Erwartet nicht zu viel, umso weniger werdet ihr enttäuscht werden

Es wird keinen Richtungswechsel auf absehbare Zeit geben. Weder bei der Mobilität noch in der Bewirtschaftung des Waldes oder gar in der Landwirtschaft, auch nicht bei der Tierhaltung oder was auch immer einen solchen verlangen wird. Es wird bei Anpassungen bleiben, bei ein wenig Stellschrauben drehen. Wirkliche Richtungsänderung sind sehr unwahrscheinlich, besonders im Lande des Mythos einer sozialen Marktwirtschaft und bei diesen vielen, vielen Mystikern hier.

Warum?

Ein Richtungswechsel würde das Primat der Politik voraussetzen, und dem steht die Marktwirtschaft entgegen, die nämlich das Primat der Märkte ist und nichts anderes letztendlich auch durchzusetzen weiß.

Märkte sind auf Anpassung gepolt, und zwar auf Anpassung an die Märkte, nicht an die gesellschaftlichen Notwendigkeiten. Der Preis ist ihr Steuerungselement, und Preise müssen sich immer auf Märkten rechtfertigen, nicht gesellschaftlich. Die Gesellschaft hat sich an diese Preise anzupassen, fast nie umgekehrt, seit es der Ökonomie gelungen war, der Natur und der Arbeitskraft einen Marktpreis zuzuordnen, einen fiktiven Preis, wie Karl Polanyi, Wirtschaftshistoriker, es schon in den 1940er-Jahren zu Recht benannt hatte, seit die Ökonomie die soziale Frage zu einer ökonomischen Frage machen konnte, sie entpolitisieren konnte.

Die Interessen der Gesellschaft interessieren die Marktwirtschaft und ihre Vertreter nur dann, wenn sie nicht mehr zu leugnen sind und wenn sie dadurch zu einer Gefahr für die Märkte und die Marktwirtschaftler werden, wenn, wie ich es sage, „Marktwirtschaft auf die Realität trifft“, die Verwerfungen über Gegenbewegungen (Polanyi) zu einem Preisverfall führen könnten. Man bedenke dabei, dass Preise letztendlich Einkommen darstellen, der Preis deshalb auch „heiß“ sein muss!

Greta Thunbergs Leistungen sind enorm, aber sie reichen nicht aus, denn eines scheinen mir die Kids auch noch nicht verstanden zu haben, den richtigen Adressaten zu benennen: die Marktwirtschaft.

Es ist die Marktwirtschaft, die seit mehr als 200 Jahren den Kapitalismus in eine hässliche und gefährliche Richtung geleitet hatte, weil die Preise die Richtung bestimmen und nicht mehr die Vernunft. Das zu erkennen wird überlebenswichtig werden, und erst wenn die Bewegungen dies erkennen, werden sie auch dagegenhalten können, werden sie vielleicht den Richtungswechsel auch einleiten können. Bisher sehe ich das nicht, was allerdings kein Vorwurf ist. Zu groß ist die Mystifizierung der Marktwirtschaft, die Verklärung und Verbrämung des Kapitalismus, die Ideologisierung auf allen Seiten.

Deshalb erwartet nicht zu viel, damit eure Enttäuschung nicht zu groß wird, euer Zorn sich in Grenzen halten kann, nicht auch noch zu Wut und Hass und vielleicht dann Gewalt wird. Adressiert richtig und helft mit die Gesellschaft des Preises wieder zu einer Gesellschaft des politischen und damit demokratischen Willens zu machen. Ich jedenfalls werde mich bemühen, dies zu unterstützen.

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Heinz

Jahrgang 1958, am Leben interessiert, auch an dem anderer Menschen, von Rückschlägen geprägt. Nach diversen Tätigkeiten im Außendienst für mehrere Finanzdienstleister und zuletzt als Lehrkraft auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ökonomie und Gesellschaft, den Kapitalismus in all seinen Formen zu verstehen und seit Jahren zu erklären ist meine Motivation. Denn ich glaube, nur wer versteht, wird auch Mittel finden, die Welt zu einer besseren Welt zu machen. Leid und Elend haben ihre Ursache im Unverständnis.

2 thoughts to “Erwartet nicht zu viel, umso weniger werdet ihr enttäuscht werden”

  1. Vielleicht wissen die jungen Organisatoren von FFF schon, wer die eigentlichen Verursacher unserer marktorientierten Wirtschaft sind, die auf Ausbeutung und Dumping beruhen. Vielleicht wissen sie im gleichen Atemzug aber auch, dass ein Apell in die Richtung nur über das Konsumverhalten zu bewerkstelligen wäre und nehmen daher den einfacheren Weg: Alle Industrien über die Politik und einherrgehenden Gesetzen zu regulieren. Vielleicht.
    Was sicherlich bei einem Großteil der Kids noch nicht so klar ist: Jeder Einkaufsbeleg ist ein Stimmzettel und jeder Griff zum Mobiltelefon ebenfalls. Wenn ich also bei McDonalds esse (schaut Euch mal die Tierhaltung großer Ketten an), meine Klamotten nach modischen Kriterien zusammenkaufe und auch wieder aussortiere (und damit unnötigen Müll und Transporte fabriziere) und für jeden Quark das Internet nutze (das kostet nicht nur das Mobiltelefon Energie, sondern auch den Antennen und Servern, von denen wir Informationen abrufen), dann trage ich maßgeblich im Rahmen meiner Möglichkeiten zum Klimawandel bei.
    Am Ende bin ich auch nicht sicher, ob Enttäuschung und Zorn nicht auch ein gute Motor für den wöchentlichen Protest und die bewundernswerte Ausdauer der Kids sind: How dare you. Weiter so FFF …

  2. Enttäuschung und Zorn sind der Motor für den wöchentlichen Protest, da bin ich sicher, Dirk.
    Natürlich ist eigenes Verhalten zwingend zu verändern, auch das wissen die Kids und ich denke schon, dass die, die an den Protesten teilnehmen, dies durchaus auch ihren Möglichkeiten entsprechend verändern. Nur seien wir ehrlich, die Möglichkeiten sind doch sehr begrenzt in dieser Informations- und Kommunikationsgesellschaft.
    Was ich nicht glaube, ist, dass sie wirklich den wahren „Feind“ erkannt haben. Das erwarte ich auch gar nicht, denn diesen zu erkennen, ist ja auch schwer. Der wahre „Feind“ ist die Marktwirtschaft, der Anspruch dieser Wirtschaftsform alles über Preise regeln zu müssen und auch zu können. Woher sollen sie das auch wissen, wird ihnen doch täglich beigebracht, dass nur freie Märkte ihre Freiheit auch schützen könnten, das Freiheit auf Märkten auch die Freiheit des Menschen bedeutet. Diesem Irrtum der Gesellschaft sind sie doch völlig schutzlos ausgeliefert.
    Deshalb wird es Zeit, diesen Irrtum zu benennen, zu beseitigen, auch um der Bewegung eine Richtung zu geben, wo sie über Forderungen hinaus wirken kann.

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