Unser krankes Gesundheitssystem

Dass es im deutschen Gesundheitssystem etliche Mängel gibt, ist ja schon länger bekannt, wurde aber in den letzten Monaten wegen Corona noch mal stärker öffentlich thematisiert als zuvor. Das Pflegepersonal arbeitet sich ins Burn-out, die Qualität der Patientenversorgung bleibt dabei auf der Strecke, multiresistente Keime fordern jedes Jahr eine fünfstellige Anzahl von Opfern (die Zahlen schwanken da ziemlich), und Ärzte wandern zuhauf ab ins Ausland, weil sie dort bessere Arbeitsbedingungen vorfinden und höhere Löhne erhalten – alles in erster Linie auch den Privatisierungen im Gesundheitssektor und den damit verbundenen Renditeerwartungen der Investoren geschuldet. Als wenn das nicht schon schlimm genug wäre, gibt es aber noch einige weiter Missstände, die dann insgesamt zeigen, dass eine Umstrukturierung unseres Gesundheitswesens ausgesprochen abgebracht wäre.

Kassensitze

Meiner Erfahrung nach ist vielen gar nicht bewusst, dass ein Arzt nicht einfach so irgendwo eine Praxis aufmachen kann – zumindest dann nicht, wenn er dort auch Patienten der gesetzlichen Krankenkassen behandeln will. Das wird nämlich recht rigoros begrenzt durch die Kassensitze. Wenn also irgendwo schon zwei Ärzte sind und es dort zwei Kassensitze gibt, kann erst dann ein weiterer Arzt sich dort niederlassen, wenn einer der beiden Ärzte wegzieht, in den Ruhestand geht oder aus anderen Gründen aufhört zu praktizieren. Der neue Arzt muss dann übrigens für sehr viel Geld, in der Regel ein sechsstelliger Betrag, den Kassensitz von seinem Vorgänger erwerben.

Das führt nun dazu, dass bei gesteigertem Patientenaufkommen entweder die Behandlungszeit pro Patient runtergefahren werden muss oder aber die Wartezeiten immer länger werden. Letzteres kennt wohl jeder, der einen Termin bei einem Facharzt benötigt, da kann es durchaus schon mal ein paar Monate dauern, bevor man dort vorsprechen kann.

Und diese paar Monate können dann übrigens dazu führen, dass beispielsweise ein Patient mit Kopfschmerzen zum Arzt geht und sich dann ein Hirntumor Monate später beim Neurologen oder Radiologen als mittlerweile nicht mehr therapierbar herausstellt …

Ein Arzt kann übrigens auch nicht einfach mehr arbeiten, wenn er einen Kassensitz hat, da er diese Mehrarbeit dann nicht abrechnen könnte. Dieses System ist also extrem unflexibel, sodass auf gesundheitliche Veränderungen, beispielsweise die seit Jahren zunehmende Zahl von arbeitsbedingten psychischen Erkrankungen, vonseiten der Ärzte nicht reagiert werden kann. Es kann also quantitativ nicht so behandelt werden, wie ein tatsächlicher Bedarf besteht, sondern wie es ein starres System vorgibt. Ziemlich idiotisch, oder?

Krankenkassen

Wobei ja das System mit den vielen verschiedenen Krankenkassen an sich eh schon recht unsinnig ist, wie ich finde. Dadurch ergibt sich nicht nur eine Zweiklassenmedizin (gesetzlich und privat Versicherte), sondern jede Krankenkasse hat ja auch ihre eigene Administration (Vorstände, Aufsichtsräte, Marketingabteilung …) und gibt eine Menge Geld für Werbung und Öffentlichkeitsarbeit aus, das m. E. eigentlich sinnvoller für die Behandlung von kranken Menschen ausgegeben werden sollte.

Wesentlich praktikabler wäre da doch eine einzige öffentliche Krankenkasse, in die jeder einzahlt, und zwar den gleichen Prozentsatz seines Einkommens. Ich tippe mal, dass die meisten dann weniger bezahlen würde als bisher, da ja einige wenige mit sehr hohen Einkommen sich dann nicht mehr über die private Krankenkasse quasi von der Solidargemeinschaft „freikaufen“ könnten, sondern eben auch ihren Beitrag leisten würden zum Gesundheitssystem.

Zusatzversicherungen für beispielsweise Schönheits-OPs, Chefarztbehandlung, Einzelzimmer oder anderes Chichi könnte es dann ja immer noch für diejenigen geben, die auf so was Wert legen. Und da können dann die Anbieter auch gern gegeneinander konkurrieren auf Teufel komm raus, da dieser Bereich dann getrennt wäre von der medizinischen Grundversorgung.

Pauschalen

Seit einigen Jahren erfolgt die Abrechnung vieler Behandlungen nach Pauschalen. Das bedeutet, dass es feste Beträge gibt, die Ärzten und Krankenhäusern für die Behandlung von bestimmten Erkrankungen und Beschwerden gezahlt werden, sodass nicht mehr der eigentliche individuelle Behandlungsaufwand, sondern die Diagnose ausschlaggebend sind für die Entlohnung. Davon versprach man sich eine größere finanzielle Effizienz, doch leider ist eine solch starres System in einem komplexen Feld wie der Medizin denkbar ungeeignet.

Schließlich ist ja nicht jeder Patient gleich, und nicht jeder Beinbruch heilt genau gleich schnell. Ein Resultat dieser Abrechnungspraxis ist nun, dass es immer öfter sogenannte blutige Entlassungen gibt, das heißt, dass der Patient im Grund noch nicht vollkommen genesen ist, wenn er die Klink verlässt – aber er bringt eben nicht mehr Geld, wenn er noch länger dort verweilt. Zudem werden Ärzte quasi bestraft, die sich Zeit nehmen für ihre Patienten, denn ein Arztgespräch bei der Diagnose eines grippalen Infekts bringt genauso viel ein, wenn es nur zwei Minuten dauert, als wenn der Arzt sich zehn Minuten mit seinem Patienten beschäftigt. Die Folge: Arzttermine wie am Fließband, genauere Untersuchungen entfallen oft (was ich schon am eigenen Leibe erfahren durfte vor ein paar Jahren, als ich einen schwer entzündeten Blinddarm hätte, der von meinem damaligen Hausarzt innerhalb von einer Minute als Magen-Darm-Infekt mit etwas atypischen Beschwerden abgetan wurde).

Von Kinderärzten will ich hier gar nicht erst anfangen, denn Kinder sind eben oft beim Arzt zappelig und haben teilweise Angst, sodass die Behandlung in der Regel länger dauert.

Und was noch hinzukommt: Das System verführt dazu, lukrative Falschdiagnosen zu stellen, weil diese eben besser vergütet werden. Das geht so weit, dass mittlerweile häufig Operationen durchgeführt werden, die gar nicht notwendig wären, weil die konservative Behandlung des Leidens im Verhältnis zeitaufwendiger wäre und schlechter entlohnt wird.

Insgesamt kann man also sagen, dass die Abrechnung über Pauschalen diejenigen Ärzte benachteiligt, die gewissenhaft arbeiten und denen das Patientenwohl wichtig ist, wohingegen diejenigen Vorteile haben, die diese Ökonomisierung einfach mitgehen und vor allem ihren eigenen Profit im Kopf haben.

Hoher Numerus clausus 

In Deutschland herrscht Ärztemangel. Da in anderen Ländern wie beispielsweise Großbritannien, den Niederlanden, Norwegen oder der Schweiz deutlich bessere Arbeitsbedingungen herrschen und zudem höhere Löhne gezahlt werden, wandern viele deutsche Ärzte dorthin ab. Diese Lücken werden dann mit Ärzten aus anderen Ländern gefüllt, was in zweierlei Hinsicht problematisch ist: Zum einen gibt es da dann oft sprachliche Probleme (und gerade bei einer medizinischen Behandlung sind präzise und eindeutige Formulierungen ja schon wichtig), zum anderen fehlen diese Ärzte dann in ihren Heimatländern.

Absurderweise hat das Medizinstudium dann allerdings einen extrem hohen Numerus clausus (NC), nämlich von 1,0 bis 1,1 (s. hier). Man braucht also auf der einen Seite dringend neue Ärzte, verbaut aber vielen, die Interesse an einem Medizinstudium hätten, die Möglichkeit dazu mit diesem aberwitzigen NC.

Mal abgesehen davon, dass ich diese NC-Praxis eh etwas seltsam finde: Nur weil jemand besonders gut in der Schule gewesen ist (was häufig damit zu tun hat, wie viel Nachhilfeunterricht die Eltern finanzieren konnten – das ist heute auch bei Abiturienten gang und gäbe), muss derjenige ja noch lange kein guter Arzt werden. Aber wenn man nun mal schon so was wie einen NC hat, warum wird dieser dann nicht mal ein wenig an den Bedarf angepasst und entsprechend bei Medizin etwas gelockert? Soll hier partout ein elitäres Bild vom Arzt als Halbgott in Weiß aufrechterhalten werden? Oder was steckt sonst dahinter? Für mich ist das schlichtweg unlogisch …

Pflege als „Fließbandarbeit“ und Schreibtischtätigkeit

Auch in der Pflege herrschen etliche Notstände, wie ich ja oben schon schrieb und wie seit Längerem bekannt ist. Wenn ich dann allerdings in einem Artikel in den Blättern für deutsche und internationale Politik (leider nur gegen Bezahlung lesbar) zu dem Thema lese, dass das Pflegepersonal angewiesen wird, im Fünfminutentakt die zu Betreuende abzuarbeiten und dann noch immer mehr Zeit mit Dokumentation und anderem Papierkram verbringen muss, dann wird klar, dass da etwas gehörig falsch läuft.

Aber klar: Pflegeeinrichtungen sind überwiegen privatisiert worden und müssen insofern ordentlich Rendite abwerfen für Investoren, da stehen die Pflegebedürftigen eben hintenan und sind irgendwie so was wie ein notwendiges Übel, das möglichst schnell und effizient abgearbeitet werden muss, was dann genauestens zu protokollieren ist, um weitere finanzielle Optimierungsmöglichkeiten entwickeln zu können.

Dabei braucht man doch gar nicht so viel Fantasie, um sich bessere Methoden vorzustellen, wie pflegebedürftige Menschen unterstützt werden könnten. Beispielsweise durch öffentlich finanzierte lokale/regionale Pflegestationen, die Menschen in der Umgebung betreuen, die trotz Pflegebedarf noch zu Hause wohnen – oder deren Angehörige unterstützen. Die Vorteile lägen auf der Hand – nur blöderweise sind damit eben keine Rendite zu erzielen wie mit den Pflegeheimen, und da Investoren für neoliberale Politiker eben mehr zählen als pflegebedürftige Menschen, wird so was vermutlich auch eher nicht umgesetzt werden.

 

Unser Gesundheitssystem könnte so viel besser sein, als es zurzeit ist, und die Probleme sind fast alle hausgemacht. Doch anstatt hier mal eine wirkliche Reform in Gang zu bringen und das Gesundheitswesen an den gesellschaftlichen Bedürfnissen auszurichten, wird an alten Zöpfen festgehalten – und im Grunde mit der Fokussierung auf eine zunehmende Profitorientierung immer nur verschlimmbessert.

Aber was soll man auch erwarten, wenn ein Bankkaufmann und Lobbyist den Bundesgesundheitsminister gibt …?

print

Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

Ein Gedanke zu „Unser krankes Gesundheitssystem“

  1. In der Tat ist es seltsam, dass jemand mit schlechten Noten in Spanisch und Sport kein Arzt werden sollte, da der NC (Numerus Clausus) meines Wissens aus allen Noten berechnet wird. So oder so kann ich jedem Punkt hier zustimmen und die Privatisierung der Krankenhäuser war schon immer einer der größten Fehler für mich. Grundbedürfnisse und kommerzielle Interessen sollten nicht auf einem Blatt stehen. Danke für den Beitrag, nun machen wir uns mal auf die Missstände zu beenden!

Schreibe einen Kommentar