Chernobyl

Kürzlich sah ich die HBO-Miniserie „Chernobyl“, die sich, wie der Titel unschwer erraten lässt, mit dem katastrophalen Reaktorunfall im sowjetischen Tschernobyl von 1986 beschäftigt. Und da mich das Gesehen schwer beeindruckt hat, wollte ich Euch das auch als Empfehlung ans Herz legen.

Nun könnte man denken, dass so was nicht so spannend sein könnte, weil man ja schon weiß, dass das AKW letzten Endes hochgeht – und darum beginnt die Handlung (nach einem kurzen Intro) auch direkt in dem Moment der Katastrophe. Was dann in fünf Folgen mit insgesamt 330 Minuten Länge als Plot erzählt wird, ist die Aufarbeitung des Unglücks, und das hat es ziemlich in sich!

Die Atmosphäre ist dabei sehr beklemmend, was auch von der düster-klaustrophobischen Musik verstärkt wird, die Ausstattung ist extrem gut getroffen, sodass man wirklich den Eindruck bekommt, dass sich das alles in der Sowjetunion Mitte der 1980er-Jahre abspielt. Und die Schauspieler überzeugen auf ganzer Linie, allen voran Jared Harris als Wissenschaftler Valery Legasov. Die Beziehung zwischen ihm und dem Politfunktionär Boris Shcherbina, ebenfalls klasse dargestellt von Stellan Skarsgård, die zunächst von reichlich Spannung, später aber immer mehr Gemeinsamkeiten geprägt ist, stellt eines der zentralen Handlungselemente der Serie dar und zeigt exemplarisch den Konflikt zwischen Wissenschaft und Politik auf bei der Bewältigung der Katastrophenfolgen.

Ebenfalls weiß Emily Watson als Kernphysikerin Ulana Khomyuk zu brillieren. Im Gegensatz zu den meisten anderen Figuren ist die von ihr dargestellte Person rein fiktiv, sie steht stellvertretend für viele Wissenschaftler, die sich bei der Bewältigung der Katastrophe und der Aufklärung der Ursachen engagiert und auf die Seite von Legasov gestellt haben. Nur war es für einen Film eben griffiger, das in einer Wissenschaftlerin zu personifizieren und so etwas übersichtlicher darzustellen.

Doch nun zur Handlung: Nach der Katastrophe und der zumeist sehr naiven und ungläubigen Reaktion von vielen Beteiligten, Anwohnern und auch Politikern wird bald deutlich, dass es sich nicht nur um einen kleinen Unfall mit begrenzten Auswirkungen handelt, auch wenn Valery Legasov hier erst mal ziemlich dicke Bretter bohren muss bei seiner Überzeugungsarbeit. Vonseiten der Politik ist man vor allem bemüht, das Bild der „glorreichen Sowjetunion“ in der Öffentlichkeit und natürlich auch im Ausland nicht Schaden nehmen zu lassen, sodass erst mal viel abgewiegelt und vertuscht wird. Bald wird jedoch offensichtlich, dass das nicht funktioniert und drastische Maßnahmen ergriffen werden müssen.

Was dabei vor allem deutlich wird: Die ganze Nummer hätte noch wesentlich schlimmer ausgehen können, wenn da nicht etliche Menschen auf selbstaufopfernde Art und Weise Schadensbegrenzung betrieben hätten – Helden, deren Namen wir nicht mal kennen, die aber dazu beigetragen haben, dass beispielsweise uns in Deutschland ein richtig übler Fallout erspart geblieben ist.

Und so geht es dann neben der Beseitigung der Unfallfolgen auch schon bald darum, die Schuldigen für diese Katastrophe ausfindig zu machen – den einen deswegen, um einen Sündenbock präsentieren und sich selbst eine weiße Weste verschaffen zu können, den anderen vor allem aus dem Grund, dass eine solche Katastrophe in Zukunft vermieden werden soll.

Hierbei entwickelt sich eine besondere Spannung aufgrund des hierarchischen und bürokratischen Verwaltungs- und Machtapparats der Sowjetunion, zumal auch der KGB mitmischt.

Ich fand die Serie von Anfang bis Ende durchgehend spannend und fesselnd, zudem sehr atmosphärisch. Klar, das ist kein Gute-Laune-Stoff und mitunter wirklich harter Tobak. Vor allem wenn man sich fragt, wie nach so einem Unfall noch ernsthaft weiterhin Atomkraftwerke betrieben werden konnten (und ja immer noch betrieben werden). Was passiert, wenn das außer Kontrolle gerät, war nun mehr als deutlich zu sehen – und hat sich dann ja in Fukushima 25 Jahre später wieder auf grausame Weise gezeigt.

Was für eine dumme menschliche Hybris, mit so einer Technologie rumzuspielen! Aber so ist unser System nun mal: Wenn etwas Profit abwirft, dann wird es eben auch gemacht, egal, wie schädlich das ist.

Vor mir gibt es also eine klare Empfehlung: Schaut Euch das an! Selten habe ich Zeitgeschichte in einer so hervorragenden und eindrücklichen filmischen Aufmachung gesehen.

Wer jetzt Appetit bekommen hat, kann sich ja schon mal den Trailer auf YouTube ansehen. Ansonsten macht man da auch nichts verkehrt, wenn man sich die Serie auf DVD oder BluRay holt (aber bitte nicht bei Amazon) – mit unter 20 Euro ist man schon dabei.

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Karl

Jahrgang 1969, ist nach einem Lehramtsstudium und diversen beruflichen Tätigkeiten seit 2002 freiberuflicher Lektor (Auf den Punkt). Nach vielen Jahren in Hamburg, lebt er nun seit November 2019 in Rendsburg. Neben dem Interesse für politische Themen ist er ein absoluter Musikfreak und hört den ganzen Tag Tonträger. An den Wochenenden ist er bevorzugt in Norgaardholz an der Ostsee und genießt dort die Natur.

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