Schwedischer Reichsbank-Preis

Vorweg, ich halte von diesem Preis der schwedischen Reichsbänker, die als Trittbrettfahrer des Nobelpreises auftreten, sich mit fremden Federn schmücken, gar nichts. Aber die meisten Kommentare, die ich zu lesen bekam bei der Beurteilung dieser aktuellen Preisträger und ihrer Projekte, grenzen an Unsinn, sind Kritik nur der Kritik wegen.

Warum?

Weil sie etwas bewerten, was sie selbst nicht verstehen. Ulrike Herrmann beispielsweise, stellvertretend für viele ähnliche Äußerungen hier erwähnt, ließ sich zu einem Verriss in der taz hinreißen. Sie ließ sich sogar dazu hinreißen, von sogenannten Mikroökonomen zu schreiben, in dem sie Anführungszeichen benutzt, wahrscheinlich weil hier die Abwertung dieses Teilbereiches der Ökonomie durch diese reine Makroökonomin wohl Programm ist. Ärgerlich, denn auf der makroökonomischen Ebene schätze ich sie sehr, überschätze sie allerdings nicht.

Mikroökonomie ist ein Feld der Ökonomie, auf dem Fragen nach Währungen und Steuerflucht gar keine Rolle spielen, spielen können, dazu ist diese Ebene handwerklich gar nicht ausgerüstet. Das ist deshalb auch nicht Anspruch der Mikroökonomie. Die Mikroökonomie erklärt die Tauschvorgänge auf Märkten, nicht mehr und nicht weniger. Sie ist dort, bei diesen Vorgängen, von Bedeutung.

Sie kennt kein Geld außerhalb der Tauschfunktion des Geldes. Sie ist reine Tauschwirtschaft. Und dennoch spielen die Ergebnisse, welche bei Betrachtungen der Mikroökonomie gefunden werden, eine große Rolle für Entscheidungen. Denn – den Makroökonomen ins Stammbuch geschrieben – nicht alles, was ökonomisch relevant ist, ist durch Geld und Währung gesteuert.

Im Gegenteil, die meisten Entscheidungen auf Märkten finden unter tauschwirtschaftlichen Bedingungen statt. Dann nämlich, wenn der Mensch auf dem Markt kauft oder verkauft, in der direkten Lebenswirklichkeit. Er tauscht Geld gegen Ware oder Ware gegen Geld. Makroökonomisch ist dies gar nicht zu erklären. Dazu braucht man die Mikroökonomie, denn genau hier ist ihr Tätigkeitsfeld, hier haben die drei Preisträger geforscht.

Gerade dieser Tage wäre ich froh, wenn mehr Mikroökonomen sich äußern würden, gerade dann, wenn es um politische Entscheidungen geht, welche auf die Märkte Einfluss nehmen, auf die Beziehungen zwischen Käufern und Verkäufern, auf die Auswirkungen auf die unterschiedliche Vielfalt von privaten Haushalten und auch Unternehmen, auf die Beziehungen, in denen Märkte zueinander stehen. Hier versagt nämlich die Makroökonomie kläglich, muss sie versagen, weil sie das notwendige Rüstzeug gar nicht hat, um diese Prozesse im Detail zu erklären. Mit der Lebenswirklichkeit der Menschen kann nämlich die Makroökonomie nichts anfangen, die fast sie zu Aggregaten und Strömen zusammen, den Mensch ebenso wie die Güter- und Geldströme. Der Einzelne geht darin unter, und das obwohl doch jeder Mensch Bedeutung haben sollte, auch für Ökonomen, auch solche, die sich meinen, journalistisch zu betätigen.

Neuland

Was weiterhin völlig zu kurz kommt bei der Beurteilung der Preisträger, ist, dass diese Ökonomen nicht für die praktischen Ergebnisse geehrt worden sind, die sie bisher in ihren Experimenten nachweisen konnten. Sie sind für das Betreten von Neuland in der Ökonomie geehrt worden. Ökonomie ist hier zum ersten Male experimentell betrieben worden, jenseits des rein theoretischen Kalküls, jenseits einer vorgegebenen Denkweise und Ideologie.

Ich sage: endlich!

Denn Modelle und die Irrtümer aus Modellen, welche meist auf Ideologien und deren Irrtümern beruhen, haben schon genügend Schaden angerichtet, gerade weil sie quasi als Glaskugel ex-ante Behauptungen aufstellen, die ex-post dann erst falsifiziert, selten verifiziert, werden. Ihre unzweifelhaften Stärken liegen ex-post, nicht ex-ante. Sie schaden deshalb, weil sie ex-ante überbetonen im Neoliberalismus (der gegenwärtig mächtigen Ideologie), zumeist auf der Mikroebene, also da, wo wir alle handeln, weil wir dort leben und nicht in den Türmen der intellektuellen Theorie, dem Wunschdenken des Intellektuellen, dem oft Um-jeden-Preis-recht-haben-Müssen, Recht-behalten-Müssen. Die CO2-Diskussion sei hier mal stellvertretend erwähnt, die mikroökonomisch ganz andere Ergebnisse ergibt, als man oft hier makroökonomisch behauptet liest, die mich fast jeden Tag meine Haare raufen lässt ob des behaupteten Unsinns, den ich von Gegnern wie von Befürwortern zu lesen bekomme.

Dass es da dann, wenn man Neuland betritt, wie diese drei Ökonomen, auch Ergebnisse gibt, die man in anderen Wissenschaften (beispielsweise der Pädagogik) schon hatte, spricht nicht gegen dieses Vorgehen, sondern, im Gegenteil, bestätigt dieses andere Vorgehen in seiner Methode.
Wie so oft muss ich feststellen, dass in den Redaktionen über Ökonomie nur wenig gewusst, aber viel behauptet wird und noch mehr durcheinandergewürfelt wird.

Von Ulrike Herrmann hätte ich hier mehr erwartet, allgemein hätte ich mehr erwartet. Aber das meine Erwartungen hier enttäuscht worden sind, das liegt wohl am System der universitären Ausbildung, wo Makroökonomen gezüchtet werden, meist neoliberale Makroökonomen, Mikroökonomie wohl nur noch als Schein abgehakt wird, wenn überhaupt noch Scheine nötig sind, wo Betriebswirtschaft die Mikroökonomie fast völlig verdrängt hat, Betriebswirtschaft, die Wissenschaft der Mesoebene, nicht der Mikroebene.

Ich jedenfalls freue mich diesmal über die Preisträger, weil ich mich immer freue, wenn „Denken ohne Geländer“ (Hannah Arendt) stattfindet, wenn Neuland betreten wird, wenn Scheitern deshalb auch möglich ist. Nichts ödet mich nämlich so an, wie dieses Nicht-scheitern-Dürfen in dieser Gesellschaft, dieses infolgedessen Nicht-mehr-experimentieren-Dürfen, diese Alternativlosigkeit in Politik und Gesellschaft, diese Kritik nur der Kritik wegen.

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Heinz

Jahrgang 1958, am Leben interessiert, auch an dem anderer Menschen, von Rückschlägen geprägt. Nach diversen Tätigkeiten im Außendienst für mehrere Finanzdienstleister und zuletzt als Lehrkraft auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ökonomie und Gesellschaft, den Kapitalismus in all seinen Formen zu verstehen und seit Jahren zu erklären ist meine Motivation. Denn ich glaube, nur wer versteht, wird auch Mittel finden, die Welt zu einer besseren Welt zu machen. Leid und Elend haben ihre Ursache im Unverständnis.

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