Filmtipp: Joker

Wie kann man die Gefühle eines zutiefst beklemmenden, aber auch extrem erhellenden Films in ein für andere Menschen nachvollziehbares Verhältnis stellen? Gar nicht, denke ich jetzt, wo ich den Joker zum dritten Mal gesehen habe, aber noch immer Meilen von dessen Bedeutung und emotionaler Tiefe entfernt bin. (Ich war sogar einmal komplett nüchtern!) Nach meinem Verständnis muss man entweder ein extrem glückliches oder ein extrem ignorantes Leben gehabt haben, um nicht mit dem Protagonisten zu verschmelzen, der wahrhaftig und unvergleichlich authentisch von Joaquin Phoenix verkörpert wird.

Zur Story: Der Mietclown Arthur Fleck lebt im Gotham einer Zeit, in der Egoismus und Gewalt dominieren und das Miteinander kaum Platz findet. Durch eine traumatische Störung lacht er lautstark, wenn ihm Dinge unangenehm sind oder er eigentlich durch tiefe Betroffenheit seine Anteilnahme ausdrücken möchte. Natürlich führt das in einer wenig empathischen Gesellschaft zu Konflikten und gewaltsamen Auseinandersetzungen. Der Versuch, diese und weitere Störungen durch Medikamente in den Griff zu bekommen, scheitert kläglich an der harten Realität und den Schicksalsschlägen, die der Protagonist im Laufe des Filmes reichlich zu schlucken bekommt. So transformiert der verletzliche Clown mit Gewalt zur Symbolfigur einer gespaltenen und zunehmend anarchistischen Gesellschaft.

Im Laufe des Films habe ich mich trotz der typisch düsteren Stimmung von Gotham City nicht einen Moment im DC Universum (Batman & Co.) wiedergefunden, und keinen Moment hätte ich gedacht, dass der Schurke eine solche Anziehungskraft würde entwickeln können, aber es funktioniert, und zwar erschreckend gefühlsecht und unwiederbringlich endgültig: Der Joker ist die Personifizierung des Bösewichts, ohne jemals böse Absichten oder Ambitionen gehabt zu haben. Selten wurde mir so eindrucksvoll und nachvollziehbar die dunkle Seite des Menschen gezeigt und wie sehr der Mensch das Resultat seiner Sozialisierung ist. Dies auch für sein direktes Umfeld zu erkennen macht den Umgang mit vermeintlich „schlechten Menschen“ sehr viel einfacher, denn selten ist es eine bewusst gewollte Entscheidung, egoistisch oder gewalttätig zu sein.

Sollte dieser Film für Menschen freigegeben werden, die nicht psychisch gefestigt sind und mit mehr als drei Beinen fest am Boden haften? Oder ist dieser Film für die meisten Menschen komplett langweilig und langatmig, wie ich es schon gelesen und gehört habe? Woher soll ich es wissen? Was ist wahrhaft krank: der Protagonist oder die Gesellschaft? Wie viel Ignoranz kann eine Gesellschaft vertragen? Aktuelle Fragen, aber keine universellen Antworten, auch hier und jetzt nicht.

Für mich ein Manifest, eine Tragödie ungeahnten Ausmaßes und ein Meisterwerk von Regisseur Todd Phillips und den Schauspielern, das für mich lange Zeit seinesgleichen suchen wird. Ich glaube nicht, dass ich jemals etwas Verstörenderes und gleichzeitig so Authentisches gesehen habe, und am Ende werde ich diesen Film fast niemandem empfehlen können, denn vielen Menschen würde ich diese tiefe Trauer und Verstörung nicht zumuten wollen. Deshalb empfehle ich den Film hier ausdrücklich nur Menschen, die sich nicht gerade in einem schwierigen und dramatischen Abschnitt ihres Lebens befinden.

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Dirk

Jahrgang 1974, in erster Linie Teil dieser Welt und bewusst nicht fragmentiert und kategorisiert in Hamburger, Deutscher, Mann oder gar Mensch. Als selbstständiger IT-Dienstleister (Rechen-Leistung) immer an dem Inhalt und der Struktur von Informationen interessiert und leidenschaftlich gerne Spiegel für sich selbst und andere (als Vater von drei Kindern kommt dies auch familiär häufig zum Einsatz). Seit vielen Jahren überzeugter Vegetarier und trotzdem der Meinung: „Alles hat zwei Seiten, auch die Wurst hat zwei!“

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