Wenigstens nicht Merz – dennoch kein Grund zur Erleichterung

Die CDU hat einen neuen Vorsitzenden gewählt, und das ist insofern wichtig, als dass der aller Voraussicht nach nächstes Jahr auch neuer Bundeskanzler wird – ansonsten könnte einem das, was diese durch und durch korrumpierte Partei so treibt, ja eigentlich auch reichlich egal sein. Und man spürt Erleichterung: wenigstens nicht Merz! Das stimmt natürlich, aber ist Armin Laschet nun wirklich so viel besser? Ich glaube kaum …

Klar, Friedrich Merz ist eine neoliberale Hardliner ohne Prinzipien, dazu noch mit misogynen und rassistischen Anlagen, was ihn dann auch ziemlich weit im rechten CDU-Spektrum (und damit quasi schon auf Augenhöhe mit der AfD) verortet. Dass so einer Bundeskanzler würde (und damit ist ja aller Voraussicht nach im nächsten Jahr nach der Bundestagswahl zu rechnen), käme einem Trump-Desaster schon recht nahe. Zumal es dann vielleicht auch nichts mit Schwarz-Grün geworden wäre (viele Grünen-Mitglieder hätten sicherlich mit Merz deutlich größere Probleme als mit Laschet – wobei die Grünen sich ja schon oft reichlich schmerzbefreit bei der Wahl ihres schwarzen Koalitionspartner gezeigt haben, wenn sie denn dafür Pöstchen bekommen), sodass gleich Bahamas (CDU und AFDP) als Koalition die Regierungsgeschäfte übernommen hätte.

Nun wirkt Laschet zwar wie ein Biedermännchen, das eigentlich keiner Fliege was zuleide tun kann, aber dass das nicht so ganz zutrifft, erschließt sich einem, wenn man mal einen Blick darauf wirft, was er denn zusammen mit der FDP in Nordrhein-Westfalen so verzapft hat in den letzten Jahren: Hambacher Forst, massiv verschärftes Polizeigesetz, ein Innenminister Herbert Reul, der einen Skandal nach dem nächsten produziert und seine Polizei überhaupt nicht im Griff hat – diese Liste könnte noch ein gutes Stück weiter fortgesetzt werden.

Was noch hinzukommt: Politiker aus NRW sind in der Regel auch sehr große Freunde der Kohlindustrie. Nun kann man sich also fragen, ob wir angesichts der drohenden Klimakatastrophe und der ohnehin schon viel zu zögerlichen und industriefreundlichen CDU-Politik nun auch noch einen Kohlekanzler Laschet brauchen. O. k., das ist wohl eher eine rhetorische Frage, zumindest für diejenigen, denen das zukünftige Schicksal der jungen Menschen von heute nicht komplett egal ist und die selbst auch noch in 20 Jahren eine einigermaßen intakte Biosphäre zum Leben haben wollen.

Insofern frage ich mich gerade, ob angesichts dieser Laschet-Perspektive von weiteren mindestens vier Jahren „Weiter so“ nicht vielleicht ein Parteivorsitzender und damit auch späterer Kanzler Merz fast besser gewesen wäre. Nicht dass ich diesem ekligen Typen irgendwas abgewinnen könnte, aber dann wäre die Katze wenigstens aus dem Sack und die CDU hätte das passende Gesicht zu ihrer Politik. Und vielleicht hätte ein Merz durch seine sozialdarwinistische und menschenverachtende marktradikale Betonköpfigkeit die Dysfunktionalitäten des derzeitigen Wirtschaftssystems nur noch offener und deutlicher aufgezeigt, als das unter einem Kanzler Laschet der Fall sein würde.

Vielleicht wäre Merz also ein Ende mit Schrecken gewesen – was ja bekanntlich dem Schrecken ohne Ende, für das Laschet stehen dürfte, vorzuziehen ist.

Insofern freue ich mich persönlich schon darüber, dass Merz nun eine Niederlage einstecken musste, allerdings fällt es mir eben aus oben genannten Gründen schwer, auch nur ansatzweise Erleichterung zu verspüren.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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