Alzheimer, Bildung und Digitalisierung

Es scheint ein unbegrenztes Vertrauen in die Digitalisierung zu geben, hört man Politikern wie Kretschmann von den Grünen zu oder dem Philosophen Precht. Beide meinen nämlich, vieles zukünftig der Maschine überlassen zu können, überlassen zu müssen, Kretschmann sogar Rechtschreibung und – schlimmer – die Grammatik. Ein fatales Wirken dieser Meinungsmacher, ein gefährliches noch dazu.

Ja, es stimmt, Vieles, was wir in der Schule lehren, was ich schon in der Schule lernen musste, hat wenig mit dem zu tun, was im täglichen Leben, im Privaten wie im Beruflichen, wirklich Anwendung findet. Dass es damit sinnlos wäre, es gelehrt zu bekommen, das bestreite ich jedoch. Weder unsere Sprache richtig zu lernen, in Schrift wie in Grammatik, kann ich als sinnlos empfinden, wie Kretschmann es suggeriert, noch dass Mathematik nur noch angedeutet werden sollte, wie Precht meint, weil beide auf die Maschine setzen, die Zukunft in der Maschine sehen. Nein, im Gegenteil, beides halte ich für sehr wichtig, so wichtig sogar, dass ich dafür plädiere, es wieder mehr und besser und intensiver und vor allem ohne die vielen technischen Hilfsmittel, die uns zur Verfügung stehen, die menschliches Denken ersetzen können, zu lehren und von unseren Kindern lernen zu lassen. Der Mensch kann nämlich gar nicht zu viel wissen, eher das Gegenteil ist doch meist der Fall. Darüber hinaus ist der Mensch keine Maschine, die man nur mit den Informationen füttert, die man für die Produktion braucht. Von einem Philosophen und einem Politiker, noch dazu von einem pädagogisch ausgebildeten Politiker, hätte ich deshalb mehr erwartet als diesen Unsinn, den ihre Einlassungen in meinen Augen darstellen.

Das menschliche Gehirn ist kein Computer

Es ist nicht einmal mit diesem vergleichbar. Während der Computer, auch der größte, im Speicherplatz begrenzt ist, ist das menschliche Gehirn praktisch unendlich im Speichervermögen, vergrößert sich der potenzielle Speicherplatz mit jeder Speicherung von neuem Wissen, neuem Erlernten und neuem Angewandten.

Neurologen wissen das, Politiker, die meisten Medien und leider auch viele Pädagogen scheinen dieses Wissen jedoch zu ignorieren, wie der anscheinend unbegrenzte Glaube an die Digitalisierung der Schulen – ich schrieb schon des Öfteren darüber – mir täglich aufs Neue vor Augen führt. Dass das fatale Folgen haben könnte und, wie ich glaube, auch haben wird, auch darüber schrieb ich schon des Öfteren. Eine Folge, eine sehr wesentliche Folge, habe ich aber noch nicht erwähnt: Alzheimer.

Alzheimer

Alzheimer ist eine Krankheit, die – auch das wissen die Neurowissenschaftler – umso später ihre Symptome zeigt, je mehr der Mensch vorher sein Gehirn benutzt hatte, also Synapsen bilden konnte. Es kann sogar sein, dass ein Gehirn nach dem Tod des Menschen, auch eines sehr alten Menschen, bei der Obduktion dann zeigt, dass es voll von Alzheimer steckt, der Mensch aber selbst nie auch nur das kleinste Symptom zeigte, welches diese Krankheit so schrecklich macht für den Menschen selbst, aber vor allem für die Angehörigen, welches sie so teuer werden lässt für die Gesellschaft. Warum? Weil dieser Mensch sein Gehirn benutzte, und zwar viel und bewusst und vor allem von Anfang an und ohne viel Zeit auf digitale Medien zu verschwenden.

Schon die bisherigen digitalen Angebote, angefangen beim TV, haben Schaden anrichten können, gerade weil sie Zeit verbrauchten, die für die Synapsen-Bildung besser verwendet worden wäre. Bilder von Kindern, die viel fernsehen, und von Kindern, die weniger fernsehen, machen dies deutlich. Körper werden schnell zu Strichen, wenn das Kind zu viel digitale „Kost“ verzehren durfte. Das ist längst in Studien nachgewiesen, nur scheint es die Politik wenig zu interessieren. Leider!

Zur Erinnerung

Synapsen bilden sich bei Kindern und Jugendlichen (auch bei Erwachsenen) aber nicht mehr ausreichend, wenn auf das Schreiben mit der Hand, das Lesen mit den Augen, das Begreifen mit den Händen, die ganze Motorik, kurz die Grundfähigkeiten des Menschen, in der Schule mehr oder weniger verzichtet wird, wenn man meint, hier durch Computer das Kopfrechnen, das Mit-der-Hand-Schreiben, das Mit-den-Augen-Lesen, das Kreative der Kunst und der Musik sowie die Motorik des Sports ersetzen zu können. Auch das hatte ich schon mehrfach hier geschrieben.

Schlimmer noch, alles was man den Kindern hier vorenthält in der Grundschule, in den weiterführenden Schulen bis hin zum Abitur, kann der Erwachsene nicht mehr nachholen. Gerade deshalb, weil man Fehler, die bei der Entwicklung des Gehirns von Kindern und Jugendlichen gemacht worden sind, nicht mehr vollständig korrigieren kann, ist es so wichtig, dies alles zu lehren und über Wiederholungen dafür Sorge zu tragen, dass es möglichst gut eingeübt werden kann.

Dafür braucht man Lehrer, kleine Klassen, aber keine Computer an den Schulen, kein Google und kein Yahoo. Dafür braucht man die Rechtschreibung, die Grammatik, die Mathematik und andere Fächer, möglichst breit gestreut im Wissen und den zu vermittelnden Fähigkeiten. Synapsen-Bildung, darauf kommt es an, insbesondere dazu sind Schulen beauftragt, sollten sie wieder mehr beauftragt und befähigt werden. Die Digitalisierung, das Abspecken von zu vermittelnden Fähigkeiten à la Kretschmann und Precht sind Bärendienste an den jungen Menschen und letztendlich auch an der Gesellschaft. Ich kann dies gar nicht deutlich genug sagen.

Alzheimer und Digitalisierung

Wenn die Neurowissenschaften richtig liegen, so schaffen wir uns gerade eine Generation von normierten, aber nicht mehr wirklich gebildeten und vor allem nicht mehr wirklich zum Denken fähigen Menschen. Obendrein, wir könnten uns eine Generation von Alzheimerpatienten, von immer jüngeren Alzheimerpatienten, schaffen.

Denn das sagt die Logik uns: Wenn immer mehr Menschen mit immer weniger Synapsen-Verbindungen in dieser Gesellschaft leben, so bricht die Krankheit früher und vermehrt aus und schafft die bekannten Probleme für die Betroffenen, die Angehörigen, aber auch für die Gesellschaft. Ein Grund mehr für mich, mich kritisch gegen die geplante Digitalisierung der schulischen Bildung – nicht gegen die Digitalisierung per se – zu stellen.

Wäre es nicht vernünftig, weil logisch, dies zu berücksichtigen, und zwar bevor man jetzt Milliarden an Geldern in die Schulen pumpt, den Digitalkonzernen in den Rachen wirft?

Ich meine, ja.

Wäre es nicht vernünftiger, diese Milliarden dort einzusetzen, wo sie uns helfen würden, den Kindern wirklich eine gute Bildung und auch eine gute Gesundheit angedeihen zu lassen?

Auch hier meine ich, eindeutig mit Ja antworten zu können.

Konzernmacht, Lobbyismus und Panik in den Kultusministerien

Allerdings glaube ich, dass gegen die Macht der Konzerne, gegen die Verblendung der Politik und großer Teile der Medien kein Kraut gewachsen sein wird, dass genau das kommen wird, was noch mehr Schaden anrichten wird, als schon angerichtet worden ist. Precht, Kretschmann und viele andere haben mich hier recht pessimistisch werden lassen. Die Panik in den Kultusministerien und damit auch in den Parlamenten ist zu groß. Die Konzerne und ihre Lobby, ihre Unterstützer in den Medien, sind zu stark, um hier anderes, als auf die Maschine zu setzen, gesellschaftlich durchsetzen zu können. Die Last der Schuldenbremsen, diese rappaportsche BWL, die in dieser BWL verschulten Politiker und Verwaltungsmenschen, werden sich auch hier wieder durchsetzen, und das erneut wieder einmal nicht zum Wohle der Kinder und Jugendlichen, nicht zum Wohle der Gesellschaft.

Letzte Hoffnung

So bleibt mir nur die letzte Hoffnung, dass viele Eltern es ähnlich sehen werden, dafür sorgen werden, dass ihre Kinder zu Hause mit dem Kopf rechnen lernen werden, mit der Hand schreiben, malen, musizieren und viel Zeit an der frischen Luft werden verbringen können, möglichst mit Freunden und Freundinnen.

Ich hoffe, dass das Vorlesen wieder mehr in Mode kommt, den Weg aus den Bildungshaushalten heraus in alle Kinderzimmer finden wird. Insbesondere auf das Vorlesen hoffe ich, ist doch längst bekannt, dass der Unterschied zwischen einem Arbeiterkind und einem Kind aus besser situierten Verhältnissen bei den Bildungschancen nicht nur durch die ungleichen Einkommen bestimmt wird, sondern vor allem auch dadurch, dass ein Kind aus einem bildungsferneren Haushalt mit 8 Millionen gehörten Wörtern und ein Kind aus einem bildungsnäheren Haushalt mit bis zu 37 Millionen gehörten Wörtern ins schulische Leben, mit frappanten Vorteilen für das besser situierte Kind, startet. Sprache lernt das Kind über die Ohren, auch das ist lange schon wissenschaftlich bewiesen, und richtiges grammatikalisches Sprechen kann deshalb nicht falsch sein, was auch Herr Kretschmann nicht weiter ignorieren sollte.

Hier ruht meine Hoffnung wirklich auf den vielen Individuen, denn die Politik, die Gemeinschaft droht hier kläglich zu versagen, die Bildung gänzlich aufgeben zu wollen und noch dazu einer furchtbaren Krankheit den Boden zu bereiten.

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Heinz

Jahrgang 1958, am Leben interessiert, auch an dem anderer Menschen, von Rückschlägen geprägt. Nach diversen Tätigkeiten im Außendienst für mehrere Finanzdienstleister und zuletzt als Lehrkraft auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Ökonomie und Gesellschaft, den Kapitalismus in all seinen Formen zu verstehen und seit Jahren zu erklären ist meine Motivation. Denn ich glaube, nur wer versteht, wird auch Mittel finden, die Welt zu einer besseren Welt zu machen. Leid und Elend haben ihre Ursache im Unverständnis.

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