Geschichten und ihre Erzähler

Menschen lieben Geschichten, haben sie immer geliebt. Und Menschen lieben deshalb auch den, der die unterhaltsamsten Geschichten erzählen kann, und nicht den Langweiler, auch wenn der vielleicht die bessere Geschichte zu erzählen weiß. Vor allem aber lieben sie die, die ihnen auch das Happy End gleich mit erzählen, und zwar von Anfang an der Geschichte.

Geschichten prägen uns und führen uns. Neue Geschichte und alte Geschichte über uns und die Welt bestimmen unsere Weltsicht und unsere Persönlichkeit.

Geschichten sind zentral in unserem Leben und für unser Leben

Es kommt fast nur auf sie an, ob wir uns gut fühlen oder schlecht, ob wir uns gruseln oder freuen, ob wir handeln oder nicht, wie wir handeln. Geschichten sind das Zentrum, um das wir kreisen, um das alles kreist, die entscheiden, was wir Menschen tun oder lassen, wünschen, hoffen oder im Extrem sogar hassen.

Wir erzählen uns die Vergangenheit und lassen sie uns erzählen

Egal, ob im rein Privaten oder im gesellschaftlichen Kontext, wir selbst sind alles Geschichtenerzähler. Wir erzählen anderen und uns unsere eigene Geschichte und, wenn wir über mehr erzählen als uns selbst, auch die Geschichte unserer kleinen und großen Welt. Den Geschichten, denen wir dann Glauben schenken, weisen wir zu, Wahrheit zu sein, und was wir selbst uns und anderen erzählen ist damit immer die Wahrheit, jedenfalls so, wie wir sie sehen, weil wir sie uns so erzählen.

Den Geschichten, denen wir keinen Glauben schenken, weisen wir die Lüge zu, bestenfalls aber, dass sie falsch sind, der Erzähler sich irrt.

Wahrheit und Lüge sind nichts anderes als Geschichten, die wir entsprechend bewertet haben. Wie gut wir bewerten, wie gut wir bewerten können, ist dabei dann ebenso entscheidend, wie unser Vertrauen in die, die wir bewerten lassen, deren Bewertung wir Glauben schenken. Wie gut wir bewerten, hängt von unserer Faktenbasis ab, ob sie vollständig ist oder ob sie zu große Lücken hat, ob die Fakten wirklich Fakten sind oder nicht nur selbst Lügen oder Träume.

Wir erzählen uns unsere Zukunft, ebenso wie wir uns die Vergangenheit erzählen

Wir greifen dazu auf die Erzählungen von gestern und vorgestern, auch auf vorvorgestern zurück, projizieren in die Zukunft und tun so, als ob die Zukunft vor uns liegen würde wie ein offenes Buch.

Wir präferieren Geschichten mit Happy End

Deshalb erzählen wir uns das Happy End immer mit, lassen es uns immer mit erzählen, mindestens versprechen. Sei es das in der Vergangenheit oder das in der Zukunft. Die Geschichte selbst wird dabei immer weniger wichtig, je länger sie in der Vergangenheit liegt oder je ferner sie in der Zukunft spielt. Das Happy End ist entscheidend. Keine gute Geschichte ohne Happy End. Kein guter Geschichtenerzähler, der nicht das Happy End mit zu erzählen weiß.

Männer und Frauen, die das wissen, die Geschichten erzählen können, das Happy End immer mit erzählen, möglichst schon am Anfang ihrer Geschichte, sind deshalb auch immer im Vorteil denen gegenüber, die die Geschichte erzählen und das Happy End erst ans Ende der Geschichte stellen, die von Müh und Plag erzählen, die von Tälern der Tränen berichten, bevor der Held das Burgfräulein freien oder den Ring in den Vulkan werfen kann. Wir lieben Geschichten, die uns von Anfang an klarmachen, das sie gut ausgehen werden, wie realitätsnah oder -fern sie auch immer sein mögen. Und wir lieben die, die uns diese Geschichten erzählen.

Politiker

Johnson und Trump und einige andere sind solche Geschichtenerzähler, Geschichtenerzähler, denen das Intellektuelle zwar meist abgeht, die aber dennoch mehr bewirken als man ihnen zugetraut hätte, wenn es wirklich nach Verstand und Vernunft ginge auf dieser Welt. Sie bedienen die Emotionen, sie behaupten das Happy End, dann nämlich, wenn man ihrer Geschichte Glauben schenkt und das von Anfang an.

Parteien

Parteien, die sich als Geschichtenerzähler profilieren können, sind deshalb auch erfolgreicher, als die, die keine erzählen können oder nur eine ohne schnelles Happy End. Deshalb gehen auch Wahlen derzeit so aus, wie sie ausgehen. Die besser erzählten Geschichten – manchmal auch aus dem Horror-Genre – setzen sich auch hier gegen die schlechter erzählten Geschichten durch, vor allem dann, wenn sie auf Geschichten aus der Vergangenheit verweisen können.

Halbwertzeiten

Auch deshalb halten sich Geschichten aus der Vergangenheit so gut und lange, auch wenn sie selbst den Fakten der Historie nicht standhalten. Die soziale Marktwirtschaft etwa, die nie sozial war, sondern Marktwirtschaft in einem für die damaligen Geschichtenerzähler positiven Umfeld. Das Happy End, von Erhard gleich mit erzählt, Wohlstand für alle, hat sich zwar nie eingestellt, aber was soll’s, Hauptsache ist, es kann immer wieder erzählt werden.

Wie die 40-DM-Legende, die ja alle bekommen hätten, die die einen nutzten und die anderen verschwendeten, sodass die, die sie nutzten, nun auch zu Recht zu den Reichen, die anderen zu den nicht so Wohlhabenden oder gar den Armen gehören, die Geschichte der Leistungsgesellschaft, die damit ihren Anfang nahm und eigentlich ihr Ende, schaut man auf die historischen Fakten dazu. Eine Geschichte allerdings, die nur noch die Älteren unter uns wohl kennen, für die Schröder mit seiner Geschichte von den viel zu vielen Faulen im Lande, denen er nun zu Leibe rücken will, für die Jüngeren unter uns Ersatz geschaffen hatte, flankiert von der Geschichte über die angebliche spätrömische Dekadenz (eine alte Geschichte in neuem Gewande), welche Westerwelle und seine FDP ins deutsche Selbstverständnis schrieben, die angeblichen Leistungsträger damit zu rechtfertigen, der Neiddebatte neues Futter gegeben.

Die Geschichte der Null ist wohl derzeit die populärste aller Geschichten, immer mit dem Happy End verbunden, dass alles gut ist und gut bleibt, wenn die Null am Ende stehen bleibt. Und wer will schon, dass es nicht mehr gut ist, dass es schlecht werden könnte? Niemand, und weil diese Geschichte mit Happy End einer ohne klassisches Happy End gegenübersteht, wird diese Geschichte wohl auch noch lange Zeit erzählt werden, solange jedenfalls, wie man dieses Happy End auch noch behaupten kann, auch wenn es lange schon kein Happy End mehr ist. Die Geschichte ist wichtig, das Happy End ist wichtig, die Realität kann man ruhig eine andere sein lassen.

Die Geschichte von der Islamisierung des Abendlandes etwa, von der „Umvolkung“, wie sie die AfD erzählt oder die Geschichte des bösen Russen, wie sie nun seit Jahren wieder von der Nato verbreitet wird, um sich Ressourcen zu sichern, die anderweitig sicher besser verwendet werden könnten, die aber anscheinend nicht ausreicht, denn der böse Chinese muss nun auch geliefert werden. Fakten sucht man meist vergeblich, und wenn man sie findet, sind es nicht die, die diesen Geschichten zugrunde liegen, aber das ist nicht wichtig. Was zählt, ist die Geschichte und das versprochene Happy End und wie gut diese Geschichten erzählt werden.

Auch Greta Thunberg erzählt eine Geschichte, eine ohne eingebautes Happy End allerdings. Eine von Anstrengungen, von Tränen, eine des Untergangs, eine mit (noch) offenem Ende. Auch sie führt damit, veranlasst zum Handeln, dafür oder dagegen, gehandelt wird auch hier, und das nur deshalb, weil sie die Geschichte besser erzählen kann als die, die sie seit Jahrzehnten schon erzählen, nur nicht gut genug, nicht so gut, wie es Greta Thunberg nun seit mehr als einem Jahr vormacht, wie man es richtig macht. Nur wirklich geliebt wird sie dafür nicht, denn ein Happy End, das kann und will sie uns auch nicht liefern. Das verlangt sie vom Publikum, ganz im Sinne Brechts:

„Verehrtes Publikum, jetzt kein Verdruss: Wir wissen wohl, das ist kein rechter Schluss. (…) Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen Den Vorhang zu und alle Fragen offen. (…) Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss! Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!“ Bertolt Brecht. Der gute Mensch von Sezuan

Kein Wunder also, dass sie von den einen geliebt wird und von den anderen gehasst wird, je nachdem, welchen Schluss man für den Richtigen hält, welchen Weg man dafür zu beschreiten denkt, welchen Geschichten man letztendlich glaubt.

Die Realität ist nicht wichtig

Geschichten und Geschichtenerzähler und nichts anderes bestimmen unsere Welt, und nur manchmal stimmen die Geschichten auch mit der Realität überein, sind sie nicht entsprechend der Interessen verändert worden von den Geschichtenerzählern. Nur manchmal werden Geschichten erzählt – und diesen Geschichten wird dann auch gefolgt -, die wirklich Substanz haben, weil sie wirklich das Leben der Menschen verbessern konnten. Willy Brandts und Egon Bahrs Erzählung vom Wandel durch Annäherung war so eine, und die ist lange her, viel zu lange her, und wohin uns das Happy End geführt hat, was die anderen Geschichtenerzähler dann daraus gemacht hatten, das sehen wir ja gerade im immer noch geteilten, vielleicht sogar geteilteren Deutschland, in der EU, in der Nato, in den neuen, alten Konflikten, die mir jeden Tag die Haare zu Berge stehen ließen, hätte ich noch genügend davon.

Es fehlt an guten Geschichten, an neuen Geschichten mit Happy End, es fehlt an Menschen, die diese guten Geschichten auch gut erzählen können. Es fehlt aber auch an denen, die die alten, eingefärbten, schöngefärbten Geschichten entfärben können, damit diese Geschichten durch neue, bessere Geschichten ersetzt werden können. Und es fehlt an denen, die Geschichten erfinden, die auf die vielen apokalyptischen Geschichten endlich einmal eine Antwort geben, möglichst eine mit Happy End.

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Heinz

Jahrgang 1958, am Leben interessiert, auch an dem anderer Menschen, von Rückschlägen geprägt. Nach diversen Tätigkeiten im Außendienst für mehrere Finanzdienstleister und zuletzt als Lehrkraft auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ökonomie und Gesellschaft, den Kapitalismus in all seinen Formen zu verstehen und seit Jahren zu erklären ist meine Motivation. Denn ich glaube, nur wer versteht, wird auch Mittel finden, die Welt zu einer besseren Welt zu machen. Leid und Elend haben ihre Ursache im Unverständnis.

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