Manipulierbar? Ich doch nicht.

Es ist so wunderbar, dass man selbst immer genau die ausgewogenste Meinung hat. Nicht zu rechts, nicht zu links, nicht zu wenig Meinung und auf keinen Fall in Beton gegossen, man selbst ist ja flexibel im Denken. Und so festgefahren wie die anderen, das kann man ja gar nicht verstehen! Schließlich hat man sich die Meinung ja auch durch jede Menge unterschiedlicher Informationen zusammengetragen, erarbeitet, könnte man sagen. Es ist nur seltsam, dass so ziemlich jeder dieser Ansicht von seiner Meinung ist, auch Menschen, die eine andere Meinung haben als ich. Das kann ja gar nicht sein! Oder doch?

Derzeit scheint mir die offensichtlichste, aber dennoch relativ gut funktionierende Manipulation die Spaltung der Gesellschaft zu sein. Ob es nun um die Grenzöffnung 2015 geht, um den Klimawandel und damit verbundene Themen wie Tempolimit und Greta Thunberg oder die Diskussionen über Homöopathie. Aber der Schein trügt: Nach meiner Erfahrung ist die Trennung in der realen Gesellschaft nicht annähernd so radikal, wie es uns medial vermittelt wird. Kein Wunder: Nachrichten leben von ihrer Brisanz, und je mehr die Gemüter aufgeheizt sind, desto eher interessiert das Thema. Deshalb wird uns an jeder Ecke von fast allen Medien, privaten wie öffentlich-rechtlichen, diese Spaltung suggeriert.

Da werden dann auch gern die (un)sozialen Medien zur Hilfe genommen, um dieses Bild zu stützen: „Hate Speech“ und persönliche Diffamierung sind hier leicht zu finden und werden beispielhaft für die Positionen der Gesellschaft zur Schau gestellt. Ich bin ziemlich sicher, dass der Anteil pöbelnder Menschen hier überdurchschnittlich hoch ist (und darauf auch abzielen!). Aber nur weil diese Stimmen hier „lauter“ und einfacher zu finden sind, machen sie deshalb noch lange nicht einen solch überwiegenden Anteil der Gesellschaft aus. Die meisten Menschen um mich herum nutzen Pöbelportale wie facebook gar nicht und wenn, dann eher moderat. Gerade die Politik fällt immer wieder auf von Minderheiten produzierte „Shitstorms“ herein und reagiert reflexartig auf die billigsten Manipulationen (oder wie Tom Buhrow beim Oma-Lied).

Auch die Nachrichten, private wie öffentlich-rechtliche, tragen ihren Teil dazu bei: Schreckensmeldungen aus aller Welt werden uns täglich um die Ohren gehauen und suggerieren eine Welt, die in Gewalt und Verbrechen versinkt. Ein Amoklauf hier, eine Seuche da, ein bestechlicher Politiker sonst wo. Auch hier das gleiche Bild: Die Medien leben von der Aufmerksamkeit, und deshalb werden uns durchgehend die für uns schrecklichsten und emotionalsten Meldungen herausgepickt, egal wie weit entfernt und übertrieben die Darstellungen sind. „Busunglück in Indien? Mist, ich nehme heute lieber nicht den Bus zur Arbeit.“ Wer möchte mir denn erzählen, solche „Meldungen“ haben keinen emotionalen Einfluss auf das eigene Denken oder gar Verhalten?!

Die Gesellschaft ist so einfach zu manipulieren, dass man neben völlig irreleitenden Namen („Werteunion“, „Gute Kita-Gesetz“, „Alternative“ oder „Privatrente“) solche unterschwelligen Maßnahmen wie „Framing“ und „Othering“ nicht mehr zu suchen braucht, es langt, den Fernseher einzuschalten, die Zeitung aufzuschlagen oder das Internet zu besuchen. Es wird mit den Ängsten anstatt mit den Wünschen der Menschen gearbeitet, von rechts wie von links, aus der Mitte wie von den Rändern.

Die Nachrichtenindustrie boomt und Menschen bombardieren sich freiwillig über ihre Smartphones mit Meldungen und der Jagd nach dem schnellen Kick durch die nächste scheinbar wichtige Meldung. Anstatt sich Gedanken zur Relevanz zu machen, geht es darum, möglichst nichts an billigen Anreizen, die man zum Großteil in fünf Minuten wieder vergessen hat, zu verpassen. Wie das Einwerfen von Zucker, der nächste Schuss Heroin, die nächste Empörung und die damit einhergehende Adrenalinausschüttung.

Es wird Zeit, die Dinge wieder in die Relation zu setzen, in der sie wirklich stehen. Der Konsum von Meldungen scheint mir ebenso wie der Konsum von Gütern dem einfachen Grundsatz „think globally, act locally“ zu folgen, wenn ich ein vernünftiges Maß halten möchte. Da meint „think globally“ jedoch nicht „watch globally“, sondern sieh die Meldung mal in Relation zum Rest der Welt, wo das Gezeigte gerade NICHT auftritt und was es weltweit für eine Relevanz hat. Nachrichten leben von schlechten Nachrichten, ich nicht.

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Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

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