ist für mich nämlich keine Gegenbewegung, wie auch Pulse of europe keine ist. Das sind nur Sammelbecken derer, die sich nun von Rechts bedroht sehen, die Bedrohung der Marktgesellschaft aber dadurch nicht mehr erkennen können oder wollen. Die Auseinandersetzung mit der AfD sehe ich auch deshalb als zwingend an, eben um die wahren Unterschiede deutlich machen zu können. Gerade wenn ich sehe, wie nah doch CDU/CSU und FDP an den Positionen der AfD sind, scheint es mir dringend geboten diese Positionen auch herauszuarbeiten und das geht nur, wenn man sich mit den Positionen der AfD auch öffentlich auseinander setzt. Das ist die Aufgabe der Medien und davon sollten wird sie nicht freisprechen oder sogar freistellen. Kritisch begleiten ist das Gebot der Stunde, nicht Verweigerung.

  7. Erster! Mist, doch nicht.
    Da ist ja schon einiges an Worten geschrieben, was kann ich dazu noch beitragen?

    Wir diskutieren Meinungen, so wie der Untertitel dieses Blogs: „Meinung statt Mainstream“. Da ist es mit richtig oder falsch schon mal nicht weit her, also jeder kann weiter agieren, wie er oder sie es hier für richtig hält. Meiner Meinung nach, war die erste Aktion des Interviews daneben: Parteikameraden fragen, ob Zitate von Hitler oder Höcke sind (wer stellt in Frage, dass Höcke NSDAP-Sprech betreibt?). Was soll das? Dämonisieren? Als wenn das seine Anhänger stört, diente wohl eher der zu erwartenden Entrüstung derer, die so oder so ein klares Bild von ihm haben. Es ist platt, nicht mehr und nicht weniger, hätte ich von extra3 als Unterhaltung erwartet.

    Das restliche Interview war aus meiner Sicht zu einseitig auf seine Sprache und Wortwahl reduziert, die man ja fast täglich in den Medien serviert bekommt. Wem muss man das „erklären“? Es ist ein Ansatz, da er so kaum einen Ansatz hat inhaltlich zu punkten, aber am Ende fehlt mir die Substanz.

    Die Opferrolle werden wir der AfD auch nicht austreiben: Lasse ich sie links (ich meine natürlich rechts) liegen: Opfer. Spricht man sie direkt auf ihre rechte Gesinnung an, wird man als „Lügenpresse“ diffamiert oder es kommt die Nazikeule („Nur weil ich AfD …“). Ich sehe kein reale Möglichkeit einen AfD Anhänger durch Demaskierung zu einem Wechsel zu bewegen, oder zumindest fast keine.

    Daher kann ich nur eine langfristige Strategie zur Schwächung der AfD anbieten: Eine Politik, die auf soziale Teilhabe basiert, niemanden ausgrenzt und natürlich auch ökonomisch mehr Gleichheit herstellt. Gerne auch mit einer Schulbildung, die Zugang zu den Menschen findet und früh politisch aufklärt. So lange das nicht erreicht ist, werden wir mit den unzufriedenen, ängstlichen und zornigen (habe ich „besorgt“ vergessen? Wohl absichtlich) Bürgern leben müssen. Aber reden geht aus meiner Sicht auch immer, zumindest persönlich, eine Bühne werde ich nicht bieten.

Schreibe einen Kommentar